In der Serie "Bühne frei" präsentieren wir wöchentlich Theatergruppen, Einzelkünstler und sonstige Ensembles aus Stadt und Landkreis. Seit 25 Jahren lebt Dirk Bayer, der auch der IG Freie Darstellende Künste angehört, seine Leidenschaft: das Clownsein. Im Interview verrät Bayer, wie Theater helfen kann, ernste Probleme zu lösen, und welches Stück ihn besonders bewegt hat.

Was ist das Besondere an Ihrem Ensemble?

Bayer: Wir sind primär mobil unterwegs. Es sind meist keine "klassischen" Theaterstücke, sondern wir arbeiten komplett interaktiv, der Unterschied Schauspieler und Publikum löst sich quasi teilweise auf.

Wir zeigen zum Beispiel schwierige Alltagssituationen im Rahmen der Stücke und stellen diese zur Diskussion. Das Publikum versucht nun, die dargebotene Realität zu verändern (also zum Beispiel Lösungen für den dargestellten Konflikt zu finden) Diese werden sofort auf der Bühne ausprobiert. So werden die Effekte der gewählten Strategie sicht- und erfahr- und greifbar. Damit geht Theater weg vom Vorgeben und der festgelegten Dramaturgie hin zu einer Begleitung des Publikums, welches selbst zum "Zuschauspieler"(Augusto Boal) wird.

Wie ist Ihre Leidenschaft für die darstellenden Künste entstanden?

Theater spiele ich seit ich denken kann, Kindergarten, Schule, Studium, Selbstständigkeit... Gerade in meinen 14 Jahren als Dozent an der Universität Bamberg im Fachbereich soziale Arbeit zu Theaterpädagogik durfte ich immer wieder die große heilende Kraft des Theaters erfahren, des Spiels und des Schaffens und verändern der Realität. Diese unglaubliche therapeutische Power des Theaters fasziniert mich jedes Mal neu.

Meine große Leidenschaft allerdings gehört dem Clownsein. Dieses sich im Jetzt mit der unmöglichen Realität zu konfrontieren, an ihr vielleicht auch zu "scheitern", wieder aufzustehen, neu zu versuchen... Jedem Moment im Jetzt der Welt begegnen, die Gefühle jetzt leben - all das was ein Clown verkörpert. Das archaische Trickstersein genauso wie den "dummen August", der Clown spiegelt uns und unsere Versuche, mit der Welt klarzukommen...

Was sind Ihre aktuellen und anstehenden Projekte?

Unser aktuell fertiggestelltes "Respect"-Stück in Bamberg an den Schulen zu spielen, denn respektvollen dialogischen gleichwürdigen Umgang miteinander brauchen wir mehr denn je. Außerdem suche ich gerade männliche Schauspieler (mit entsprechender pädagogischer Erfahrung), um das Team zu erweitern.

Auf lange Sicht möchte ich nach so vielen Jahren gerne mein Wissen und Know-how weitergeben. Denn es ist ein so effektiver Weg, Theater einzusetzen, um zu Lösungen für sich, seine Probleme oder schwierige Situationen zu kommen, sich selbst bewusster zu erleben und immer mehr zum handelnden Subjekt des eigenen Lebens zu werden.

Winterhoff beklagt in seinem neuen Buch, dass Jugendliche nicht in ihre Eigenverantwortung gehen, sich wie Kinder verhalten - daran arbeiten wir von Anfang an, zu vermitteln, dass jeder immer auch Akteur seine eigenen Lebens ist, sein eigener Regisseur und Schauspieler.

Welchen Bühnenmoment werden Sie nicht so schnell vergessen?

Da gibt es so viele... Jedes Mal, wenn der Kontakt zwischen mir und dem Publikum so unglaublich dicht und persönlich wird, wir in eine intensive Verbindung und Austausch gehen, egal, ob als Clown in einer Pflegestation oder in einer Schule oder als Kabarettist auf der Bühne vor 1000 Zuschauern.

Auch die Premiere des Bistumstheaterstücks zum Jubiläum 2006 im Dom war so ein Moment. Hier haben 30 sogenannte Behinderte mit Unterstützung von Studierenden der Gesellschaft und der Kirche einen unglaublichen Spiegel vorgehalten, es waren magische 75 Minuten. Selbst der damalige Ministerpräsident konnte seine Bewegtheit nicht verbergen. Leider war der Kirche dann das Stück doch zu kritisch... Aber dieser Moment, in dem man spürte, wie das Leben alles durchpulst und wir ähnliche Bedürfnisse, Sehnsüchte und auch Ängste haben, war so sehr bewegend.

Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?

Ich würde gern mehr Menschen diese unglaublichen Ansätze und Methoden vermitteln. Ich möchte, dass immer mehr Menschen sich aufmachen, "durch das Spiel zu leben" und immer mehr zu sich selbst zu werden.

Die Weiterentwicklung meines Gewaltpräventionssets "Gewalt - (k)ein Thema", welches bereits in der zweiten Auflage fast ausverkauft ist, soll innerhalb der nächsten Jahre in verschiedenen Sprach- und Alterseditionen auf den Markt kommen, ebenso mein Buch zum Thema Beziehung und Dialog als Weg aus dem Erziehungsdilemma.

Und ich hätte große Lust, mal wieder ein "richtiges" Stück zu inszenieren, meine letzte große Inszenierung war das offizielle Theaterstück zum 1000-jährigen Bistumsjubiläum "Lebensbilder" und das ist nun doch schon eine Weile her. Auch aus meinen vielen kleinen Nummern ein komplettes Kabarettprogramm zu entwickeln, steht auf dem Plan. Allerdings ist das übrig bleibende Zeitbudget bei so vielen Aufführungen natürlich begrenzt.

Die Fragen stellte Stefan Fößel.