"Ich kenne eine Mutter mit Kind, die lebt in einer Absteige. Um sie macht sich keiner Gedanken. Und es gibt viele Bamberger, die sich über neuen Wohnraum auf dem Konversionsgelände freuen würden." Worte, die kürzlich bei einer Informationsveranstaltung zur Unterbringung von Asylbewerbern in der Domstadt fielen. Ob besagte Mutter aber tatsächlich in eine der ehemaligen US-Wohnungen der Geisfelder Straße 98 ziehen möchte, dürfte mehr als fraglich sein. Zumindest nicht unter den Umständen, unter denen Asylbewerber dort leben.

So haben sich in einem Hilferuf die ersten hier untergebrachten Menschen an die Lokalredaktion gewandt, uns eingeladen und gezeigt, mit welchen Problemen Familien seit rund einer Woche kämpfen, ja unter welchen Bedingungen sie leben müssen. Wobei die 75 Quadratmeter große Wohnung, die die Asylbewerber bezogen, eigentlich in einem gutem Zustand ist und durchaus geeignet für eine (!) Familie wäre. Viel Platz bietet die Küche mit eingebauten Schränken und Geräten. Die Bäder sind zeitlos gefliest, mit einer Dusche ausgestattet. Das war's dann aber auch mit dem Luxus. So ist die Einrichtung für die untergebrachten Menschen spartanisch. Pro Person gibt's ein Hochbett, das stark an alte ausrangierte Bundeswehrbetten erinnert, einen Stuhl und pro Familie noch einen kleinen in die Jahre gekommenen Spind. Das alles und ebenso der Platz, der jeder Asyl suchenden Familie zur Verfügung steht - pro Wohnung werden derzeit drei Familien, also insgesamt zehn (!) Personen untergebracht -, war aber gar nicht der Anlass für besagten Hilferuf.

Keine Privatsphäre

Am meisten leiden die Menschen eben darunter, dass die Wohnungen in der Geisfelder Straße nach amerikanischem Stil offen geschnitten sind und außer der Eingangstür und der Badezimmertür keine weiteren Türen haben. Von einer Privatsphäre kann auf diese Weise keine Rede sein. Wobei die beiden größeren Zimmer eine syrische und eine armenische Familie mit Kindern bewohnen - und sich einen etwas kleineren Raum ein junges Ehepaar aus Tschetschenien teilt. Um in die einzelnen Zimmer oder die Küche zu gelangen, müssen alle durch die Bereiche der jeweils anderen. Nur die Spinde dienen notdürftig als Raumteiler. "Wir schlafen in unseren Kleidern und trauen uns nachts schon gar nicht auf die Toilette, um nicht durch den Raum zu laufen, in dem das junge Ehepaar aus Tschetschenien schläft", meint die armenische Familie mit zwei Kindern im Alter von elf und zwölf Jahren. Um in die Küche zu gelangen, müssen alle an der syrischen Familie vorbei.

Zwar können sich die Armenier und Tschetschenen noch einigermaßen sprachlich verständigen, mit der syrischen Familie klappt das allerdings nicht. Hinzu kommt der unterschiedliche Glaube. Während einige Bewohner Christen sind, lebt die syrische Familie, eine Mutter mit einem erwachsenen Sohn und zwei Teenagern, nach strengen muslimischen Richtlinien. So dürfen die beiden jungen Mädchen fremde Männer nicht mal ansehen. Da sich das in einer Wohnung aber schwer vermeiden lässt, verbringen sie zwangsläufig beinahe den ganzen Tag und die ganze Nacht verbarrikadiert hinter zwei Schränken auf wenigen Quadratmetern. Und während die beiden armenischen Kinder zum Spielen nach draußen gehen - allerdings gibt's hinter den Häusern der Geisfelder Straße weder Grünflächen noch einen Spielplatz - sitzen die Mädchen fortwährend in der Wohnung.


Großer Ruhebedarf

Reibungspunkte gibt es in der angespannten Situation auch zwischen den Armeniern und den Tschetschenen. "Manchmal schreit die junge Frau die ganze Nacht durch. Sie geht auch sehr früh schon schlafen. Nach 20 Uhr können wir uns kaum mehr unterhalten, geschweige denn, dass die Kinder noch spielen können", berichtet der armenische Familienvater. Auch tagsüber brauche die Mitbewohnerin viel Ruhe. Noch sei das Wetter gut, so dass die Kinder fast den ganzen Tag draußen sein können. Aber was, wenn es Winter wird und sie auf die Wohnung angewiesen sind?,so der Armenier.

Mehrfach haben die drei Familien bereits bei den Zuständigen der Stadt auf ihre Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, wie sie berichteten. Geändert hat sich bislang nichts. So fragten wir beim Sozialreferenten Ralf Haupt nach, wie man eventuell Abhilfe schaffen könne. "Zum Zeitpunkt der Zuweisung der beiden Familien und des Ehepaares stand der Stadt Bamberg als Unterkunft lediglich die eine besagte Wohnung zur Verfügung. Es gab auch keine Möglichkeit, den Asylbewerbern zusätzlichen Wohnraum zu bieten. Eine Veränderung der Situation ist jedoch angedacht", sagt Haupt. Dazu müsse man allerdings die Zuweisung der Asylbewerber in dieser Woche abwarten, damit dann eine entsprechende Belegung der nächsten Wohnung angesichts der jetzigen Situation erfolgen könne.


Keine baulichen Veränderungen


Eine bauliche Veränderung, wie zum Beispiel das Einziehen von Wänden, schließt Haupt allerdings aus. So muss bei derartigen Maßnahmen innerhalb der Wohnungen laut bestehendem Vertrag zunächst das Einverständnis der Bima eingeholt werden. "Die einzige Möglichkeit wäre, mit mobilen Raumteilern eine Abtrennung bzw. Abgrenzung zu schaffen."

Ein anderer Lösungsansatz wie beispielsweise die Unterbringung der Asylbewerber in den ehemaligen amerikanischen Mannschaftsquartieren, die Familien baulich mehr Privatsphäre bieten könnten, ist dem Sozialreferenten zufolge nicht erforderlich. So seien in den nächsten Tagen die Anwesen Geisfelder Straße 50 und 52 für die Belegung mit Flüchtlingen aufnahmefähig. Und danach stünden noch die beiden anderen Anwesen in der Geisfelder Straße 94 und 96 zur Verfügung. In anderen Unterkünften gibt es Haupt zufolge übrigens Probleme wie in der Geisfelder Straße 98 bislang nicht.