Tim Schulze hat das erlebt, wovon vermutlich alle Schüler irgendwann einmal träumen: nie wieder Schule! Weil er in der Regelschule seines oberbayerischen Heimatortes nicht zurecht gekommen ist, ging er eines Tages gar nicht mehr zum Unterricht.
Genossen hat er das Herumhängen daheim aber nur eine Zeit lang. Dann sei das Videoschauen und Computerspielen langweilig geworden, sagt der 15-Jährige rückblickend. Mit zeitlichem Abstand nennt er die Jahre ohne Schule sogar den "reinsten Horror".

Erst über die Flex Fernschule Bayern, die im Frühjahr 2011 in Bamberg startete, hat er wieder den schulischen Anschluss gefunden. Tim wirkt glücklich, weil er wieder gefordert wird, oder, wie er es ausdrückt, "endlich wieder was für den Kopf hat".
Er berichtet im Telefon-Interview mit der FT-Lokalredaktion von so guten Lern-Fortschritten, dass er sich im kommenden Jahr den qualifizierten Hauptschulabschluss zutraut. Das ist jedenfalls sein Ziel, wenn er zu Hause am Küchentisch Mathe, Deutsch und andere Fächer büffelt.

Wie Tim lernen aktuell 32 Jugendliche aus ganz Bayern - durchweg so genannte Schulverweigerer oder Maßnahmenabbrecher - mit Material, das ihnen ein Pädagogen-Team aus Bamberg auf den Leib schneidert. Mit vier Schülern und drei Lehrkräften fing im März 2011 alles an. Im zweiten Schuljahr betreut die Flex Fernschule Bayern mit inzwischen vier (Teilzeit)Lehrkräften bereits acht Mal so viele Jugendliche.

Im Sommer ging das erste Schuljahr zu Ende. Drei Jugendliche haben mit Bamberger Hilfe den Quali bestanden. Schulleiterin Jutta Hahn ist schon ein bisschen stolz auf die Noten der Absolventen: 1,66 bis 2,3. Ein weiterer Jugendlicher hat den Realschul-Abschluss mit Note 2 gemacht.
Nächstes Jahr will Tim Schulze unter den Absolventen sein. Er wirkt enorm motiviert. Sagt, es überrasche ihn selbst, wie ihn der Fernunterricht "verändert" habe. Und er betont: "Es macht mir immer noch sehr großen Spaß!"

Dabei war der 15-Jährige einst das Sorgenkind seiner Familie. Lange wusste niemand, dass er unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer Form von Autismus. Erst als das klar war, konnte sich Tims Mutter einen Reim auf die "Schulangst" und Schwierigkeiten ihres Sohns im Umgang mit Gleichaltrigen machen. Das sagte Michaela Schulze im vergangenen Jahr im Gespräch mit dem FT. Ihre Hoffnungen in die Flex Fernschule Bayern scheinen sich zu erfüllen.

Die richtet sich an "junge Menschen in ganz Bayern, die ihre Schulpflicht noch nicht erfüllt haben und an einer Schule nicht lernen wollen oder können. Es sind dies vor allem junge Menschen, die die Schule verweigern und/oder junge Menschen, die aus Gründen wie Krankheit, Behinderung oder aus psychosozialen Gründen keine Schule besuchen können". So beschreibt das Don Bosco-Jugendwerk Bamberg selbst auf seiner Homepage Sinn und Zweck dieses Förderangebots.

Beim Rotary-Club Bamberg-Domreiter hat der Träger von Anfang an Unterstützung gefunden. Der Club ließ sich vom Bedarf für eine Einrichtung wie diese überzeugen und übernahm die Anschubfinanzierung. Er wird dem Don-Bosco-Jugendwerk in diesen Tagen zum dritten Mal 12 000 Euro zur Verfügung stellen. Ohne das rotarische Geld gäbe es die Flex Fernschule Bayern nicht. Daran lässt Jugendwerk-Gesamtleiter Emil Hartmann keinen Zweifel.

Bei der Finanzierung durch die öffentliche Hand erweist es sich bisher als Problem, dass die Einrichtung - stark vereinfacht ausgedrückt - nicht in das Förder-Schema möglicher Kostenträger passt. Einerseits gilt die Fernschule als Maßnahme zur Erziehungshilfe, andererseits ist sie doch eine Schule, denn ihre Teilnehmer kommen ihrer Schulpflicht nach. Die staatliche Anerkennung genießt die Fernschule aber (noch) nicht.

Für das laufende Schuljahr ist der Fernunterricht dank des Rotary-Zuschusses gesichert. Darüber hinaus noch nicht. Jutta Hahn ist dennoch zuversichtlich, erwähnt positive Signale aus dem bayerischen Kultusministerium.

Hoffnung hat auch Tim Schulze wieder. Der 15-Jährige glaubt dank seiner Lernerfolge mit der Fernschule wieder an sich und schmiedet Zukunftspläne. Beruflich würde er gerne etwas mit Musik machen, denn er spielt gern Geige: Musikfachverkäufer oder Musiklehrer vielleicht. Er kann sich aber auch vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen und Hubschauberpilot zu werden.