Eine Mutter soll ihn nach den ersten Vorwürfen abgepasst und ihm eine schmetternde Ohrfeige verpasst haben. Das erzählen sich die Eltern auf dem Gang des Justizgebäudes, während sie, die interessierte Öffentlichkeit und die geballte Journaille darauf warten, den Prozess gegen Bertram P. (Name geändert) zu verfolgen. Das Verkehrsdelikt, das vorher im gleichen Saal verhandelt wird, überzieht. Alle warten auf den jungen Mann, der in der Bischberger Kindertagesstätte letzten September neun Mädchen sexuell missbraucht haben soll - und es zeichnet sich ab, dass sogar noch mehr Kinder betroffen sein könnten.

"Das ist ja fast so wie beim Chefarztprozess", kommentieren Kollegen den Medienrummel. Doch Bertram P. lässt auf sich warten. Immer wieder entsteigen andere dem Aufzug. Erst nachdem alle schon im Gerichtssaal sitzen, kommt auch er herein: quergestreiftes, grün-weißes Kapuzenshirt, rosa Aktenmappe vorm Gesicht. Regungslos verharrt er zwischen seinen drei Anwälten. Die verdecken den jungen Mann beinahe. Die Kapuze bleibt auf dem Kopf. Den Blick zur Seite wagt der Angeklagte nicht, nur einen Schluck aus einem Tetrapak.

Und bevor der Prozess beginnt, ist er für die interessierte Öffentlichkeit schon wieder unterbrochen: Die Verteidiger haben tags zuvor den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt, die fünfköpfige Strafkammer zieht sich zur Beratung zurück.

Stillstand im Saal. Draußen am Gang werden die Köpfe zusammengesteckt. Menschengruppen, Eltern offenbar, sie tuscheln. Wortfetzen über den Morgenkreis und eine fehlende Elternmitteilung.
Andere sind nicht so still und finden bei Journalisten Gehör. Immer wieder müssen, oder dürfen Franziska Krug und Kora Lange vors Mikrofon. Sie relativieren das, was bisher an die Öffentlichkeit gedrungen ist, dass wohl ausschließlich Mädchen Opfer des angehenden Erziehers waren. Es könnten wohl auch Jungs betroffen sein.

Aktuell geht es um die zehn Fälle sexuellen Missbrauchs an neun Mädchen, zwei davon schweren Missbrauchs.

So wird dem Angelegten zur Last gelegt, dass er Mädchen im Alter zwischen vier und sechs Jahren auf Arm, Wange oder Mund geküsst, die Scheide oberhalb der Bekleidung massiert, im Intimbereich geleckt und sie aufgefordert haben soll, sein entblößtes Glied zu berühren; er soll in einem Fall auch einen oder mehrere Finger in die Scheide eingeführt haben. Befragungen zu diesen Vorwürfen wollten Eltern wohl sich und ihren Kindern, die Verteidiger ihrem Angeklagten vor der Öffentlichkeit ersparen, deswegen wird diese - nach einstündiger Beratung - per Beschluss der Kammer ausgeschlossen.
Einige Eltern, die nun nicht in den Reihen der Nebenkläger vertreten sind, hatten sich erhofft, Erklärungen zu bekommen, Reaktionen zu sehen, möglicherweise eine Entschuldigung. Franziska Krug und Kora Lange sind jedenfalls nicht zufrieden.


Thema im Morgenkreis

Auch sie wissen von dem Morgenkreis, auch sie haben Buben und den starken Verdacht, diese könnten vom Angeklagten missbraucht worden sein.

Franziska Krug sagt, sie sei deswegen bei der Polizei gewesen, habe Dinge zu Protokoll gegeben. Ihr sei erklärt worden, dass nur Mädchen betroffen waren und ihr Fall nicht so schwerwiegend sei, dass er eigens aufgenommen werden müsse. Kora Lange hat Verhaltensweisen ihrer Tochter erlebt, die sie ebenfalls auf Missbrauch zurückführt. Sie weiß noch nicht, ob sie noch Anzeige erstatten soll. Zumal die Kinder zwischenzeitlich wieder ruhiger geworden sind.

Die FT-Nachfrage hat ergeben, dass weiter ermittelt wurde, dass neue Fälle wohl in dieses Verfahren einbezogen werden und es deswegen einen weiteren Prozesstag gibt.

Nicht beim Verhandlungsauftakt ist der kommissarische Awo-Kreisvorsitzende Klaus Stieringer, seit März Awo-Krisenmanager in der Missbrauchs-Angelegenheit. Ihm sei signalisiert worden, dass wohl nichtöffentlich verhandelt wird. Mittlerweile gebe es 50 Hinweise, Verdachtsfälle. Jeder werde protokolliert. Die Awo praktiziere offensive Aufarbeitung. Stieringer weiß aber auch von einer Lagerbildung bei den Eltern. Solchen Eltern, die das Vertrauen in die Bischberger Einrichtung und deren Leitung verloren haben, und wiederum von Unterstützern. "Zwei Lager, das kann nicht gut sein", kommentiert Stieringer. Er bittet um Ruhe, Ruhe, die Eltern und Kindern wohl dringend brauchen.


Welches Recht?

Ob nach dem 29. Juni Ruhe einkehrt? Man wird sehen. Möglicherweise fällt am Nachmittag des 29. das Urteil. Das Strafmaß wird sich danach richten, ob der Angeklagte nach Erwachsenen- oder Jugendrecht behandelt wird. Oberstes Ziel wird zuvor wohl sein, den Kindern das Erscheinen vor Gericht zu ersparen.