Wir treffen Till Fabian Weser in einem Solistenzimmer der Bamberger Symphoniker. Kurz bevor sein Orchester ein Konzert für eine Schallplattenaufnahme einspielt, spricht er für unsere Themenwoche über Hörgenuss. Dieser steht für Weser in engem Zusammenhang mit natürlichen Klängen.

Wie hört man als Dirigent und wie als Musiker?

Vielleicht habe ich mich als Musiker auch fürs Dirigieren interessiert, weil ich über meine Aufgabe als Instrumentalist im Orchester Zusammenhänge aus dem großen Ganzen heraus gehört und erkannt habe.

Ein funktionierendes Orchesterspiel ist ähnlich wie Synapsen in einem Gehirn, die miteinander verbunden sind. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn zum Beispiel eine Solostimme nicht mit den Bässen zusammenspielt, dann geht es darum, das zu erkennen und im Probenprozess dem Solisten zu sagen: "Hör auf die Bässe". Und das Wunderbare daran ist ja auch, dass die Bässe dadurch selber erkennen, wie wichtig sie sind.

Wie ist das Hören bis zum Einsatz als Trompeter?

Man weiß, wann der nächste Einsatz kommt. Aber man hat viel mehr von der Musik, wenn man die Pausentakte nicht durchzählt, denn dann ist man aus der Musik eher draußen. Man folgt der Musik besser thematisch, harmonisch, sucht die Strukturen. Wenn ich mir zum Beispiel notiert habe, dass die Pauke acht Takte vor meinem Einsatz dran ist, dann höre ich darauf und zähle dann nur noch die letzten acht von zum Beispiel insgesamt 120 Pausentakten. Mit dem Einsatz der Pauke kommt dann Adrenalin ins Spiel und ich wechsele innerlich meine Funktion vom genießenden Hörer zum genießenden Instrumentalist.

Was ist für Sie ein Hörgenuss?

Ich meine jetzt gar nicht mal nur die Musik. Es gibt sowohl bei den Alltagsgeräuschen, als auch bei der Musik Vergleichbares. Natürliche Geräusche bereiten mir Genuss. Meeresrauschen, periodisch. Damit sind wir auch schon in der Formenlehre der Musik. Oder wenn als Kind Freunde zu Besuch waren und ich habe beim Einschlafen die Stimmen und ihr Lachen gehört. Was so zufällig wirkt, hat aber doch eine Form. Die Sprache hat eine Form, die beim Menschen mit Emotionen gekoppelt ist. Das finde ich ganz vergleichbar mit Musikerlebnissen. Also: Ein Hörgenuss ist setzt für mich eine organische Natürlichkeit voraus. Also natürliche Klänge, die auch eine eigene immanente Periodizität haben.

Wie können die aussehen?

Die einfachste Form ist zum Beispiel das Auf und Ab der Wellen an der Brandung. Aber auch, wenn eine Schafherde vorbeiläuft und ich mach die Augen zu, dann ergibtt das einen natürlichen Klang, der einer Form folgt. Ein Orchester als eine ganz außergewöhnliche, noble Form von Hörgenuss hat auch diese Verbindung. Ich sprach ja vorhin von Synapsen. Ob jetzt Meeresbrandung, Schafherde oder Orchester - ich möchte es nicht nur sehen, sondern metaphysisch spüren können. Dieses Spüren erlebt man, wenn man in einem größeren Ensemble gemeinsam einen Akkord beginnt, obwohl wir dabei die Augen geschlossen halten. Man spürt das, es ist definitiv nicht nur der Atem. Es gelingt aber nur, wenn man seine Sensorik dafür öffnet. Das ist für mich bei der elektronischen Musik unmöglich. Ich kann's nicht sehen, nicht spüren, es hat keine Metaphysik.

Was war Ihr überraschendstes Klangerlebnis?

Die liefert oft die zeitgenössische Musik. Ich hab mal ein Konzert gehört vom Hessischen Rundfunk. Da hatte jeder der Streicher, etwa 40 Musiker, eine Spieluhr am Pult. Wenn die gleichzeitig gespielt werden, das klingt großartig, Ordnung im Chaos. Oder was ich auch toll finde: Mahler-Sinfonie, ein eigener Kosmos, wenn da in den Proben nur eine Gruppe vom Dirigenten verlangt wird. Dann hört man Dinge, die ich im Tutti nicht so klar hören kann. Dadurch lernt man das Stück besser kennen und manchmal denke ich, schade dass niemand daraus ein Stück komponiert hat.

Was sind überhaupt die Idealbedingungen, um Musik zu hören?

Ein Störgeräusch kann wirklich Schmerzen verursachen. Gerade in besonderen Momenten, etwa im Abgesang im Schluss der Neunten Mahlers. Wo alles so leise ist und so langsam ersterbend. So viele Generalpausen dazwischen, wo keine Musik erklingt. Das erfordert ein Höchstmaß an Konzentration für alle, auch fürs Publikum. Und wenn dann jemand da unsensibel hineinnießt oder etwas runterfällt - das sind Geräusche, die zerstören den Moment. Wie wenn man ein Reh auf der Lichtung gesehen hat und dann ist es weg.

Haben wir verlernt, richtig hinzuhören?

Wenn ich die Hörer unserer Konzerte sehe, da kommen sehr viele vorgebildete Hörer rein. Sie kennen die Stücke, weil sie sie oft gehört haben und damit auch in das Stück hineinschauen können. Je mehr man darüber weiß, desto mehr erschließt sich das intellektuelle Hören. Was am Ende das Emotionale befeuert.

Und die Jugend?

Zu keinem Zeitpunkt gab es so viele Jugendliche, die Zugang zu klassischer Musik bekommen. Das bedeutet nicht, dass es nicht ausbaufähig wäre. Im Gegenteil, gerade an den Schulen. Aber wenn man schaut, was es für Jugend- und Studentenorchester gibt, das gab es natürlich vor 200 Jahren nicht, und auch nicht die Möglichkeit der Tonträger. Die Jugendlichen nutzen die ganz vielen tollen Möglichkeiten. Vielleicht gibt es eine Gefahr des Überangebots, aber auch dass die Alltagsgeräusche, die nicht-natürlichen, Flugzeug, Straße etc. ein bisschen so das intuitive Hören verlernen lassen. Früher hatten die Völker ein unwahrscheinliches Hörwissen - und sie haben auch viel mehr gesungen.

Was bedeutet Ruhe für Sie?

Sehr wichtig. Ruhe bedeutet nicht unbedingt die Abwesenheit von Geräuschen. Das kann eben auch ein ganz leises Plätschern am Bach sein. Stille hingegen kann auch sehr spannungsvoll sein. Die vorher beschriebene Schlussszene, Abgesang von der Neunten Mahler, wenn dann der letzte Ton erstorben ist, traut sich gar niemand zu klatschen. Generalpausen in der Musik vermitteln Stille, aber weniger Ruhe. Die ist so voll Spannung, dass der Applaus danach wie ein Urknall wirkt.

Was möchten Sie heute nicht mehr hören?

Bedrohliche Geräusche. Das Geräusch von Waldbrand, von Demagogie, das Geräusch von Nationalismus - das sind Geräusche, die ich nicht gern hören möchte.

Kehren wir von solchen Misstönen noch einmal zum Genuss zurück.

Ein ganz hoher Genuss ist für mich, wenn mehrere Genüsse zusammenkommen. Ein gutes Essen, gute Gespräche in einem wunderschönen Ambiente mit guter Musik dazu. Das ist für uns als Orchestermusiker und auch für unser Konzertpublikum in dem Moment des Hörgenusses zwar nicht möglich, das wird aber im Anschluss nachgeholt.

Die Fragen stellte Stefan Fößel.

Zu Till Fabian Weser:

Er wurde 1965 in Bloomington, Indiana, USA geboren.

Studien und Dirigierkurse absolvierte er unter anderem bei Carl St.Clair, Sir Roger Norrington und Prof. Wolfgang Schäfer sowie beim Donald Thulean Conducting Workshop in San Francisco. Musiker Weser ist Mitglied der Bamberger Symphoniker seit 1994. Er ist Gründungsmitglied des Blechbläserensembles Bach, Blech & Blues, das 2018 sein 30-jähriges Bestehen feierte.

Dirigent Neben seiner Tätigkeit als Trompeter dirigiert er Orchester wie die Düsseldorfer, Hofer und die Nürnberger Symphoniker oder die Jenaer Philharmonie. Er ist künstlerischer Leiter der Sommer Oper Bamberg und war von 2008 bis 2011 künstlerischer Leiter von Klassik am See. Seit 2012 setzt sich Weser als Dirigent des Jugendsymphonieorchesters Oberfranken für den musikalischen Nachwuchs in der Region ein.

Erstaufführung Im Februar 2013 fand unter seiner Leitung die deutsche Erstaufführung von Leonard Bernsteins "Peter Pan" gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern statt.