Wer als jüngerer Bamberger das Stichwort Erba hört, denkt meist zuerst ans Grün der Erba-Insel, an einen wunderschönen Spielplatz und die Landesgartenschau 2012. Andere verbinden damit vielleicht die Uni oder Wohnungen, die sie sich gern leisten würden. Dabei steht die Abkürzung Erba für die Erlanger Baumwollspinnerei, die 1927 mit der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Bamberg fusioniert hatte. Trotz Kriegen und Krisen blieb sie über viele Jahrzehnte ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Stadt, auch noch in den 1980ern. "Von einer Blüte kann man in dieser Zeit aber nicht mehr sprechen", sagt Titularprofessor Andreas Dornheim, der zur Landesgartenschau 2012 die Ausstellung "Erba - verwobene Geschichte" ins Leben rief. Ihre wirtschaftliche Blüte erlebte die Firma Ende des 19. Jahrhunderts und war bis zur Bosch-Ansiedlung 1939 wichtigster Arbeitgeber der Stadt. Die Erba produzierte hochwertige Textilien und hatte einen guten Ruf.

Billigimporte erschwerten die Geschäfte

Als Ana Sousa 1979 zur Erba kam, arbeiteten dort noch mehr als 1000 Menschen. Ab Mitte der 1980er spürte sie jedoch, dass es dem Unternehmen nicht mehr so gut ging. "Die Erba hatte sehr viele Wohnungen, die sie nach und nach an die Stadtbau verkaufen musste. Damals wurde schon viel gemunkelt." Als Sousa dann im September 1992 zur Dr. Pfleger GmbH wechselte, hatte sie den richtigen Riecher gehabt: Kurz darauf meldete die Erba Konkurs an. "Ich habe eigentlich gern dort gearbeitet, ich war in der Spinnerei und wir hatten relativ viele Freiheiten", sagt die heute 59-Jährige. Ihr Mann Silvio blieb bis zum Schluss bei der Erba und wurde zunächst arbeitslos. Er fand jedoch nach vier Monaten eifriger Suche trotz des damals recht schwierigen Arbeitsmarkts eine neue Beschäftigung.

Lange bevor die Erba 1992 in Konkurs ging, litt die gesamte Textilindustrie bereits an Billigimporten und sinkender Nachfrage nach inländischen Erzeugnissen. "Von kursierenden Verschwörungstheorien zur Rolle der Banken damals halte ich nichts", sagt Historiker Dornheim, für den die Erba ein in vielerlei Hinsicht interessantes Forschungsfeld darstellt. Durch die Erba-Ansiedlung hatten sich in Gaustadt starke katholische und sozialdemokratische Milieus gebildet. Manche Ehemalige sprechen von einer "großen Familie" bei der Erba. Das Unternehmen bot schon früh besondere Sozialleistungen wie einen eigenen Kindergarten. Solche Anreize waren aber auch wichtig, weil andere Industriebetriebe besser zahlten. Als ab den 1960ern Gastarbeiter nach Gaustadt kamen, wirkte sich das auf die Bevölkerungsstruktur aus. Die Portugiesen entwickelten sich zur festen Größe in dem Stadtteil.

1985 beschäftigen alle Werke der Erba zusammen noch 2770 Mitarbeiter, ein knappes Viertel davon machten ausländische Arbeitnehmer aus. Da hatte das Unternehmen aber bereits schwere Jahre hinter sich: 1972 hatte der Augsburger Baustoffgroßhändler Hans Glöggler die Mehrheit der Erba-Aktien erworben. Bald darauf drohte sein Imperium aber nach Spekulationsverlusten zusammenzubrechen. Die Erba konnte nur durch Grundstücksverkäufe und das Eingreifen des Freistaats gerettet werden. Dann ging es wieder aufwärts: "Das Unternehmen hatte 1981 einen Umsatz von 268 Millionen DM und stand damit an fünfter Stelle der baumwollverarbeitenden Unternehmen in Deutschland", weiß Dornheim. Dass gut ein Jahrzehnt später Schluss mit der Erba sein sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand.

Die Ausstellung zur wechselvollen Erba-Geschichte fand 2012 großen Anklang in der Bevölkerung und wird in Auszügen noch heute vom Bürgerverein Gaustadt präsentiert. Für Dornheim eröffnete die Schau viele interessante Begegnungen und neue Erkenntnisse, so etwa zur Erba-Turnhalle: "Die Turnhalle wurde 1925 gebaut, hatte 300 Quadratmeter und war eine der ersten Mehrzweckhallen der Region." Sie sei für das kulturelle und politische Leben Gaustadts zentral gewesen, wurde jedoch 1983 von der Stadtbau GmbH abgerissen. "Die Erba hatte in Gaustadt einmal fast 2000 Mitarbeiter und auch am Ende waren es noch mehr als 500", sagt der Gaustadter Alt-Bürgermeister Andreas Stenglein. Schon als Gaustadt noch eine eigenständige Gemeinde (bis 1972) war, gab es aber bei der Erba gelegentliche Liquiditätsengpässe.

Auch Stenglein sieht als Hauptursache für das Erba-Ende "das veränderte Kaufverhalten der Deutschen und die dadurch sinkenden Erba-Umsätze". Er glaubt jedoch auch, dass es für das Unternehmen noch eine Zeitlang besser gelaufen wäre, wenn es 1969 mehr Unterstützung bekommen hätte: "Die Erba wollte sechs bis sieben Millionen Mark investieren und hätte dafür eine Million vom Landkreis gebraucht - aber der damalige Landrat Otto Neukum wollte das Geld lieber in die Michelin-Ansiedlung investieren."

Mit Blick auf die angekündigte Schließung des Hallstadter Michelin-Werks stellt Stenglein fest: "Alles wiederholt sich irgendwie." Bei Michelin arbeitet auch der mittlerweile 62-jährige Silvio Sousa. Er erlebt nun kurz vor der Rente seine zweite Firmenschließung.