Eine der jüngsten fränkisch-brasilianischen Verbindungen heißt Cauê, ist ungefähr 80 Zentimeter groß und hat schwarze Locken. Der kleine, ein Jahr und vier Monate alte Junge ist der Sohn von Hebert Silva Santos und Bianca Kühnert. Beide betreiben in Bamberg das "Studio Favela". Zumba kann man hier auch tanzen. Aber der Brasilianer Santos hat eine andere Leidenschaft: Er ist Capoeira-Tänzer und will sein Wissen weitergeben.
Unter dem Namen Hebert Silva Santos kennt ihn eigentlich niemand. Alle nennen ihn Cebolinha (gesprochen: Sebolinja). Auch seine Lebensgefährtin Bianca. Auf einem brasilianischen Fest in Erlangen haben sich die beiden vor einigen Jahren kennen gelernt. Cebolinha, der Capoeirista aus Salvador, der zuvor eine Capoeira-Schule in Moskau betrieb. Und Bianca Kühnert, geboren in Lichtenfels, die einst nach der Schule ein Praktikum in Brasilien machte und dort mit Meeresschildkröten und Faultieren arbeitete.

Immer wieder zog es die junge Frau nach Brasilien. "Ich hatte sogar schon Pläne auszuwandern. Dann habe ich Cebolinha kennen gelernt", erzählt sie. Inzwischen wohnt sie mit ihrem brasilianischen Partner und dem gemeinsamen Sohn im Umland von Bamberg, die Eltern ganz in der Nähe. "Jetzt habe ich hier mein Stück Brasilien", sagt sie. "Ein bisschen kälter, aber auch schön."

In einer Favela aufgewachsen

Aus den Lautsprechern in der kleinen Turnhalle erklingen südamerikanische Klänge. Cebolinha und Bianca stehen sich gegenüber. Beide haben weiße Hosen an. Cebolinha führt sein Bein über Bianca, sie duckt sich weg. Was folgt, sind große Ausfallschritte, Biegungen der Körper und weitere kontrollierte Bewegungen. Die beiden berühren sich kaum. Aber sie fixieren sich. "Man darf den Gegner nicht aus den Augen lassen", sagt Bianca.
Ist das nun Tanz oder Kampf? "Capoeira spielt man", sagt Bianca. Was bei den beiden so spielerisch aussieht, ist ohne Anstrengung nicht zu erreichen. Wer Capoeira betreibt, muss kraftvoll, anmutig und hellwach agieren. Afrikanische Sklaven erfanden diesen Kampftanz während der Kolonialzeit in Brasilien, um sich aus der Enge der Unterdrückung zu befreien. Sie übten Verteidigungsschritte - und tarnten es als Tanz.

Heute kommen bei Capoeira die verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen. "Capoeira ist viel mehr als Sport. Es ist eine Lebensart, beinhaltet Religion und Erziehung", sagt Cebolinha.
Der junge Mann, der in gut einem Monat 29 Jahre alt wird, ist in Salvador (Bundesstaat Bahia) in einer Favela aufgewachsen. Wie alle Kinder dort hatte er den Traum, ein berühmter Fußballspieler zu werden. "Ich habe viel Fußball gespielt - bis ich Capoeira kennen gelernt habe", erzählt er. Der Capoeira-Meister Mestre Carlinhos, nach dessen Philosophie und Regeln Cebolinha heute noch unterrichtet, übernahm nach Aussage des Brasilianers den Hauptteil seiner Erziehung. "Ein Mestre in Brasilien denkt da nicht ans Geldverdienen. Er holt die Kinder ehrenamtlich von der Straße", berichtet der Bamberger Capoeira-Dozent. Meister Carlinhos zum Beispiel, mittlerweile zwischen 50 und 60 Jahre alt, verdiene sein Geld als Taxifahrer in Salvador.

Auch die Musik wird unterrichtet

Im Laufe der Jahrzehnte sind bei Capoeira Teile anderer Kampfkünste eingeflossen. So gibt es auch hier Gürtel, die die Leistungsstärke dokumentieren. Cebolinha hat einen dunkelblauen, den elften von 19 möglichen. In der fränkischen Szene hat er sich einen Namen gemacht. Man kennt sich untereinander: Cebolinha unterrichtet in Bamberg und Herzogenaurach, in Coburg lebt der Capoeira-Lehrer Falcão, in Erlangen wirkt Desenhado und in Nürnberg sind Jamanta und Paulo Sorriso aktiv.

Religiöse Elemente sind bei der Capoeira auch zu spüren: So gibt es zur Aufnahme in die Gemeinschaft eine Taufe (Batizado). Fundamental ist daneben die musikalische Begleitung. Zum Capoeira-Unterricht in Bamberg gehören deshalb Gesangs- und Instrumentalausbildung. Zweimal in der Woche können die Teilnehmer typische Capoeira-Instrumente wie die Berimbau, das Pandeiro (Schellentamburin) oder die Atabaque (eine Art Conga) erlernen.
Im Fußball sieht Cebolinha eine Gemeinsamkeit zwischen seiner Wahlheimat Franken und seinem Heimatland: "Die Fußballbegeisterung ist auch hier groß. In fast jedem fränkischen Dorf gibt es einen Fußballverein", hat der Brasilianer festgestellt. Auch die Liebe zum Bier sei hier wie dort ähnlich. Allerdings gebe es in Brasilien 0,6-Liter-Flaschen - und die seien stets eisgekühlt. "Uns Brasilianern ist das Bier in Franken oft zu warm", sagt Cebolinha.