Auffallend ruhig ist es an diesem Freitagnachmittag im Bamberger Justizgebäude, als das Urteil wegen vielfachen Missbrauchs in der Bischberger Awo-Kita fällt. Und das trotz großen Medienaufgebots, trotz vieler Zuschauer, die zumindest das Urteil gegen Bertram B. miterleben wollen und trotz der betroffenen Eltern, denen die eine oder andere Träne über die Wange ringt. Bleierne Schwere liegt über dem Flur, auf dem sie alle auf die Urteilsverkündung warten, und zieht sich in den Gerichtssaal, als es schließlich so weit ist.
Auch nach dem Richterspruch will sich kein Hauch von Leichtigkeit einstellen. Zu gravierend sind die Taten, um die es geht. Der Angeklagte, ein schmächtiger junger Brillenträger, hat in seinem letzten Wort bei den Eltern entschuldigt und sich dann mit Kapuze und Aktenmappe vor den Blicken der Kameras geschützt. Der Urteilsbegründung folgt er mit bebenden Lippen und geröteten Augen. "Es ist eine der schlimmsten Vorstellungen, die Eltern haben können: Man gibt sein Kind in die Obhut anderer und es erfährt sexuellen Missbrauch", sagt Vorsitzender Richter Markus Reznik.
Seine Kammer stand zu Beginn des Prozesses vor einer großen Herausforderung. Zunächst kamen durch die Aussage eines Mitgefangenen B.s weitere Missbrauchsfälle zur Sprache. Um diese Fälle einbeziehen zu können und das Verfahren zugleich nicht in die Länge zu ziehen, habe man sich mit Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage auf ein sogenanntes Rechtsgespräch geeinigt. "Im Allgemeinen sind Verständigungen vor Gericht nicht gern gesehen, aber in diesem Fall war eine Verständigung wünschenswert", sagt Reznik. Und so einigte man sich bereits auf einen gewissen Strafrahmen, während B. reinen Tisch machte.
"Der Angeklagte wollte von Anfang an nicht, dass die Kinder vor Gericht aussagen müssen. Das ist einer der großen Pluspunkte", sagt Reznik. "Ohne das Geständnis hätten Glaubwürdigkeitsbegutachtungen im Raum gestanden, wären Kinder möglicherweise durch die ständige Belastung eines Prozesses traumatisiert worden." Es sei aber auch der große Verdienst der Eltern, dass das Verfahren zügig fortgesetzt werden konnte. "Den Eltern ist hoch anzurechnen, dass sie ihre Kinder nicht suggestiv befragt haben oder eine Hexenjagd auf den Angeklagten geführt hätten", sagte der Vorsitzende.
Das Gericht sah es am Ende als erwiesen an, dass sich B. im August und September 2017 in 13 Fällen an insgesamt zwölf Mädchen vergangen hatte, in den fünf schweren Fällen hatte er sich mit der Zunge im Intimbereich zu schaffen gemacht. Jungen seien nicht betroffen gewesen. Bei vielen Opfern habe es keine Verhaltensveränderungen gegeben, andere litten erheblich unter B.s Taten. So entwickelten einzelne Mädchen Abneigungen gegen den Kindergarten, nässten ein und hatten Alpträume.
Was die personellen Konsequenzen anging, habe die Kindergarten-Leitung schnell und unverzüglich reagiert, umgehend habe man B. freigestellt und wenige Tage später auch gekündigt. Jedoch bemängelte Reznik "massive Kommunikationsprobleme" in der Folgezeit, die Polizei wurde erst spät informiert.
Die Motivation des Angeklagten besteht für die Kammer in einem "Konglomerat von Einflüssen", der 19-Jährige habe den "Kick" gesucht, wollte als früheres Mobbing-Opfer ein Gefühl von Dominanz erleben, fühlte sich jedoch auch durch sexuelle Handlungen an kleinen Mädchen erregt.
Für die Richter ist B. voll schuldfähig, wenngleich für ihn noch kein Erwachsenen-Strafrecht anzuwenden sei. Denn Sachverständiger Christoph Mattern und auch die Jugendgerichtshilfe bescheinigten dem Angeklagten eine unreife, instabile Persönlichkeit. Die Vielzahl der Fälle spreche aber für eine "schädliche Neigung".
Immerhin habe sich Bertram B. bereits selbst in Therapie begeben und auch wenn ein Berufsverbot nach Jugendstrafrecht nicht möglich sei, sollten ihn die Auflagen und Weisungen nach Verbüßung der Strafe "von kleinen Kindern fernhalten". Reznik schloss mit der Hoffnung, dass die Taten bei den Kindern keinen bleibenden Schaden hinterlassen und dass der Berufsstand der männlichen Erzieher nun nicht insgesamt unter Generalverdacht gestellt wird.