Kurt Müllich ist ein Cowboy, sagt er selber von sich. Die Leute, die ihn kennen, wüssten, was gemeint ist. Mehr verrät er nicht. Doch man kann sich schon denken, was er meint, wenn man die Geschichte hört, die er da vor zweieinhalb Wochen erlebt hat. Eigentlich müsste Kurt Müllich sagen: Ich bin ein Indianer. Indianer kennen keinen Schmerz. Kurt Müllich auch nicht.

Freitag, 14. Februar, 12 Uhr: Kurt Müllich spaltet mit seinem Bruder, seinem Schwager und seiner zukünftigen Schwiegertochter Holz neben seinem Haus in Bischberg. Jeder hat eine Aufgabe. Kurt Müllich ist direkt am automatischen Spalter dran. Alles läuft gut an dem Tag, die Schwiegertochter will gerade reingehen, die Bratwürste in der Pfanne anbraten. Mittagspause. Dann passiert es. Kurt Müllich passt einmal nicht auf. Der 71-Jährige will den dicken Holzprügel im Spalter zurecht rücken: "Weil es nicht richtig gelegen hat, habe ich noch mal hingelangt - da war die Hand weg."

Der Knochen ist durch

Als es passiert ist, nimmt Kurt Müllich seine linke Hand mit der Rechten, setzt sie wieder auf den Stumpf seines linken Arms. Kurz hinter seinem Handgelenk ist der Knochen komplett durchtrennt. Die Nerven sind ab.
Nur die im Kopf von Müllich funktionieren in diesem Moment. Er läuft mit der Hand in seiner Hand vor die Garage, setzt sich auf das Mäuerchen und wartet. Seine zukünftige Schwiegertochter hat da blitzschnell reagiert, hat ihm den Arm abgebunden, den Rettungsdienst gerufen.

Fünf Stunden dauert die OP

Kurt Müllich wartet. Andere würden vielleicht umkippen, wenn sie sich ihre Hand abhacken. Aber Kurt Müllich denkt nur: Amerika Ade. Mit seiner Frau Annemarie wollte er eine Woche später einen Freund besuchen, der in Kanada lebt und in den USA ein Ferienhaus hat. Kurt Müllich wollte es unbedingt sehen, denn nur bis Ende März ist sein Kumpel dort. Das war jetzt dahin. Das hat er in dem Moment realisiert. Mehr war da nicht.

Dann kam der Rettungsdienst. Und wenig später seine Frau, die in Bamberg war, um sich für die Amerikareise hübsch zu machen. Dann fährt sie zurück, weil sie das Gefühl hat, da ist irgendwas. Der Krankenwagen steht vor der Tür. Ja, da ist was. Annemarie Müllich ist fertig mit den Nerven.

Dann geht alles schnell. Innerhalb von einer halben Stunde ist Kurt Müllich im Klinikum am Bruderwald. Er hat Glück, dass seine Schwiegertochter richtig reagiert hat, dass der Rettungsdienst so schnell da war.

Unfallchirurg Hans-Peter Winkelmann ist in der Ambulanz, als die Meldung kommt: Notfall. Hier muss jemand anderes weiter machen, sagt der Arzt. Ihm ist klar: Not-OP.

Wenig später stehen am Tisch neben dem spezialisierten Handchirurgen noch zwei Operateure, zwei OP-Schwestern und das Narkoseteam. Jetzt zählt jede Minute, jeder Handgriff. Kurt Müllich ist noch bei vollem Bewusstsein, bis er die Narkose bekommt. Dann kann er schlafen.

Und seine Frau Annemarie wartet. Die Operation dauert und dauert. Fünf Stunden werden es am Ende sein. Die Hand hängt nur an einem einzigen Hautlappen. Alles andere ist durchtrennt worden bei dem Unfall. Mit minimalinvasiver Technik wird operiert. Erst fügt das Operationsteam die Arterien und Venen wieder zusammen. Dann wird der Knochen mit Metallplatten verschraubt. Am Ende knüpfen die Ärzte dann die Sehnen und Nerven wieder aneinander.

Zurück zum Spalter

Annemarie Müllich ist in der Zwischenzeit nach Hause geschickt worden. Um kurz nach halb neun ist ihr Mann in seinem Zimmer. Sie bekommt einen Anruf: Es ist Kurt. Es geht ihm gut. Die Hand ist wieder dran, sagt er.
Die Hand verheilt schnell: Am zweiten Tag kann Kurt Müllich den Daumen schon wieder bewegen. Danach alle Finger zumindest leicht. Nach gut zwei Wochen kann er das Klinikum wieder verlassen. Kurt Müllich freut sich auf seine Collie-Hündin Maggie, darauf, dass er sie auch noch mit beiden Händen streicheln kann, denn laut Chirurg Winkelmann wird er nach Reha-Maßnahmen seine Hand wieder fast voll einsetzen können. Auch zum Holzspalten.

Das kann Kurt Müllich trotz des Unfalls nicht sein lassen - er will weiterarbeiten: "Ich hab' 100 Ster Holz daheim!" Einer, der vom Pferd gefallen ist, soll auch gleich wieder in den Sattel. Kurt Müllich will wieder an den Spalter - aber nicht mehr so nah, schwört er. Denn: "Wenn die Hand ganz weg gewesen wäre, hätte ich schon bissel gezaust", sagt der Cowboy, der nächstes Jahr auf jeden Fall nach Amerika fahren will.