Mit ähnlich ritualisierten Argumenten wird ansonsten vielleicht nur über die Opern von Richard Wagner gestritten. Die Grünen fordern ein Ermittlungsverfahren, während der Boulevard pflichtschuldigst Zeter und Mordio schreit. Der notorische Heino sorgt sich um die Würde des Bambis, und der Bundesinnenminister glaubt die Grenzen jener Kunstfreiheit überschritten, auf die sich der Künstler leidenschaftlich beruft. Zum großen Finale landet das Lied auf dem Index jugendgefährdender Medien, was ihm erst recht Aufmerksamkeit sichert.
In seinem Lied "Stress ohne Grund" spuckt der Hip-Hopper Bushido dem homosexuellen Berliner Bürgermeister Wowereit ins Gesicht und halluziniert darüber, Grünen-Chefin Claudia Roth ein paar Kugeln zu verpassen.

Das liegt jetzt gut drei Wochen zurück. Erkenntnisgewinn seither? Null Komma null.
Bushido ist, was er ist. Aber wir anderen könnten uns ruhig etwas mehr Mühe geben. Damit die nächste Debatte über Hip-Hop und die Grenzen der Kunst nicht schon wieder in den ausgetretenen Pfaden von Affekt und gefährlichem Halbwissen verläuft. Neue Argumente tun Not.

Vielleicht liefert sie ja der Bamberger Hip-Hopper Jonas Ochs. Mit seiner Combo "Bambägga" hat der 28-Jährige jüngst das hochgelobte Album "Laib und Seele" auf den Markt gebracht.



Was meint Bushido, wenn er Löcher in Claudia Roth schießen möchte?
Jonas Ochs: In erster Linie will Bushido natürlich provozieren. Er hat mit den Jahren ein öffentliches Image als Bad Boy aufgebaut, das er von Zeit zu Zeit bestätigen und erneuern muss. Und mit seinen Hass- und Gewaltfantasien gegen Prominente rennt er natürlich offene Türen ein. Die Jugendlichen haben wieder etwas, mit dem sie ihre Eltern schocken können. Und die Öffentlichkeit schreit natürlich auch gleich auf.

Die es ohnehin am liebsten mag, wenn sich die Rapper entweder gegenseitig totschießen, kriminell sind oder zumindest anstößig.
Ja, genau.

Schadet die ganze Aufregung um Bushido Hip-Hop?
Nein, der Gangsta-Rap ist ja auch eine legitime Spielart des Hip-Hop. Wenn einer aus bedrängten Verhältnissen kommt oder Schlimmes erlebt hat, darf er seine Geschichte auch ungeschminkt erzählen. Aber Bushido mit seinem krassen Getue ist für mich ein Clown und Kasper. Er ist im Grunde nur eine Marionette seiner Manager. Ich nehme Bushido auch nicht ab, was er da in seinen Liedern zusammenrappt. Dem fehlt jede Authentizität. Mit seinen neuen Zeilen schießt er ayuch keine Löcher in den Bauch von Claudia Roth, sondern schneidet sich ins eigene Fleisch.
Wie sind die Verse denn handwerklich gebaut?
Das ist alles nicht besonders gut. Wobei ich ohnehin davon ausgehe, dass Bushido einen Ghostwriter hat. Bushidos Verse haben etwas Plumpes und Banales. Die funktionieren eigentlich wie "Bild"-Schlagzeilen. Die knallen am Anfang rein, werden aber schnell langweilig. Das Grelle kann nur kurz verdecken, dass das keine gut gebauten Reime sind.

Was macht einen guten Text aus?
Zunächst einmal muss er sich reimen und einen guten Flow haben. Es ist immer dann gut, wenn man beim Rappen nicht aus dem Mitnicken raus kommt. Dann fließt er schön im Viervierteltakt. Ein guter Text muss eine in sich schlüssige Geschichte haben und vor allem Bilder, die nicht abgegriffen sind und auch Spielraum für Interpretationen lassen.

Benutzt du ein Wörterbuch?
Nein, dass wäre ein bisschen gegen die Ehre. Ich habe mir inzwischen ein Grundrepertoire an Reimen erarbeitet. Und der Rest geht dann über Probieren und nochmals Probieren.

Darf nicht gerade Hip-Hop eine Sprache benutzen, die rauer und härter ist als unsere Alltagssprache?
Doch, das ist ja auch das Tolle daran, dass ich im Hip-Hop mit Sprache spielen und experimentieren kann. Das muss man auch nicht immer gleich wortwörtlich nehmen. Ich glaube nicht, dass Bushido Frau Roth jetzt wirklich umbringen möchte. Ich habe auch nichts dagegen, wenn Hip-Hop aggressiv und meinetwegen auch anstößig ist. Hip-Hop ist immer noch auch ein Medium, mit dem sich diejenigen ausdrücken können, die sonst keine Stimme haben.

Wo verläuft die Grenze?
Das muss jeder für sich entscheiden. Für mich verläuft sie da, wo offen zu Gewalt aufgerufen wird. Ich rappe das, was ich im Moment fühle und denke. Für mich geht es vor allem um Authentizität.

I st auf der anderen Seite Hip-Hop nicht eine Kunstform, in der ich in andere Rollen schlüpfen und andere Identitäten annehmen kann?
Natürlich. Musik ist immer eine Kunstform und niemand ist gezwungen, genau derjenige in seiner Kunst zu sein, der er auch im "wahren" Leben ist.

Verwendest du Wörter wie "schwul" oder "Opfer"?
Nein. Das sind alles abwertende Wörter, mit denen ich mich nicht identifizieren kann.

Hip-Hop ist heute die vielleicht letzte schichtenübergeifende Jugendkultur. Haben Hip-Hopper vor diesem Hintergrund eine besondere Verantwortung, worüber und mit welchen Worten sie rappen?
Verantwortung ist jetzt ein großes Wort. Aber man muss sich als MC schon darüber im Klaren sein, dass man in einer privilegierten Sprecher-Position ist. Man steht oben auf der Bühne, rappt irrsinnig viele Wörter, während den anderen nichts anderes übrig bleibt, als zuzuhören. Das kann man nutzen für witzige und intelligente Texte.

Das große Ding ist doch gerade sowieso eher ein melancholisch vergrübelter oder unbeschwert euphorischer Hip-Hop aus der Mitte der Gesellschaft.
Hip-Hop ist zuletzt freundlicher und poppiger geworden. Leute wie Cro oder Casper wären vor wenigen Jahren noch von der Bühne geschrien worden. Heute sind sie Stars. Auf der anderen Seite ist auch aggressiver Hip-Hop eine gute Sache. Es kommt halt darauf an, wer rappt. Bei meinen Workshops im Ebracher Jugendgefängnis rappten die Jungs oft über ihre Straftaten, über ihre Kindheit und Stress in der Familie. Das hörte sich dann eben hart an, aber es war echt. Ob man das dann Gangsta-Rap nennen will, ist am Ende egal.

Ist Hip-Hop immer noch ein Medium der Benachteiligten?
Das Tolle an Hip-Hop ist, dass er ein sehr niederschwelliges Angebot macht. Man muss nicht erst ein Instrument lernen, um Hip-Hop zu machen. Das Texten kriegt man nach ein bisschen Übung hin, die Beats kann ich leicht aus dem Internet ziehen und wenn ich Lust habe, kann ich noch ein Filmchen drehen und es auf Youtube stellen. Und schon habe ich eine Bühne, um meine Gefühle, meine Freude, aber eben auch Wut und Hass auszudrücken.

Bamberg ist jetzt nicht Southeast L.A. Muss man sich dessen bewusst sein, wenn man rappt?
Wenn in Strullendorf oder so die Mülltonnen brennen, dann nur, weil gerade die Zentralheizung defekt ist. Da kann es schnell peinlich wirken, wenn ich über Gang-Rivalitäten rappe. Die Jungs in meinen Workshops sind immer recht schnell dabei, Gangsta-Texte zu schreiben. Aber wenn sie die dann aufführen sollen, ist ihnen das oft recht unangenehm. Die merken dann, dass es eigentlich eine aufgesetzte Pose ist, die gar nicht zu ihnen passt.

Ist Hip-Hop immer noch eher ein Jungs-Ding?
Das ist mein Eindruck, leider. Obwohl bei meinen Workshops die wenigen Mädchen, die dabei sind, beim Texten oft mehr auf dem Kasten haben als die Jungs. Aber Mädchen und auch junge Frauen finden oft keinen Zugang zum Hip-Hop. Wahrscheinlich weil Hip-Hop immer noch eine sehr männerdominierte Musik ist und die Frauen oft nicht mehr als Anhängsel und Trophäe.

Das Gespräch führte Christoph Hägele.