Auf diesen Moment hat Andreas Schwarz so intensiv hin gearbeitet. Und dann, dann war alles so unwirklich. "Herzlichen Glückwunsch, Herr Abgeordneter!" Karl Kröner, Strullendorfs sozialdemokratisches Urgestein und politischer Ziehvater, klopft dem 44-Jährigen robust auf die Schulter. Nach fast 20 Jahren schickt die SPD aus der Region Bamberg Forchheim wieder einen der Ihren in den Bundestag.

Um 17.30 Uhr läuft für Schwarz der Endspurt. Zum x-ten Mal erklärt er das, was er in den letzten Monaten und Wochen immer wieder hat erklären und ausführen müssen. Für Parteifreunde, das Heer der anynonymen Wähler, die bekannten Anhänger, die Familie. Die SPD braucht in Bayern 19 Prozent, damit Listenplatz 19 ihn nach Berlin bringt. Dort wird er sich eine Wohnung suchen, mit Ehefrau Kathrin und Töchterchen Valentina, wird zwischen der Bundeshauptstadt und Hauptwohnsitz Strullendorf pendeln. Aufgabe der Frau, wäre es ab Montag via Netz, eine Wohnung zu suchen. Theoretisch müsste er selbst dann am Montag den ICE nach Berlin nehmen, weil dienstags bereits um 11 Uhr Fraktionssitzung ist. Theoretisch. "Dann wird sich auch das ganze Leben meiner Familie ändern," schiebt er hinterher.

Praktisch hat er am Sonntag seine Bürgermeistertermine absolviert: Kirchgang, Ausstellungseröffnung, Check im SPD-Party-Lokal, daheim Mittagessen mit der Familie dann auf Motivationstour zu den Rathausmitarbeitern, die in Sachen Wahl ranmüssen. Ansonsten läuft die Kommunikation mit der Außenwelt übers Handy der Frau. Das eigene ist seit Samstag kaputt.

"Es war schön mit Dir, egal, wie's ausgeht", lässt Unterbezirksvorsitzender Merzbacher wissen. Wenn's schlecht laufen soll, hat er versprochen, bald vorbei zu kommen. Hat alles geklappt, wird Gundelsheims Bürgermeister erst ein bisschen später da sein.... Sicher ist für Schwarz nur eines: spätestens Ende April endet seine Amtszeit als Strullendorfer Bürgermeister. "In jedem Fall." Und wenn's mit Berlin klappt? "Dann muss der Zweite Bürgermeister die Geschäfte führen", erklärt Geschäftsleiter Arnold Engert. Und zwar spätestens ab Dienstag. Für alle Fälle hat Verwaltunsgpoet Werner Meusel schon mal zwei Gedichte vorbereitet...

Kurz vor 18 Uhr, Zeit sich Richtung Lindenbräu aufzumachen. "Ihr kommt dann," wiederholt Schwarz die Einladung an die Verwaltung, "zum Leichenschmaus oder zur Siegesfeier." Die Mienen der Mitarbeiter lassen viele Deutungen zu. Andreas Schwarz auf der Straße, Andreas Schwarz auf den Türen - die Plakate grüßen den echten Andreas Schwarz, dem als Erste Schwager und Schwiegereltern zur Seite eilen. Geschlossen der Einzug ins Lokal: Heftiger Beifall der Sozis. Bambergs SPD-Stadtratsfraktiohnssprecher Wolfgang Metzner kommt, strahlt, gratuliert "Da hast es geschafft!" Kurz nach 18 Uhr. Die Bundes- SPD liegt bei 26 Prozent. "Bayern hat meist um die sieben weniger", weiß Schwarz.

Das müsste reichen. Schwarz und Ehefrau Kathrin sind vorsichtig. Nicht zu früh freuen, "es kommt auf das SPD-Ergebnis in Bayern an." Das lässt auf dem Bildschirm noch auf sich warten. In der Zwischenzeit tröpfeln immer mehr Sozis ein, aus der Stadt und aus dem Landkreis und natürlich auch aus Forchheim. Schwarz und seine Frau werden gedrückt und geherzt. Die Sozis werden mit jeder neuen TV-Meldung zuversichtlicher. Dann endlich, erstmals Zahlen aus Bayern: 20 Prozent. "Das reicht," gibt sich der große Blonde mit dem schwarzen Anzug und der roten Krawatte allmählich lockerer. Er wartet noch auf eine SMS von Merzbacher. Die SMS, dass "alles safe" ist, also der Sitz steht. Dazwischen Fragen, Interviews. Die Presse trudelt ein.

Vor knapp 20 Jahren saß mit Hans de With letztmals ein Bamberger SPD-Abgeordneter in Berlin... Schwarz ist angespannt, atmet tief durch. "Zeit würde es schon", sinniert er. Die Stimmung der Genossen wird mit jeder weiteren Meldung ausgelassener. Metzner meldet sich für den Besuch mit einer Schulklasse an, Hirschaids Bürgermeisterkandidat Horst Auer sichert sich Unterstützung. Blumen für Schwarz und Gattin, die sich immer noch in Zurückhaltung üben. Nur Töchterchen Valentina - in ihrer roten Lederhose - ist unbekümmert bei den Großeltern. Sie wird wohl ganz selbstverständlich mit einem Vater aufwachsen, der dem deutschen Bundestag angehört.

Ticket besorgen
"Also muss ich doch eine ICE-Karte kaufen", beginnt Schwarz mit jedem weiteren Gratulanten die Weichenstellung zu begreifen, die sich da in diesen Abendstunden des Sonntag für ihn manifestiert. Berlin: "Der ICE fährt kurz nach 18 Uhr." Karl Kröner klopft Schwarz nochmal auf die Schulter, "Zeit, dass was aus Dir geworden ist."