Wenige Minuten noch für die Helfer, sich auf den großen Ansturm vorzubereiten. Schon drängen sich die Menschen vor der Tür der Böttgerstraße 8: Mütter mit kleinen Kindern, Paare, Alleinstehende, Ältere. Sie alle warten - wie an jedem Mittwoch- und Samstagnachmittag. Gepflegt das Erscheinungsbild mancher, die in der Schlange stehen. Andere sind einfacher, ärmer gekleidet. Jeden, der an der Tür der Warenausgabe der Bamberger Tafel steht, zeichnete das Leben auf andere Weise. Das einzige, was all die Menschen verbindet, zeigen sie wenige Minuten später einem Mitarbeiter des St. Vinzenzvereins: Den Ausweis, der zum Bezug von Obst, Gemüse, Brot und anderen Nahrungsmitteln berechtigt.

"Gurkensalat, bitte. Und - ist das Reis mit Fleisch? Dann nehm' ich davon. Ach ja - auch von der Grütze." Lorenz Zahn (Name geändert) steht an der Küchentheke der Tafel, hinter der ihm Gertie alles wie gewünscht in Plastikbehälter packt, die der 65-Jährige mitbrachte. "Heute hab' ich sogar einen Träger mitgebracht", sagt der Bamberger und drückt seinem Begleiter zwei Taschen in die Hand: dem "Lastesel", wie sein Freund mit leisem Schmunzeln anmerkt. "Und was bekommen Sie?" Schon bedient die ehrenamtliche Tafel-Helferin eine ältere Dame, während sich Lorenz Zahn nach frischem Obst umsieht, zu den Bananen greift, und dann weiter Richtung Brotstand geht.


Nach Bandscheiben-OP arbeitsunfähig
"Ich habe 23 Jahre lang als Verkäufer gearbeitet, bis ich nach drei Bandscheiben-OPs nicht mehr konnte", berichtet der Franke, der seither von 860 Euro Rente lebt: "360 Euro zahle ich für die Miete, 50 Euro Strom. Da bleibt nicht viel zum Leben." Schwerbehindert ist Zahn, zu 60 Prozent. "Am schlimmsten ist die Angst, dass das Geld irgendwann gar nicht mehr reicht. Alles wird ja ständig teurer, während es bei den Renten kaum Erhöhungen gibt." Jede Ausgabe überlegt sich der 65-Jährige auf diese Weise dreimal. "Leiste ich mir in einer Woche zuviel, muss ich's in der nächsten wieder einsparen."

Welche Entlastung die Tafel für Zahn bedeutet, kann sich jeder an dieser Stelle ausmalen: Für Zahn und rund 260 andere Menschen, die Woche für Woche zur Lebensmittelausgabe des Vinzenzvereins kommen, um sich und ihre Familien zu versorgen. Seit 20 Jahren gibt es in Deutschland mittlerweile die Tafel-Bewegung, seit 21 Jahren die Bamberger Inititative - gegründet von Wilhelm Dorsch und seiner Frau Michaela Revelant.


Anfangs belächelt
"Anfangs hat man uns ausgelacht, als wir die ersten Menschen mit Lebensmitteln zu unterstützen begannen", erinnert sich der Vorsitzende des Vinzensvereins. "Wir sahen, wie viel Ware aus Supermärkten auf dem Müll landete und wie viel Not es parallel dazu auch in Franken gibt". Vier Familien halfen Dorsch und Revelant anfangs noch, über die Runden zu kommen. Mittlerweile nutzen über 800 Haushalte aus Stadt und Landkreis das Angebot, wie die letzte Jahresbilanz der Tafel-Inititatoren ergab. "Wir unterstützen alle, die monatlich nicht mehr als 500 Euro zur Verfügung haben", sagt Michaela Revelant: Ob sie nun Grundsicherungsleistungen beziehen oder schmale Renten wie Lorenz Zahn.

"An Salat?" "Kriegst du - was Gesundes": Helmut Nietsch reicht Lorenz Zahn die gewünschte Ware. "Wir kennen uns hier alle mittlerweile recht gut", sagt der Helfer, der selbst arbeitslos ist und bei der Tafel als 1,50-Euro-Jobber nicht nur mittwochs und samstags mitanpackt. "Ich freue mich, wenn ich anderen helfen kann, gerade weil ich selbst in einer ganz ähnlichen Situation bin", sagt der Franke. "Und man sieht hier einige, denen es wirklich richtig dreckig geht."


Rascher Fall
"Wir stehen Menschen schnell und unbürokratisch bei - ich denke, das ist unsere große Stärke", sagt der Tafel-Gründer, der gerade eine weitere Kiste mit frischem Salat an den Stand bringt: Salat, der wie sämtliche Lebensmittel von Märkten, Nahrungsmittelproduzenten und anderen Unterstützern gestiftet wird, rund 60 Adressen. "An uns wenden sich viele, die unversehens in Not gerieten", berichtet Dorsch: nach dem Tod eines Lebenspartners, einer Scheidung oder der Insolvenz eines bislang Selbstständigen. "Sie überbrücken eine Krisensituation mit Hilfe der Tafel und fassen danach wieder Fuß." Die wenigsten seien auf das Angebot jahrelang angewiesen. "Etliche haben uns schon ihr Herz ausgeschüttet: Ich denke gerade an eine Frau, die nach einer Trennung mit Tränen in den Augen kam und nicht weiter wusste." Andere verzweifelten, weil sie den Job oder ihre Bleibe verloren. "Nach Jahren wird man auf diese Weise zum halben Psychotherapeuten."



Tief fiel mancher, der in der Böttgerstraße 8 mittwochs und samstags ansteht, und früher als gut situiert galt. Nehmen wir Steffi Brehm (Name geändert), die nach einer Scheidung das Haus verlor, in dem sie zuvor mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebte. Heute bezieht die Bambergerin Hartz IV. Bei der Tafel lernte sie Monika Raum (Name geändert) kennen, mit der Brehm mittlerweile befreundet ist. "Ich führe eine Art Doppelleben", sagt die stilvoll gekleidete 50-Jährige, die ihre Notlage anderen Freunden und Bekannten verschweigt - "wegen meiner Töchter". Erwerbsunfähig ist die gelernte Kosmetikerin, die ebenfalls geschieden wurde und von ihrem Ex keine Unterhaltszahlungen erhält. "Alles in allem bekomme ich monatlich 884 Euro, von denen 500 Euro für die Miete abgehen. Damit leben wir also zu dritt."


Keine Außenseitenrolle
Immer knapp bei Kasse ist die Alleinerziehende auf diese Weise und spart sich dank der Tafel etliche Supermarktausgaben. "Bescheiden zu leben, wäre für mich auch kein Problem. Allerdings kommen meine beiden ständig wegen Schulbüchern, Heften, neuen Schuhen oder Kleidung: ,Mama, meine Freundinnen haben das, Mama meine Freundinnen haben dies'", meint Monika Raum. Und erfüllt ihnen den ein oder anderen Wunsch, sofern's irgendwie geht. "Sie sollen in der Schule ja nicht zu Außenseitern werden."

Noch ein letzter Gruß Richtung Steffi Brehm, sämtliche Tüten und Taschen gepackt - schon macht sich Monika Raum wieder auf den Nachhauseweg. Zu Fuß. Während Lorenz Zahn von seinem Begleiter heute nach Hause chauffiert wird. Er schämt sich nicht dafür, in einer Notlage auf Hilfe angewiesen zu sein - wie viele andere, die vom Angebot des Vinzenzvereins profitieren. "Ich denke, die Bamberger Tafel hat sich etabliert. Sie ist in unserer Gesellschaft angekommen", meint Wilhelm Dorsch. Eine Erfolgsgeschichte mit tragischem Hintergrund und bitterem Beigeschmack.