"Es war ein heißer Tag, ein sonniger Julitag", sagt Magdalena Dotterweich leise. Sie lässt den Blick schweifen - erinnert sich an die Stunden des Wartens und Bangens an jenem 16. Juli, der der Bambergerin seit fast 20 Jahren immer wieder vor Augen steht. "Wir warteten auf Stefan, um mit ihm und unserer Tochter zum Sommerfest des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums zu gehen." Nach Bayreuth war der 17-Jährige mit einem Freund an dem Tag gefahren, an dem er verunglückte. Ein Autounfall riss den Schüler aus dem Leben. "Um 21 Uhr läutete das Telefon. Die Polizei informierte uns, dass Stefan mit einem Rettungshubschrauber in die Erlanger Uniklinik geflogen wurde. - Ich lief durchs Haus, von Raum zu Raum, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Ja, ich lief durchs Haus, von Raum zum Raum."


Den Schmerz mit anderen teilen

Magdalena Dotterweich hält inne. Sie sucht nach Worten, um ihre Gefühle zu beschreiben. Ihr liegt daran, den Schmerz auszudrücken, um andere zu erreichen, die Ähnliches durchlitten. "Keiner sollte sich in seiner Verzweiflung allein gelassen fühlen, unverstanden", sagt die Bambergerin. Darum gründete sie mit einer anderen Betroffenen 1992 die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern". Und wie viel Trost spendeten sich Mütter und Väter seither über all die Gespräche, die sie wieder und wieder führten. "Die Hilfe, die ich zuvor verzweifelt suchte, fand ich in unserer Gruppe. Ich lernte, den Schmerz zu bewältigen."

Und doch kommen der Trauernden wieder Tränen in die Augen, wenn sie an die letzten Stunden mit Stefan denkt. "Nachts noch fuhren wir nach Erlangen. Nur wollte mich der zuständige Arzt nicht zu meinem Sohn lassen - mich, seine Mutter. Allein mein Mann dufte in die Intensivstation." Am nächsten Tag das Gleiche - "diesmal ließ ich mich aber nicht abhalten". So setzte sich Magdalena Dotterweich ans Bett des 17-Jährigen, der sein Bewusstsein nicht mehr erlangte. "Ich streichelte Stefans Hand, hatte Angst, dass er Schmerzen leidet. Irgendwann fuhren wir nach Hause. Ich blickte gen Himmel und hatte das Gefühl, Stefan sieht diese Sonne nicht mehr. Tatsächlich war er gestorben."


Weiterleben als Qual

Etwa 20.000 Kinder sterben laut Statistik des Vereins "Verwaiste Eltern" jedes Jahr in Deutschland durch Krankheiten, Unfälle, Verbrechen. Zurück bleiben die Eltern - Väter und Mütter wie Magdalena Dotterweich oder Gabriela Pöll, für die das Weiterleben zur Qual wurde. Wie leer sich die Initiatorin der Selbsthilfegruppe nach Stefans jähem Tod fühlte, musste Pöll keiner erläutern, die nach dem Verlust ihrer Tochter zu den "Verwaisten Eltern" stieß. Sie verstand auch, warum die Buchhalterin nach dem Schicksalsschlag weiterarbeitete, ohne Urlaub zu nehmen, weiterfunktionierte. "War ich im Büro, konnte ich alles für kurze Zeit ausblenden.

Fiel abends aber die Tür ins Schloss, kam die Leere zurück, die Trauer, die mir jeden Glauben an die Zukunft nahm. Ich sah im Leben keinen Sinn mehr", sagt Magdalena Dotterweich. "Ja, man fühlt sich in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt", meint Gabriela Pöll. Und blickt ebenfalls zurück, um anderen den Weg zu den "Verwaisten Eltern" zu weisen. "So ist der Tod in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu, gerade der Tod von Kindern, der existenzielle Ängste heraufbeschwört und darum verdrängt wird." Nur vergisst man dabei Väter und Mütter, die sich den Schmerz von der Seele reden müssen, wenn das Gefühl der Leere irgendwann Verzweiflung weicht.


Carolin wurde nur 7 Jahre alt

"Als unsere Carolin an Leukämie starb, war sie sieben Jahre alt", berichtet Gabriela Pöll. "Unsere Tochter war eine Kämpfernatur, überstand die ganze Qual klaglos, um mich und meinen Mann noch zu trösten." Sieben Monate vergingen von der ersten Diagnose des Kinderarztes, der die Kleine wegen starker Bauchschmerzen untersuchte, bis hin zu ihrem Tod auf der Intensivstation am 12. März 1991. "Carolin hatte keine Angst. Nicht mal, nachdem das Mädchen starb, mit dem sie sich im Krankenhaus angefreundet hatte." Zuletzt saßen beide Eltern am Bett der Tochter: Eines Kindes, das nie erwachsen werden, sich verlieben und eigene Kinder haben sollte. "Ganz friedlich hörte Carolin auf zu atmen. Ich sagte ihr: Es ist gut, wofür auch immer du dich entscheidest." Dann kam die Verzweiflung, für die es kaum Worte gibt. "Ich musste mein Kind zurücklassen, sollte ins Auto steigen und nach Hause fahren, ohne Carolin je wiederzusehen."


Erinnerungen an Leonie und Lorena

Leonie und Lorena sind die Namen der Töchter, die Stefanie Molitor nie in den Arm nehmen konnte. Sie hatte keine Gelegenheit, mit ihnen zu lachen, ihnen tröstend übers Haar zu streichen. "Meine Mädchen starben vor ihrer Geburt - Mitte des fünften Monats", sagt die 27-Jährige. Sie starben, ohne je gelebt zu haben. Wie hatte sich die Scheßlitzerin zuvor mit ihrem Mann auf die Zwillinge gefreut, für deren Ankunft sie alles vorbereitete. "Dann kam der Tag, als mir der Frauenarzt sagte, dass keine Herztöne mehr zu hören seien." Wie im Nebel erlebte die zweifache Mutter die darauffolgenden Stunden. "Alles war unwirklich. Teilnahmslos ließ ich im Klinikum weitere Untersuchungen über mich ergehen. Der Schmerz kam erst nach der Entlassung, nach dem Notkaiserschnitt, den die Ärzte vornahmen."

Liebevoll umsorgte auch Stefanie Molitors Mann seine Frau in den kommenden Monaten. "Und doch nahm ich Kilo um Kilo ab, konnte nichts mehr runterkriegen." Die zweifache Mutter lebte weiter, überlebte für ihre beiden Jungs, Kevin und Jannik. Erst die Gespräche, die sie mit anderen verwaisten Eltern führte, halfen ihr aus der Verzweiflung. "Mit meinem Mann zu sprechen, war zu schmerzlich. In einer Beziehung sorgt man sich um den anderen, möchte ihn nicht verletzten. Darum ist es wichtig, Außenstehende zu finden, die den Schmerz auf andere Weise mit einem teilen."


"Kindertotenlieder"

Drei Geschichten, die für zahllose andere stehen und Menschen Trost spenden sollen. Wie Friedrich Rückerts Gedichte, die der Poet nach dem Tod seiner Tochter Luise und seines Sohnes Ernst 1833 schrieb: "Kindertotenlieder", in denen man auch folgende Zeilen des verwaisten Vaters findet: "Du bist ein Schatten am Tage/ Und in der Nacht ein Licht;/ Du lebst in meiner Klage /Und stirbst im Herzen nicht."