Im Internet wirbt die Firma Denkmalneu für ihre „spektakulären“ Lofts mit Blick auf Bambergs Wahrzeichen. Doch die Eigentumswohnungen mit bis zu fünf Meter hohen Räumen entstehen möglicherweise auch auf dem Rücken von Scheinselbstständigen, die weit unter den gesetzlich vorgeschriebenen Tariflöhnen und unter Verzicht auf Sozialbeiträge beschäftigt werden.

Dies ist der Verdacht am Ende eines Großeinsatzes von 100 Polizisten und 80 Zollbeamten am Montag. Ohne Vorwarnung riegelten die Einsatzkräfte das fünf Hektar große Gelände ab, auf dem Wohnungen für rund 800 Menschen entstehen sollen. Erst am Dienstagmittag standen die ersten Ergebnisse fest. Danach wurden auf der Großbaustelle, auf der zeitweise bis zu 600 Beschäftigte gearbeitet haben sollen wegen des Verdachts auf Straftaten mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bemerkenswert: Die 200 Arbeitnehmer, die auf der Baustelle angetroffen wurden, gehörten über 50 verschiedenen Unternehmen aus den Bereichen Bau, Trockenbau, Elektroinstallation, Holzverarbeitung, Metallbau sowie Personalleasing und Speditionsgewerbe an. Die Masse der überprüften Arbeiter stammt aus dem osteuropäischen Ausland, weshalb der Zoll mit etlichen Dolmetschern in Bamberg angerückt war.

Erfolglos war die Razzia nicht: Wie Stefan Schramm vom Hauptzollamt Schweinfurt sagte, wurden drei Arbeitgeber angezeigt, weil sie bei ihren Beschäftigten Sozialversicherungsbeiträge vorenthalten haben sollen. Gleichzeitig besteht auch der Verdacht, dass diese Arbeitgeber über die so genannte Scheinselbständigkeit den tariflich gültigen Mindestlohn unterlaufen. In einem der eingeleiteten Ermittlungsverfahren kam erschwerend hinzu, dass die Firma acht ausländische Arbeitnehmer ohne Arbeitsgenehmigung beschäftigte. Mehrere kroatische Arbeitnehmer müssen deshalb mit Bußgeldern rechnen.

Und das ist möglicherweise nicht das Ende der Fahnenstange: „Wir prüfen noch, ob nicht bei weiteren auf der Baustelle angetroffenen Arbeitnehmern, die als Selbstständige gemeldet waren, in Wahrheit abhängige Beschäftigungsverhältnisse vorliegen“, sagte Schramm. Auch hier wäre das Motiv klar: Der Mindestlohn soll auf diese Weise ausgehebelt werden.

Er beläuft sich bei Helfern in den Gewerken der Baubranche auf derzeit 11,10 Euro und 13,85 Euro bei Fachkräften, sagt Hans Beer, Regionalleiter der IG Bau. Wegen der vergleichsweise hohen Tarife sind kriminelle Tricksereien nach den Erfahrungen des Gewerkschafters kein Einzelfall. „Selbst wenn auf dem Papier alles in Ordnung ist, stellt sich die Sache in Wirklichkeit häufig anders dar. Häufig wird der Lohn über die Stundenzahl geschönt“, sagt Beer. Er berichtet von einem Fall in Frankfurt, bei dem 50 Rumänen zwei Monate für nicht mehr als 150 Euro gearbeitet hätten. Beer fordert deshalb, dass solche Zollkontrollen wie am Montag in Deutschland häufiger durchgeführt werden.

Doch Frankfurt ist nicht Bamberg: Nach Beers Erkenntnissen sind überschaubare Mittelstädte wie Bamberg eher selten von solchen Verhältnissen betroffen. In Bamberg würden würden häufig Firmen eingesetzt, die vor Ort bekannt sind, sagt Beer.

Auf kein Verständnis können die angezeigten Unternehmer auch bei Matthias Bieger, dem Geschäftsführer des Bauherren von der Unternehmensgruppe Denkmalneu hoffen. „Wer sich nicht an die Regeln hält, muss die Baustelle verlassen“, sagt Bieger. Nach seinen Angaben stammen rund 80 Prozent der beauftragten Unternehmer Firmen aus dem bayerischen, thüringischen und sächsischen Umfeld. Dennoch sei eine 100-prozentige Kontrolle aller Nachunternehmen bei einem Bauvolumen von bis zu 100 Millionen Euro kaum möglich. Bieger ist sich auch sicher, dass die schwarzen Schafe beim Mindestlohn nur wenige sind. „Soweit wir das steuern können, beschäftigen wir niemanden unter 17,.50 Euro.“