Die Finger auf dem Lenker in Bremsposition bringen. Ein zögerlicher Blick nach links in den Kreisel am Wilhelmsplatz: Die Autofahrerin bemerkt mich und bleibt stehen. Halbe Überquerung geschafft. Dann Blick nach rechts: Nimmt mich der Transporter-Fahrer wahr? Oder überrollt er mich? Er bremst - wenn auch abrupt, wie das Quietschgeräusch und das Wackeln des Wagens beweisen. In der Friedrichstraße Richtung Innenstadt dann die zwei Meter breite Befreiung zwischen dicken gelben Linien: Ein neuer Radstreifen schafft Platz und Sicherheit zwischen Auto- und Radverkehr.

Die neue Maßnahme wird nun ein Jahr lang getestet. "Der Verkehrsversuch soll bewusst die Möglichkeit für weitere Verbesserung offenhalten", sagt Baureferent Thomas Beese. Stadt. Verkehrspolizei und Rettungsdienste würden die Auswirkungen in den kommenden Monaten "sehr genau beobachten". Danach kann die Maßnahme, die die Stadt rund 15 000 Euro kostet, an anderen Stellen fortgesetzt oder geändert werden.

Zwei Radspuren an der Kreuzung

Auf der breiten Spur löst sich die starre Umklammerung der Finger um den Lenker, die Schultern senken sich von selbst, die Zahnreihen sind nicht mehr verbissen wie noch am Kreisel. Vor der Kreuzung am Schönleinsplatz teilen sich dann die Spuren. Rechtsfahrer wie -radler haben einen gemeinsamen Streifen. Um geradeaus in die Lange Straße zu gelangen, haben Radfahrer eine eigene Spur. Zwischen einem Bus auf der rechten und rollenden Blechmassen auf der linken Seite fühlt sich das allerdings noch ungewohnt an - entsprechend verspannt sich mein Körper wieder und ich rolle in halber Schrittgeschwindigkeit.

Doch fast alle Autofahrer beachten die Verkehrsführung, nur einmal muss ich kurz bremsen und ausweichen, weil ein Geländewagen-Fahrer aus Norddeutschland sich nicht recht für eine Richtung entscheiden kann. Einmal Ausweichen ist eine Verbesserung, wie jeder weiß, der hier nahezu täglich entlang radelt. An der Ampel hinter drei weiteren Radfahrern komme ich zum Stehen und atme erleichtert aus. Vor der Autospur ein breiter Standstreifen für Radler, der aber bisher kaum genutzt wird. "Der neue Radweg in der Friedrichstraße ist angenehm, die Kreuzung nicht", urteilt Radaktivist Benjamin Stöcker. Sein Vorschlag: "Der Streifen könnte an der Stelle, wo er sich teilt, ruhig noch zehn Zentimeter breiter sein." Derzeit haben Radler hier 1,58 Meter Platz.

Auto- und Radfahrer uneinig

Ganz anders sieht Autofahrerin Ingeborg Weisensee die Maßnahme: " Dass die Radler jetzt in der Mitte fahren, finde ich unmöglich und gefährlich." Stöcker und Weisensee haben beide Leserbriefe geschrieben, in der sie sich über das rücksichtslose Verhalten der jeweils anderen Verkehrsteilnehmer brüskierten.

Über der Kreuzung das übliche Chaos in der Langen Straße: Ein sportlicher Wagen überholt mich an der Engstelle zwischen den beiden Baustellen mit gefühlt zehn Zentimeter Abstand. Um die Spur mit allen Mitteln zu halten, krampfen sich nahezu alle Muskeln zusammen. Kurze Zeit später überhole ich den Sportwagen wieder, weil ihm seine Pferdestärken auch nicht dabei helfen, an der im Schneckentempo rollenden Blechlawine vorbeizukommen.

Variante 2 in de Kapuzinerstraße

In der Kapuzinerstraße dann wieder Auflockerung - wegen des nächsten zwei Meter breiten gelb umrandeten Radstreifens, den die Stadt dort bereits im Juni angebracht hatte. An der Kreuzung zum Markusplatz wurde eine andere Variante gewählt als in der Friedrichstraße: Eine Spur für Rechtsabbieger wie Geradeausradler. Will man beide Varianten testen, um dann eine als das Nonplusultra durchzusetzen? "Nein. Wir haben das so ausgewählt, weil die Verkehrsströme ganz anders verlaufen. In der Friedrichstraße wollen die meisten geradeaus oder links. Am Markusplatz haben wir die Rechtsabbieger-Ströme", erklärt Baureferent Beese.

Aber wird man von den rechts abbiegenden Autos am Markusplatz nicht übersehen, wenn man geradeaus radeln will? "Nein. Der Streifen ist so luxuriös breit, dass die Autofahrer stehen bleiben und auf die Radfahrer achten", freut sich Stöcker.

Laut Autofahrerin Weisensee würden die Radfahrer aber kaum auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen. "Mal rechts vorbei, mal links, mal über den Gehweg: Die fahren hier, wie es ihnen gerade passt." Die Ordnungshüter müssten ihrer Meinung nach härter und öfter durchgreifen. Maßnahmen wie breitere Radstreifen hält sie hingegen für "unsinnig". Anders Stöcker: Es gebe noch Nachholbedarf, aber "die beiden Verkehrsversuche sind auf jeden Fall besser als alles, was die Stadt bisher gemacht hat."

Unabhängig davon zeigt der Selbsttest: Mit dem Rad habe ich vom Wilhelms- bis zum Markusplatz trotz zweier roter Ampeln knapp fünfeinhalb Minuten gebraucht. Der Kollege mit dem Auto fast acht.