Es war für Carina Engel "ein schmerzlicher Prozess, dass man auf sein Recht pocht, wenn man einen netten Chef hat".

Auch nach zwei Jahren im Amt hadert die stellvertretende Vorsitzende des Cinestar-Betriebsrats manchmal noch mit sich, wenn sie die Interessen der Belegschaft engagiert vertritt.

Christian Euler, der Vorsitzende des Gremiums, wirkt schon abgehärteter. Er sagt: "Wir sind nicht skrupellos, aber wir haben keine Skrupel mehr."

Erst seit Februar 2011 gibt es einen Betriebsrat im größten Bamberger Kino. Doch der hat schon so viel angepackt und erreicht, dass er zu den Nominierten für den Deutschen Betriebsrätepreis 2013 gehört. 14 von 87 Bewerbern werden sich und ihre Arbeit am 16. und 17. Oktober in Bonn im alten Plenarsaal vorstellen.

Carina Engel und ein Kollege vom ebenfalls nominierten Cinestar Mainz werden dort über den "Aufbau von Betriebsrats-strukturen in atypischen Beschäftigungssituationen" sprechen.

In den über 60 Cinestar-Niederlassungen in Deutschland arbeiten vornehmlich Minijobber, Teilzeitbeschäftige, darunter viele Studenten, und wenige Vollzeitkräfte. Christian Euler ist einer von zwei Vollzeitkräften im Bamberger Cinestar. Carina Engel jobbt auf 400-Euro-Basis, wie die meisten im 62-köpfigen Team.

"Mangelnde Sozialleistungen, geringe Stundenlöhne und schließlich auch die Streichung von Mitarbeitervorstellungen oder anderen Vergünstigungen für die Beschäftigten führten in Bamberg und Mainz zur Gründung von Betriebsräten - zum Teil gegen den massiven Widerstand des Arbeitgebers". So heißt es in der Dokumentation ihrer Arbeit, mit der sich die Bamberger und Mainzer Betriebsratsgremien beworben haben.

Schon viel erreicht

Sie hätten sich keine wirklichen Chancen auf eine Nominierung ausgerechnet, sagt Euler - aber bei der Zusammenstellung der Bewerbungsunterlagen und beim Auflisten des Erreichten selbst gestaunt, was man in der ersten Amtszeit schon alles angepackt und durchgesetzt habe.

Vom Einsatz des Bamberger Betriebsrats haben auch die Beschäftigten in Niederlassungen ohne Arbeitnehmervertretung profitiert, berichtet Euler. Man habe unter anderem einen Tarifvertrag erkämpft, Mindesturlaubsansprüche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Vereinbarung von Zulagen für Nachtvorstellungen.

Die nächste große Herausforderung steht mit der Digitalisierung an, auch im Bamberger Haus. "Die Interessenausgleichs-Verhandlungen sind im Gange. Es wird zwar massive Einsparungen an Stunden geben, aber es werden wohl 1,5 Vollzeitarbeitsplätze erhalten bleiben", erläutert Euler bei einem Rundgang hinter den Kulissen des Kinos auf dem "Atrium"-Dach. In Häusern ohne Betriebsrat sei bundesweit schon über 60 Vorführern gekündigt worden. In Häusern mit Betriebsrat sei "noch nichts passiert".

Der Personalabbau droht, weil ein Kino mit digitalisierten Filmen weitgehend automatisiert arbeiten kann. Dagegen seien für den Umgang mit analogen Filmen längere Einarbeitungszeiten und "Mitarbeiter mit Gefühl" erforderlich.

Worauf führen Euler und Engel den Erfolg ihrer Arbeit zurück? Man nützt alle Möglichkeiten der Weiterbildung, um möglichst auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber diskutieren zu können. Notfalls setzt man einen im Betriebsverfassungsgesetz verankerten Anspruch mit juristischen Mitteln durch.

Sie betonen aber auch, wie wichtig die Unterstützung der Gewerkschaft (Verdi) und eine "starke Anwaltskanzlei" seien; ohne deren Hilfe "hätten wir nie so einen Superstart hingelegt", dass ein Preis in Reichweite ist.

Als Querulanten verschrieen?

Wer sich für die Belegschaft einsetzt, erntet nicht nur Anerkennung, wissen unsere Gesprächspartner. Sie seien in der Zentrale schon "als Querulanten verschrieen".

Der Vorsitzende und seine Stellvertreterin machen jedoch nicht den Eindruck, dass sie unter diesem Ruf leiden würden. Leid scheint ihnen eher ihr unmittelbarer Bamberger Vorgesetzter zu tun, der "nette Chef", von dem Engel sprach, der aber die Weisungen von weiter oben umsetzen müsse.

Die 31-Jährige ist zwar nicht ausschließlich auf ihre Nebentätigkeit angewiesen, muss aber im Kino ihren Lebensunterhalt verbessern. Sie fing während des Studiums im damals neu eröffneten Cinestar an und blieb dabei, weil sie nach eigenen Angaben die Kino-Atmosphäre liebt.

Mit der Liebe zu der Tätigkeit erklärt sie auch ihr Engagement als Betriebsrätin. Wäre ihr das Unternehmen nicht wichtig, würde sie sich nicht dafür einsetzen, dass die Menschen dort gerne arbeiten. Früher sei sie völlig blauäugig gewesen, habe Dinge akzeptiert, von denen sie heute wisse, dass sie nicht in Ordnung waren. Gerade weil sie ihren Job mag, engagiere sie sich: "Bei uns ist nicht alles gut. Aber bei uns ist auch nicht alles schlecht."

Lob vom Arbeitgeber

Vom Arbeitgeber wird die Nominierung durchaus positiv gewertet. Auf FT-Anfrage stellte der Geschäftsführer der Cinestar-Gruppe, Stephan Lehmann, fest: "Gemeinsam haben wir mit den Betriebsräten und Verdi im vergangenen Jahr einen flexiblen, standortabhängigen Manteltarifvertrag vereinbart. Dies zeigt, dass wir auf sehr engagierte Mitarbeiter zählen können, die sowohl für Mitarbeiterbelange eintreten, als auch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens im Auge haben". Er gratuliere daher zur Nominierung.
Die Fahrtkosten nach Bonn übernimmt der Arbeitgeber aber nicht.