Die Koffer gepackt, schon heben Familien ab und fliegen in den Sommerferien Richtung Süden. Manche zieht's in die Türkei, andere nach Afrika oder gleich Down Under um die halbe Welt. Vorbei sind eben die Zeiten, als sich Kinder mit dem Finger auf der Landkarte in die Ferne träumten. Aber genau dahin führt unsere Reise: Zurück in die 40er Jahre, als sich Jungen und Mädchen in der unterrichtsfreien Zeit an Schulen für den "Endsieg" engagieren mussten. Die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre leben auf, in denen "Ferien auf dem Bauernhof" noch Ernteeinsätze bedeutete. Ja, in der guten alten Zeit rackerten Kinder statt sich an Stränden zu vergnügen, woran sich die meisten heute aber liebend gern zurückerinnern.

"Meine erste Reise machte ich mit 23 Jahren als Student", berichtet Landrat Günther Denzler. Mit Freunden flog der Franke nach Spanien. Bis zum Abi aber ackerte der Gymnasiast in den Ferien im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern - neben sechs jüngeren Geschwistern. "Als Bauernkinder halfen wir im Sommer auch bei der Getreideernte." Im Herbst ging's aufs Feld, um Erdäpfel aus dem Boden zu holen (daher der Begriff Kartoffelferien). "Aber ich durfte mit zwölf Jahren schon Bulldog fahren - ohne Führerschein!"

Ertragreicher als auf dem heimischen Hof waren Ernteeinsätze in Stackendorf. "Für jeden vollen Kartoffel-Korb gab's von unserer Tante einen Pfennig, was sich rasch summierte." Auch Kegelnachmittage waren ein Gewinn, ohne dass der Stappenbacher Bub alle Neune traf. "Ich stellte die Kegel auf und verdiente mir dabei etwas Taschengeld." Fleißig, fleißig! Und doch beschreibt Denzler seine Schulferien in den 50er und 60er Jahren als erholsam. "Es gab keine Handys und keinen Fernseher. Wenn's mal regnete, saß ich am Fenster und blickte hinaus. Heute ist diese Stille kaum mehr vorstellbar."


Teuflische Serpentinen

Keine Faulenzerwochen waren auch Gertrud Glössner-Möschks "Ferien" auf dem Bauernhof der Großeltern. Mit ihrer Mutter fuhr die Bambergerin, die heute die FT-Lokalredaktion leitet, alle Jahre wieder zum Ernteeinsatz nach Laibarös. "Allerdings konnten wir uns ein Auto ebenso wenig wie Urlaub leisten und schaukelten im Postbus in die Fränkische Schweiz." Einmal am Tag fuhr er die Strecke, deren Serpentinen die Grundschülerin zum Kotzen fand. "Los ging's um 7 Uhr morgens und bald war mir jedes Mal so hundeelend, dass ich mich übergab." Eifrig half Gertrud dafür auf dem Feld beim Auslegen der Schnüre und Bündeln von Getreidegarben. "Mein Opa mähte noch mit der Sense", berichtet die Redaktionsleiterin. Das Größte war damals natürlich auch für sie, Bulldog zu fahren. "Ich saß am Steuer, während mein Onkel die Garben auflud, die mein Großvater auf den Ladewagen stapelte." Einmal ließ die damals Achtjährige die Kupplung sausen, was ihren Großvater glatt umwarf: "Das gab Ärger!" Dabei war der "Fendt Farmer II" in den 60er Jahren der große Stolz von Gertruds Onkel. Er wusste die motorisierte Errungenschaft nach der Feldarbeit mit Kühen und Pferden zu schätzen. Ja, vieles ist heute kaum mehr vorstellbar. "Nicht mal ein Bad gab's im Haus meiner Großeltern. Als Toilette diente auf dem Hof ein Plumpsklo mit herzförmigem Loch in der Tür. Wir Kinder aber gingen lieber in den Stall."


Mit dem Bummelzug

Mit Freundinnen verbrachte Margarete Schmidt alias Rettl Motschenbacher in den 30er Jahren die meisten Ferien. Oft gab's im Garten Theater. "Erst jäteten wir Unkraut, dann spielten wir Gemüseladen", berichtet die Mundartautorin. Zum abenteuerlichen Reiseerlebnis wurde damals schon eine Fahrt nach Würzburg mit dem Bummelzug. "Er hielt im kleinsten Ort, während Bauern ihr Geschirr auspackten, um Wurst, Käse und Brot abzuhobeln und in aller Ruhe zu verzehren."

Gewaltig stank der Bambergerin eine Pflichtübung, die Jungmädel Jahre später in den ersten Ferientagen erwartete. "Eine Woche lang galt es zum Leistungsmessen in diversen sportlichen Disziplinen anzutreten, was für mich gleich frühmorgens Märsche von der Altenburger Straße (wo die Bambergerin mit den Eltern wohnte) bis zum Stadion bedeutete."

Zu "Kriegseinsätzen" rückte die Rettl in den 40er Jahren aus. "Im Auftrag des Rektors mussten Schülerinnen während der Ferien Seidenraupen füttern." So züchtete man auch an Bamberger Schulen in der NS-Zeit Maulbeerspinner, die Fallschirmseide lieferten.


Wassereimer schleppen

Die längsten "Ferien", die die Mundartautorin erlebte, begannen im März 1945 und endeten im September des gleichen Jahres - nach der Stunde null und dem Einmarsch der Amerikaner. "Seit der Zerstörung der Bamberger Brücken hatten wir kein fließendes Wasser mehr. Viele Brunnen waren in dem heißen Sommer ausgetrocknet." So schleppte die Schülerin das kostbare Nass von der Sutte nach Hause. "Jede große Wäsche wurde zur Katastrophe."

Ein aufwühlendes "Ferienerlebnis" sollte der 14-Jährigen 1945 noch bevorstehen. "Irgendwann öffnete man die Brauereikeller am Stephansberg, in denen die Nazis Lebensmittel gehortet hatten." Etliche Bamberger liefen los, um das Lager zu plündern. Als die Rettl ankam, bewachte den Kellereingang jedoch ein Besatzer, der sich an flüssiger Nahrung schwindelig getrunken hatte. "Sturzbesoffen schoss er in die Luft." Woraufhin alle, die sich noch bedienen wollten, mit leeren Taschen und Eimern die Flucht ergriffen.


Jugend-Wanderungen

Unvergesslich sind vielen Bambergern auch die Jugendwanderungen der 60er Jahre, an die sich eine frühere Teilnehmerin zurückerinnert. Viele Familien konnten sich damals noch kein Auto leisten, berichtet die 57-Jährige. "Welche bessere Möglichkeit gab's für Kinder also, als das Umland auf Schusters Rappen zu erkunden?" Hunderte marschierten hinter Bürgermeister Georg Grosch her, der mit dem obligatorischen Filzhut auf dem Kopf den Zug anführte. Mit dem Frankenlied auf den Lippen ("Wohlauf, die Luft geht frisch und rein ...") liefen die Jungen und Mädchen zur Friesener Warte, der Amlingstadter Alm und anderen Nahzielen. "Wie schmeckten mittags dann die Wurstbrötchen, die verteilt wurden, mit Tomaten und weißer Zitronenlimo!"
"Altenwanderungen" fanden unter gleicher Regie 1970 erstmals statt. Die Senioren-Ausflüge, die die Stadt bis heute veranstaltet, überlebten "Wandervater" Grosch. "Leider aber starben die Jugendwanderungen als tolle Gelegenheit, einen besonderen Ferientag mit anderen Kindern zu genießen."