Es war ein erschreckendes Szenario, welches Anton Zahneisen von "Sophia" schilderte: Mitarbeiter hätten kürzlich in der Nähe des Bahnhofes ein älteres Ehepaar aufgesucht. "Beide wohnen im vierten Stock eines Hauses ohne Aufzug. Der Mann sitzt im Rollstuhl und hat die Wohnung seit zwei Jahren nicht mehr verlassen. Für ihn ist die Wohnung zum eigenen Gefängnis geworden."

Im Wohngebiet der Mayerschen Gärtnerei soll das niemanden widerfahren. Im Gegenteil: Das Viertel macht mobil und nützt dabei ein Projekt namens "EMN-Moves" in der Metropolregion Nürnberg.

In Zusammenarbeit mit den Universitäten Bamberg und Nürnberg-Erlangen hat die Joseph-Stiftung mit ihrem Tochterunternehmen "Sophia" ein Konzept erarbeitet, welches zum Ziel hat, Konzepte und technische Assistenzsysteme zur Unterstützung der Bewegungsfreiheit im Alter zu entwickeln. "Die Palette reicht von Senioren gerechten Sitzbänken über elektrische Mobilitätshilfen bis hin zu IT-Systemen, die einerseits über Barrieren im Wohnquartier informieren, andererseits persönliche Unterstützung für Menschen mit Mobilitätshilfebedarf vermitteln", sagte Wolfgang Pfeuffer von der Joseph-Stiftung. Die Mayersche Gärtnerei habe man zum einen wegen der Nähe zum Tochterunternehmen "Sophia", welches dort seinen Sitz hat, ausgewählt. Zum anderen sei es der Zusammensetzung des Konsortiums geschuldet, da "EMN-Moves" auch von den städtischen Wohnungsunternehmen in Erlangen und Nürnberg erprobt werde.

Ferner wurden - neben der Anschaffung von Rollstühlen, Rolatoren und eines Elektrofahrzeuges, die den Bewohnern des Quartiers zur Verfügung stehen - auch ein Netz von Treppenlotsen aufgebaut. Gleichsam wie Schülerlotsen sollen diese ältere Menschen Treppen sicher hinauf- und hinunter begleiten, erläuterte Zahneisen. Um diesen Einsatz zu koordinieren sei von der Bamberger Hochschule eigens eine Software entwickelt worden. Weil nicht alle Senioren über einen eigenen Computer verfügen, übernehme "Sophia" den Vermittlungsdienst. Zahneisen hofft zudem, dass die Elektrofahrzeuge und sonstigen Mobilitätshilfen auch für andere Viertel Bambergs ein Anreiz sind und künftig möglichst viele darauf zurückgreifen können.

Das Projekt ist aber noch nicht abgeschlossen. Nach Angaben von Ruth Knapheide von "Sophia" steht unter anderem noch eine Befragung der Bewohner aus.

Schon jetzt gab es jedoch von der Arbeitsgemeinschaft älterer Bürger Bambergs eine Auszeichnung für das Projekt: das Gütesiegel "mobilitätsfreundliches Quartier". Es wurde zum ersten Mal verliehen und durch Wolfgang Budde, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft, ausgehändigt.


22 Prozent älter als 65

"Mobilitätsfreundliche Quartiere werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen", betonte Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). Allein in Bamberg seien 22 Prozent der rund 70 000 Einwohner älter als 65 Jahre. Außerdem lebe ein mit knapp zwölf Prozent überdurchschnittlich hoher Anteil von Menschen mit Behinderungen in Bamberg.

Von daher sei es auch für die Stadtverwaltung eine wichtige Aufgabe, älteren Bürgern und Menschen mit Handicap die Teilhabe am öffentlichen Leben ohne Einschränkungen zu ermöglichen. "Mit der Mayerschen Gärtnerei haben wir ein Quartier, welches das Thema Mobilitätsfreundlichkeit von Anfang an berücksichtigt", so der Oberbürgermeister.