Was sieht der Zuschauer in Theater, Oper oder Musical als erstes, wenn sich der Vorhang hebt? Eine mehr oder minder vollgestellte Bühne, erster Impuls zum Wundern oder Dechiffrieren - was will er uns damit sagen?
Er ist im Falle des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Jens Hübner, geboren 1965 in Coswig, Sachsen-Anhalt, nach einem nicht allzu geraden Lebensweg heute Ausstattungsleiter in Bamberg. Was bedeutet, dass er Kostüme und Bühnenbild gleichzeitig verantwortet. Die Biografie: ein eigenes Drama. Noch in der DDR absolviert Hübner eine Lehre zum Karosseriebau-Facharbeiter, holt das Abitur nach, zeichnet, arbeitet bei den Bayreuther Festspielen und am Landestheater Dessau, studiert an der Hochschule für bildende Künste in Dresden, schließt ab als Diplom-Bühnen- und -kostümbildner, macht Ausstattungen für den "Wildschütz" und den "Barbier von Sevilla", ist Plastiker und Set-Designer für Tchibo, hat eine eigene Firma für Business-Bühnenbilder, kehrt schließlich nach Oberfranken zurück "aus Liebe zum Theater".

Es ginge auch einfacher: nach dem Abitur Praktika an Theatern und gleich Studium an der Kunsthochschule. Doch Hübner schätzt die mannigfaltigen Erfahrungen, das Handwerkliche: "Jedes Bühnenbild, das ich entwerfe, könnte ich auch selber bauen." Vor dem Entwurf steht jedoch die Lektüre des auszustattenden Stücks, ein erstes Treffen mit dem Regisseur zum Ideen-Austausch, erste Skizzen. Das Budget ist schmal - aber: "Meine schönsten Sachen waren nie die teuersten."

Die Regie kann ein "guter Sparringspartner" sein, aber es ist auch schon vorgekommen, dass er die Lust an einem Projekt verloren hat, wenn nicht einmal ein kleiner gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte, sagt Hübner. Was im Falle der Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" in der Alten Hofhaltung nicht der Fall war. Der Bühnenbildner entwarf für komödiantische Turbulenzen ein Schloss ("Neuschwanstein"), das nachts zur Geisterbahn wird. Das erhellt, dass der Bühnenbildner zur Interpretation des Stücks nicht unwesentlich beiträgt.

Am Computer entwirft Hübner ein dreidimensionales Bühnenmodell und technische Zeichnungen; parallel führt er "Sondierungsgespräche" mit der Technik, den Schlossern, Schreinern, Beleuchtern, Malern. Was geht, was ist zu aufwändig, zu teuer? "80 Prozent meiner Arbeit bestehen aus Detailverhandlungen." Ein maßstabsgetreues Modell wird gebaut und in unserem Fall bereits in der Miniatur-Hofhaltung positioniert. Am Skelett des Bühnenbilds proben die Schauspieler bereits im Stammhaus, bevor es in die Hofhaltung geht. Die Kostüme nicht zu vergessen: Hübner hat fetzige Uniformen und Roben entworfen, die in der Schneiderei den Akteuren angepasst werden.

Die Endprobenwoche wird für den Bühnenbildner wie für alle Beteiligten "heftig". Etwa fünf Produktionen schultert Hübner in einer Spielzeit; für die übrigen werden Gast-Ausstatter engagiert. Seine Lieblings-Inszenierung? Den "Lear" schätzt er wegen des "sehr reduzierten, emotionalen" Bühnenbilds besonders. Ansonsten gilt seine besondere Liebe dem Musiktheater - und der Familie natürlich, mit der er in einer renovierten Mühle im Kreis Bayreuth wohnt. Vorerst scheint er zur Ruhe gekommen zu sein, was nicht heißt, dass er seine Positionen ("Ich bin Kreativer, nicht Künstler") nicht selbstbewusst verträte. Mit ihm lässt sich bestimmt fruchtbar debattieren, denn: "Reibung, eine gesunde Streitkultur ist für mich das Leben."