Die Hausnummer 2 der Nürnberger Straße hat Handwerker nicht nur gefordert, sondern ihnen auch eine ganz besondere Möglichkeit geboten, ihre Handwerkskunst zur Schau zu stellen - im 18. Jahrhundert wie heute. Denn wenn eine Treppe von einem Maler mit einer Bierlasur(!) mühe- und liebevoll hergerichtet wird, dann lässt das einen Bamberger aufhorchen - selbst wenn der Maler von heute kein Original-Schlenkerla mehr verwendet.
Es sind diese und andere Geschichten, die das Barockhaus nicht nur in der Vergangenheit, sondern als gegenwärtiges Weltkulturerbe-Projekt zu etwas Besonderem machen. Silke Leikheim vom Immobilienmanagement Bamberg und Kämmerer Bertram Felix sind zwei Menschen, die sich in den vergangenen knapp vier Jahren immer und immer wieder mit Fenstergriffen, Bodenbelägen oder Fußleisten auseinandersetzten.

Ein Rückblick

Das Haus hat sogar eine eigene Homepage, zumindest einen Eintrag auf der Seite der Stiftung für Weltkulturerbe in Bamberg. Denn eben diese Stiftung kaufte das Barockhaus im Jahr 2010. Während sich Anwohner und Vorbeifahrende vor vier Jahren noch ausmalten, was mit dem alten, und immer stärker zerfallenen Haus geschehen werde, verschwand es hinter einem undurchsichtigen Vorhang.

Nicht nur die Fassade des Hauses hatte längst zu bröckeln begonnen. Ziegel, ganze Dachteile lösten sich, so dass das Gerüst mit Stoffhülle vor allem zum Schutz der Fußgänger zählte. Befürchtungen, das Haus könne abgerissen werden, erwiesen sich Anfang 2011 hinfällig, als Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) den Kauf der Immobilie durch die Stiftung Weltkulturerbe offiziell machte. Die Absicht der Stiftung war eindeutig: Das 1735 von zwei Maurern gebaute Anwesen an der Kreuzung Nürnberger Straße und Kunigundenruhstraße muss erhalten werden.

Optisch war der Zauber des Eckhauses in der stark befahrenen Nürnberger Straße schon länger in Abgasen und Unachtsamkeit verpufft. Als Vorbeieilender schaute man nur noch selten hin, nahm dieses besondere Haus kaum noch wahr, und wenn, überkam einen eher Mitleid.

Neues Gewand

Doch dieser Eindruck hat sich vor gut drei, vier Monaten gewandelt. Mintgrün mit (noch) strahlenden Kupferrinnen bekommt der Übergang vom Steinweg in die Nürnberger Straße an der Ecke Dr.-von-Schmitt-Straße einen nostalgisch-modernen Höhepunkt. Der neue schwarze Straßenbelag der Kunigundenruhstraße perlt noch bei Regen, das 30er-Verkehrsschild sieht genauso nigelnagelneu aus, wie das dunkelblaue, auf alt gemachte Straßenschild.

Auch wenn ein erheblicher Teil der 1,4 Millionen Euro in die Fassade geflossen sind, und eben auch diese jeden Bamberger Bürger erfreut, trifft das Sprichwort zu: Ein Blick hinter die Fassade lohnt sich. Und eben diesen ermöglichte die Stiftung neugierigen Bürgern wie auch unserer Zeitung bei einem Haus-Rundgang mit Silke Leikheim und Bertram Felix.

Viele kleine Entscheidungen

"Wen man fragt, die Lichtschalter sind scheinbar allen in Erinnerung geblieben", sagt Projektleiterin Leikheim. Sicherlich, die weißen Dreh-Licht-Schalter fallen als ungewohnt und irgendwie "von früher" ins Auge. Ähnlich ist das mit dem Fränkischen Parkett mit dem dunklen Eichenfries, den Fenstern mit Luftzwischenraum und bewegten Scheiben, damit das Glas auch ja nicht zu neu aussieht, sondern leicht unscharf von außen schimmert, oder den Türgriffen und urigen Schlüssellöchern...

Doch einiger Bau-Schnick-Schnack schlummert für den Betrachter auch im Verborgenen. Den Übergang von Wand und Decke bildet beispielsweise eine sogenannte Hohlkehle. Da ist also keine Kante, sondern ein abgerundeter Übergang, den man früher wohl auch mit einer Bierflasche gezogen hat, sagt Leikheim, "heute aber nicht mehr".

Oder die Treppe: Farbschicht für Farbschicht wurde die Lasur der Holztreppe abgeschliffen. Die ausgetretenen Stellen mit einer Musterschablone ausgegossen und Stufe für Stufe angepasst und wieder lackiert. "Was hier wie die Holzmaserung aussieht, ist nur die Lackierung", sagt Leikheim - Pinselstrich für Pinselstrich wurde diese ganz spezielle Bierlackierung aufgetragen.

Krumme Wände

Wer für einen Augenblick ganz ruhig stehen bleibt und sich auf die Wände konzentriert, erkennt: Da ist was schief. Deshalb war es Leikheim und ihrem Team wichtig, dass die dunklen Eichenfriese geometrisch ineinander verlaufen und optisch für Ruhe und Geradlinigkeit sorgen. Es sind diese und andere Kleinigkeiten, die oft Stunden im Stiftungskomitee ausdiskutiert wurden und von Handwerkern Mustervorschläge abverlangten - und jetzt für viele beteiligte Handwerker als Aushängeschild ihrer geleisteten Arbeit genannt werden können. Schon um 1786 nutzte ein Steinhauer, der das Haus kaufte, die zentrale Lage des Hauses und hinterließ an der Fassade Spuren, die bis heute - über 220 Jahre später - beweisen, dass Handwerk und Kunst ganz nah beieinander liegen.
Noch in diesem Jahr sollen die 130-Quadratmeter-Wohnung und die beiden Studenten-Appartements im Erdgeschoss ausgeschrieben werden. Wobei Studenten-Appartement eigentlich der falsche Begriff ist, "da wir schon Auflagen haben und wir in einer Art Bewerbungsgespräch rausfinden wollen, wer die richtigen Mieter sind", sagt Felix. "Man kann hier zum Beispiel nicht überall Dübel reinhauen." Die Quadratmeterpreise liegen bei 7,50 Euro für die Maisonettewohnung und 6,50 Euro für die Appartements. Es ist mehr als günstiges Wohnen in historischen Wänden mit neuem Gewand: Wer hier einzieht, wird wohl einen Teil Bamberger Baugeschichte repräsentieren.