Am 28. Juni diskutieren Experten an der Uni Bamberg die Frage "Meister oder Master? Bildungswege in Zeiten von Akademikerschwemme und Fachkräftemangel" (17 Uhr, Aula in der Dominikanerstraße). Auf dem Podium sitzt auch Hans-Peter Blossfeld, Professor für Soziologie an der Uni Bamberg. Der 64-jährige Bildungsforscher hat das Nationale Bildungspanel (NEPS) in Bamberg aufgebaut, 35 Bücher und über 240 Aufsätze veröffentlicht und zuletzt mit Professor Rolf Becker von der Uni Bern, Berufseintritts- und Karriereprozesse der letzten vier Jahrzehnte ausgewertet.

Meister oder Master, was raten Sie?

Hans-Peter Blossfeld: Da kann man keine generellen Ratschläge geben, da die Menschen zu verschieden sind. Ich kann nur Folgendes sagen: In einer Untersuchung, in der wir uns die langfristigen Entwicklungen der Berufschancen von Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen in den letzten 40 Jahren angesehen haben, hat sich gezeigt, dass sich der Aufwand für Bildung und Ausbildung heute mehr denn je lohnt. Es gibt ja die These, dass durch die Bildungsexpansion immer mehr Höherqualifizierte auf den Arbeitsmarkt kommen und damit praktisch ein Überschuss erzeugt wird. Im wissenschaftlichen Bereich heißt diese These "Bildung als positionales Gut" und bedeutet, immer wenn die Anzahl der Bewerber mit einer höheren Qualifikation steigt, dann nehmen die Erträge dieser Bildung, also die erzielbaren Einkommen und die beruflichen Erfolge, ab.

Ist diese These empirisch richtig?

Nein. Wir sehen, dass jede höher ausgebildete Generation in immer bessere Jobs in den Arbeitsmarkt eintritt und danach auch immer steilere Karrieren macht. Das heißt, die Struktur des Beschäftigungssystems ändert sich rasch. Es kommen immer wieder neue qualifiziertere Positionen dazu und die Anforderungen vieler vorhandener beruflicher Positionen steigen ebenfalls. Unsere Untersuchung zeigt also das Gegenteil von dem, was viele behaupten. Die Höherqualifizierten bekommen nicht weniger für ihre Bildungsinvestitionen, sondern vielmehr immer mehr.

Woran liegt das?

Die Jüngeren haben nicht nur jeweils die bessere Bildung und Ausbildung, sondern treten auch stärker in die neuen, zukunftsträchtigeren Berufsfelder ein, die im Strukturwandel permanent geschaffen werden. Die Älteren, die in den Ruhestand gehen, verlassen dagegen häufig berufliche Felder, die nicht mehr gebraucht werden und dann wegfallen. Insofern kann man sagen, dass die Bildungsexpansion und der Berufsstrukturwandel in die gleiche Richtung gehen und sich wechselseitig für jede neue Generation sogar sehr gut ergänzen.

Welche Rolle spielt die Herkunft?

Diejenigen, die einen höheren Bildungsabschluss machen, kommen auch heute noch zu größeren Anteilen aus privilegierteren Familien. Kinder aus unteren sozialen Schichten haben es immer noch schwerer, höhere schulische Bildungsabschlüsse zu bekommen.

Womit hängt das zusammen?

Das liegt zum einen daran, dass sie die kognitiven Fähigkeiten, die in der Schule geschätzt werden, nicht so mitbringen wie Kinder aus der Mittelschicht. Dort wird zum Beispiel häufiger vorgelesen und man geht mit den Kindern ins Theater oder in die Oper. Die Bedeutung der Bildung der Kinder wird in diesen Familien also viel stärker in das Zentrum des Alltags gestellt.

Hat die Bildungsungleichheit zugenommen?

Nein das nicht, aber sie ist auch nicht deutlich zurückgegangen. Auch wenn man das Bildungssystem ausbaut und viel fördert, bleibt das in der Regel leider ohne größere strukturelle Wirkung. Wenn man sich Kinder anschaut, die ungefähr das gleiche Kompetenzniveau haben, dann ist in den höheren sozialen Schichten klar, dass die Kinder aufs Gymnasium gehen, während es in den bildungsferneren Familien häufig eine offene Frage ist, auch wenn die Kinder in der Schule gut sind und die höhere Schule schaffen könnten.

Das heißt sozialer Aufstieg durch Bildung ist weiterhin schwierig?

Es ist noch viel Luft für Verbesserungen drin. Es wird zwar heute versucht, Kinder schon früh in vorschulische Institutionen zu geben, wo sie nicht nur verwahrt, sondern auch gefördert werden. Da zeigen unsere Studien allerdings auch, dass die Wirkung dieser Maßnahmen begrenzter ist, als sich viele erhoffen. Die Kinder aus den unteren sozialen Schichten profitieren zwar davon, aber die Kinder aus höheren sozialen Schichten profitieren häufig noch mehr. Weil sie erstens öfter in frühkindliche Institutionen gehen, und zweitens, weil sie dann die Institutionen mit besserer Qualität besuchen.

Die Ungleichheit steigt also?

Die Ungleichheit steigt zwar nicht im Bildungssystem, sondern als Folge des Zusammenwirkens von Bildungsexpansion und beruflichem Strukturwandel. Das Zusammenspiel von mehr Bildung und zunehmend besseren Jobs führt dazu, dass die jeweils Hochqualifizierten und auch die Qualifizierteren von Generation zu Generation immer bessere berufliche Positionen bekommen, während die Unqualifizierten unten immer weniger für ihre Arbeit erhalten. Das ist einer der Haupteffekte für die Spreizung der Ungleichheitsstruktur. Ein zweiter Grund für wachsende Ungleichheit zwischen Familien ist die Veränderung der Frauenerwerbstätigkeit. Auch aufgrund von hohen Mieten brauchen viele Familien heute schließlich zwei Verdiener. Damit entsteht ein wachsender Unterschied im Einkommen und Lebensstandard zu den Familien mit nur einem Einkommen.

Was ist mit den Ungelernten?

Der Anteil der Ungelernten nimmt in der Bildungsexpansion zunächst deutlich ab. Man kann sagen, dass das ein großer Erfolg der Bildungspolitik ist. Wir sind bei einem Anteil von weit unter zehn Prozent an Ungelernten pro Generation, wobei der Anteil heute bei Männern etwas höher ist als bei Frauen. Quantitativ nimmt das Ungelernten-Problem also ab, aber es konzentriert sich immer mehr auf bestimmte Herkunftsgruppen. Kinder aus qualifizierten oder hochqualifizierten Elternhäusern findet man dort heute gar nicht. Und es kommt dazu, dass in den Unternehmen immer mehr rationalisiert wird. Das geht am besten dort, wo die Tätigkeiten einfach sind. Das heißt, im Strukturwandel haben die unqualifizierten Positionen stärker abgenommen als der Anteil der Ungelernten in der Bildungsexpansion. Das führt zu einem wachsenden Konkurrenzdruck und Lohnwettbewerb bei den Ungelernten.

Bildung und Ausbildung schützen also vor Entlassung?

Bildung erhöht nicht nur die Chance auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz, sondern schützt auch vor Entlassung. Bildung schützt damit vor Arbeitslosigkeit. Insofern ist der Prozess der Bildungsexpansion auch aus dieser Perspektive etwas sehr Positives.