Innenminister Joachim Herrmann kam nicht, wohl aber gut 120 Demonstranten. Mit einer Mahnwache protestierten sie gestern gegen die offizielle Inbetriebnahme des Ankunfts-, Entscheidungs- und Rückführungszentrums (Anker) in Bamberg. Zwar änderte sich genau betrachtet nur der Name der Großunterkunft mit knapp 1400 Asylbewerbern, doch für die Kritiker weist die Politik hin zu mehr Zentralisierung in "Massenlagern" in die völlig falsche Richtung.
"Das Wort Anker lässt vermuten, hier würde Schutz für Bootsflüchtlinge geschaffen. Aber das Ziel ist es stattdessen, sie möglichst schnell wieder loszuwerden", kritisierte Mirjam Elsel, im Dekanat Bamberg für Flüchtlingsarbeit zuständig und Organisatorin der Mahnwache. "Anker macht kranker" oder "Flucht vor Hunger anerkennen", stand auf den Plakaten, "Anker macht aus Menschen Zahlen" oder die Forderung: "Individuelle, faire Asylverfahren".
Eben hier sieht der Bayerische Flüchtlingsrat in Bayern eindeutige Defizite: Als Beispiel nannte Sprecher Alexander Thal Asylbewerber aus Äthiopien. Während in Hessen und Nordrhein-Westfalen die Anerkennungsquoten über 42 Prozent lägen, hätten Anträge in Bayern nur in elf Prozent der Fälle Erfolg. "Es ist ein Skandal, dass Bayern hier so massiv abweicht im Vergleich zu anderen Bundesländern." Dieses restriktive Modell auf den ganzen Bund auszuweiten, sei grundfalsch.
Der Freistaat will mit den neuen Zentren Vorbild sein, was die schnelle Entscheidung von Asylverfahren angeht. Kurze Wege, alle beteiligten Behörden an einem Ort, keine Verzögerungen, weniger Unsicherheit bei den Geflüchteten: So die Argumentation der Staatsregierung. Doch die Kritiker um Thal und Elsel glauben nicht an einen Erfolg - im Gegenteil: "Die Behauptung, dass dieses System Verfahren beschleunigt, ist eine Lüge", sagte Thal. Es sei verständlich, Menschen nach der Ankunft erst einmal in großen Aufnahmeeinrichtungen unterzubringen - doch sie während des gesamten Asylverfahrens in "Massenlagern" zu isolieren, sei grundfalsch.
Wie es sich anfühlt, in der Bamberger Ankereinrichtung zu leben, davon erzählte am Mikrofon ein Iraner, der seit sieben Monaten in Deutschland ist. "Das hier ist wie das Ende der Welt für uns", sagte der 28-Jährige. "Hier werden alle Zukunftsaussichten hoffnungslos." Er berichtete von Familien in Zimmern mit 16 Insassen, Schlangen vor den Toiletten und der Taschengeldausgabe, nicht genügend Kinderbetreuung, Fernseher, Fußballplätze und Fitnessräume, bis hin zu schlechtem Essen in der Kantine. "Hier sind Architekten, Ingenieure und sogar Profifußballer, aber niemand fragt danach." Die Perspektivlosigkeit mache krank.
Von psychischen Erkrankungen der Bewohner erzählte auch Ulrike Tontsch vom Verein "Freund statt fremd". Besonders für Kinder und Familien sei das Zusammenleben auf engstem Raum mit vielen alleinstehenden Männern ein echtes Problem. Integration werde verhindert - und noch schlimmer: "Die Massenunterkünfte führen auch dazu, dass die Bewohner von der Bevölkerung als bedrohliche Masse wahrgenommen werden", zeigte Mirjam Elsel Verständnis mit den Bambergern.
Wie würden die Demonstranten die Asylpolitik angehen? "Ich würde hier als erstes diesen Zaun abbauen", antwortete Thal vom Flüchtlingsrat. Kleine, dezentrale Unterkünfte hätten sich in der Vergangenheit als Erfolg erwiesen. Integration statt Abschottung, Menschlichkeit statt Abschreckung, faire Asylverfahren - so die Forderungen bei der Mahnwache. Konzepte wie "sichere Herkunftsstaaten" oder "geringe Bleibeperspektive" lehnte Mirjam Elsel ebenfalls ab: "Wir wenden uns gegen Abschiebungen und Arbeitsverbote aus wahltaktischen Gründen." Dafür bekam sie Applaus.