Dramaturgisch zugespitzt, könnte man sagen: Am Donnerstag beginnt im E.T.A.-Hoffmann-Theater die neue Spielzeit mit "Palmbülbül und Wundersylphe", einer lustigen Boulevardkomödie; wenige Stunden zuvor geht es für über ein Dutzend Schauspieler, Dramaturgen und Ausstatter um ihre berufliche Zukunft.

Und hier gibt es nichts zu lachen. Viele Mitarbeiter der Bamberger Bühne, die meisten den Zuschauern wohl bekannt, fürchten, das Theater zum Ende der beginnenden Saison verlassen zu müssen, weil sie nicht ins künstlerische Konzept der neuen Intendantin Sybille Broll-Pape passen. Sie wird ab der Saison 2015/2016 das Ruder von Rainer Lewandowski übernehmen, der dann in Rente geht.

Rechtlich ist dieser Umbruch, nicht zu beanstanden, auch wenn kritische Stimmen bereits vor einem Kahlschlag warnen. Laut Tarifvertrag bedarf es keiner Kündigung, um unliebsame Schauspieler los zu werden. Da viele künstlerische Mitarbeiter nur ein befristetes Arbeitsverhältnis haben, endet ihr Vertrag, wenn er nicht verlängert wird.

Jahrelang war von diesem Damoklesschwert in Bamberg wenig zu spüren. Die meisten Schauspieler konnten sich unter Rainer Lewandowski darauf verlassen, dass sie auch in der nächsten Saison noch einen Job in Bamberg haben würden. Berufsleben, Familie und Kontinuität waren möglich, eine fruchtbare Verbindung, wie Schauspieler Patrick L. Schmitz findet: "Das Publikum konnte mit uns wachsen."

Das Ende der Idylle
Doch mit dieser Idylle scheint es nun vorbei zu sein. Von 16 Schauspielern im Ensemble können im Moment nur vier darauf vertrauen, dass sie auch nach 2015 einen Platz im Ensemble haben, sagt Stadträtin Annerose Ackermann (SPD). Zwei davon, weil sie bereits so viele Jahre in Bamberg arbeiten, dass sie unkündbar sind; zwei, weil sie von Broll-Pape bereits die Verlängerung erhielten.

Die anderen zittern den Anhörungsterminen entgegen. Zu häufig in der Vergangenheit haben sich solche Einladungen als Farce erwiesen."Der Intendant ist aus juristischen Gründen verpflichtet, so zu tun, als ob die Entscheidung noch offen wäre. Doch meist ist sie bereits getroffen", sagt ein Brancheninsider.

Nehmen wir den Fall Patrick L. Schmitz und Gerald Leiß. Die beiden in Bamberg sehr bekannten Darsteller hatten bereits ihren Anhörungstermin mit Broll-Pape. Schmitz, nach dem Gespräch durchaus noch positiv gestimmt, sah sich am Ende doch ernüchtert, als er nur die "Nichtverlängerung" ohne jedes persönliche Wort überreicht bekam. Gleiches galt für Leiß. Für beide Zugpferde endet die künstlerische Tätigkeit am Bamberger Theater mit Ablauf der neuen Saison. Frust auf der ganzen Linie macht sich breit: Noch vor einem Jahr habe Broll-Pape versprochen, "zusammen mit dem gesamten Ensemble auf die bisherige gute Arbeit aufzubauen". "Wir waren stolz auf, das, was hier im Team erreicht worden ist. Jetzt bekommen wir einen Tritt in den Hintern", sagt Schmitz.

Solche Gefühle kann Broll-Pape nicht verstehen. Die Frau, die in Bamberg mit dem Ziel antreten will, einen "Aufbruch" und "anderes Theater" zu wagen, wundert sich über die kritischen Stimmen, die aus ihrer künftigen Wirkungsstätte nach Nordrhein-Westfalen dringen. Anhörungen, so Broll-Pape, seien ein ganz normaler Vorgang in der Theaterbranche. "Jeder, der in diesem Beruf arbeitet, weiß doch, dass er nicht viele Jahre an ein und demselben Theater bleiben kann und dass der Wechsel ganz normal ist." Über die Aussichten der zur Anhörung eingeladenen Theaterleute in Bamberg zu bleiben, will sie sich nicht äußern. Es könne sein, dass der Vertrag bei dem einen oder anderen ausläuft. Ein erfolgreiches künstlerisches Team zu formen, unterliege besonderen Anforderungen.

Hört man sich im Rathaus um, dann ist der Unmut groß. Über Einzelschicksale, aber auch die Dimension der Umstrukturierung, die sich hier abzeichnet. Der gleiche Stadtrat, der Broll-Pape im Dezember 2013 einstimmig zur neuen Intendantin berufen hat, wundert sich nun über die Konsequenz, mit der die Theatermacherin ihre vertraglichen Möglichkeiten ausschöpft. Dazu gehört auch das Recht, das Ensemble selbst auszuwählen. Broll-Pape soll einen Fünf-Jahres-Vertrag haben - ohne Probezeit.

Kritische Worte kommen unter anderem von Bürgermeister Wolfgang Metzner (SPD). Als Mitglied der Findungskommission für die Nachfolge Lewandowskis hatte er die Hoffnung, dass das Konzept der neuen Theaterchefin ohne harte Einschnitte beim Personal umsetzbar wäre. Doch nun scheint das Gegenteil einzutreten: "Ich gehe davon aus, dass keiner, der die Einladung zur Anhörung erhalten hat, in Bamberg bleiben kann." Metzner versteht nicht, weshalb nicht wenigstens darauf Rücksicht genommen wird, dass eine der Schauspielerinnen schwanger ist. Ganz abgesehen davon steht er hinter dem Bamberger Ensemble: "Wir haben hier ein sehr gutes Team, das beim Publikum beliebt ist. Ich hätte mir gewünscht, dass die Darsteller die Chance gehabt hätten, sich auch bei der neuen Intendantin zu beweisen."

Was sagt der Kulturreferent?
Aller Finanznot zum Trotz hat sich das Bamberger Theater in den letzten Jahren wacker behauptet. Zu 239 Aufführungen kamen in der abgelaufenen Saison 57 290 Besucher. Das entspricht einer Auslastung von 83 Prozent. Einen Rückgang dieser Zahlen will man im Kulturamt nach Kräften vermeiden. "Es ist zu hoffen, dass Rainer Lewandowski und das jetzige Ensemble eine gute und erfolgreiche letzte Spielzeit hinlegen", sagt Bambergs Kulturbürgermeister Christian Lange (CSU).

Zu den Vorwürfen gegen Broll-Pape äußert sich der Kulturreferent allenfalls zwischen den Zeilen: Da die Entscheidung über das künstlerische Personal der Intendantin obliege, dürfe der Kulturbürgermeister nicht hineinreden. Er wünsche, dass man auch der neuen Intendantin die Chance gebe, neue Wege zu gehen...