Jetzt also doch: Bis zuletzt glaubten Menschen in Bamberg, die Vorwürfe gegen den früheren Chefarzt der Gefäßchirugie am Klinikum würden sich in Luft auflösen, noch ehe es zur Anklage kommt.

Dem 49-jährigen Mann aus Bamberg - ein bundesweit bekannter Experte seines Fachs - wird vorgeworfen, 12 Frauen im Alter von 17 bis 28 Jahren willenlos gemacht, sexuell missbraucht und dabei Fotos und Filme gefertigt zu haben. Der mutmaßliche Täter hat diese Anschuldigungen bislang in vollem Umfang zurückgewiesen. Er sieht sich als Opfer eines Justizirrtums, dem es nur um medizinisch gebotene Untersuchungen gegangen sei.

Um diese Entgegnung zu entkräften, hat die Staatsanwaltschaft einen Berg von Fakten gesammelt und musste sich hohen medizinischen Sachverstand zu eigen machen. 94 Seiten soll die Anklageschrift umfassen. Sie stützt sich auf 68 Zeugenaussagen, fünf Sachverständige und eine Vielzahl tatrelevanter Bilder und Filme, die der Beschuldigte von seinen Handlungen selbst gemacht hat.

Was geschah am Bamberger Klinikum zwischen September 2008 und August 2014? Hat der hochdekorierte Mediziner tatsächlich das Schlimmste getan, was einem Arzt vorzuwerfen ist? Hat er das Vertrauen seiner Patientinnen schamlos missbraucht?

Hypnotikum verabreicht

Für die Staatsanwaltschaft gibt es keinen Zweifel: Sie wirft dem Mann vor, zehn Patientinnen und zwei Mitarbeiterinnen unter dem Vorwand einer ärztlichen Behandlung oder einer medizinischen Studie ohne ihr Wissen mittels eines Hypnotikums namens Midazolam in einen handlungsunfähigen Zustand versetzt zu haben. In dieser Situation habe er sie durch Manipulationen im Intimbereich sexuell missbraucht und davon Fotos und Filme gemacht. Diese Aufnahmen dokumentieren laut Oberstaatsanwalt Bardo Backert, dass die Frauen während der Tat ansprechbar waren und auf den Arzt reagiert haben. Und Midazolam ist auch dafür bekannt, dass es die Erinnerung für eine gewisse Zeit auslöscht.

Bei dem voraussichtlich im Frühling beginnenden Prozesss wird es nicht nur um den Vorwurf der Vergewaltigung gehen, die mit einer Freiheitsstrafe bis zu 15 Jahren bestraft wird. Der Ex-Chefarzt muss sich auch wegen der Anschuldigung gefährlicher Körperverletzung sowie der Verletzung des höchst persönlichen Lebensbereichs durch Bilder verantworten. Neu ist der Strafantrag einer jungen Frau, die mit dem Arzt freiwillig Intimitäten ausgetauscht hat. Auch diesen Kontakt hatte er fotografisch festgehalten - offenbar ohne Wissen der Frau.

Monatelanger Prozess

Die Dimensionen des anstehenden Verfahrens sprengen in Bamberg alle bekannten Maßstäbe. Weil alle Frauen Strafantrag gestellt haben und sich zwölf von ihnen als Nebenklägerinnen am Strafverfahren beteiligen wollen, ist mit einem Großaufgebot an Rechtsanwälten und einer Vielzahl von Prozessbeteiligten zu rechnen. Beobachter rechnen mit einer Dauer von Monaten. Dabei werden unweigerlich auch die Opfer in den Zeugenstand gerufen werden müssen. Und auch die Bilddokumente werden im Fokus stehen - freilich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.