W as du fliegst nach Albanien? Hast du keine Angst?" - Diese Fragen musste ich mir vor meiner Reise ständig anhören. Beantworten konnte ich alle nur mit einem Schulterzucken, schließlich wusste ich selbst nicht allzu viel von dem Balkanland. Aber genau das reizte mich! Eine Woche begab ich mich mit meiner Freundin auf Entdeckungsreise und wir waren selbst überrascht, was für ein Paradies uns erwartete: Kristallklares Meer wie in der Karibik, einsame Strände, riesenhohe Berge, auf deren Gipfeln noch Schnee liegt, beeindruckende Flusstäler und kilometerlange Pinienwälder - auf unserer Reise kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Doch was war das? Auf der grünen Wiese ragte ein grauer Riesen-Pilz neben dem anderen aus dem Boden. Erst bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass es sich dabei um Bunker handelt. Überbleibsel aus der kommunistischen Zeit, in der Albanien Europas Nordkorea war. Im ganzen Balkanland wurden damals an die 200 000 Bunker gebaut, die der Verteidigung des Landes dienen sollten. Heutzutage dienen sie zum Glück nur noch als Fotomotive: egal ob kontrastreich vor idyllischem Berghintergrund oder angemalt als Marienkäfer.
Ein absolutes Highlight war der Syri i Kaltër, ein malerischer Bergsee, der auch das Blaue Auge von Albanien genannt wird. Seinen Namen verdankt er dem tiefen Blau seiner immer sprudelnden Quelle, das sich im weiteren Verlauf des Sees in schimmernde Türkis- und Grüntöne verändert. Ein malerischer Anblick.
Gerade ein paar hundert Meter von diesem Naturparadies weg, holte uns der unschöne Kontrast ein: die Müllproblematik. Die kristallklaren Flüsse waren übersät mit bunten Plastiktüten, am Wegrand stapelte sich der Müll und in der wunderschönen, weiten Landschaft lagerte meterhoch der Bauschutt. Ein Bild, das in den nächsten Jahren nicht so schnell verschwinden wird und einen traurig werden lässt. Auch Bausünden reihten sich oft wie eine Parade an Hässlichkeiten aneinander. Ein paar Meter weiter stand dann eine Prunkvilla mit meterhohen Säulen, goldenen Akzenten und einem Springbrunnen mit goldenen Pferden.
Krasser könnten die Kontraste nicht sein. Gerade in den Küstenstädten wie Saranda, Durres oder Vlora ist der Wandel besonders sichtbar. Wo in Durres vor einigen Jahren noch eine wunderschöne Pinienallee den Strand abschloss, wird nun ein Hotel-Bunker nach dem anderen aus dem Boden gestampft, um den Touristen, die im Sommer aus Nordalbanien, Mazedonien und mittlerweile auch aus der ganzen Welt kommen, eine Unterkunft direkt am Meer zu bieten. Deshalb ein kleiner Tipp: Wr sich Albanien anschauen will, tue das jetzt, bevor der Massentourismus das Land heimsucht. Momentan gibt es überall noch diese ursprünglichen, geheimnisvollen und ruhigen Ecken, die Albaniens Städte und Dörfer so besonders machen.
Am besten gefallen hat uns auf unserer Durchreise die Weltkulturerbestadt Berat. Die Stadt der tausend Fenster, wie sie auch genannt wird, versprühte ihren ganz eigenen Charme. Sie verbindet das Moderne Albaniens mit der Tradition. Ein Hauch italienischen Flairs wehte durch die engen Gassen. Über der Stadt thront die 700 Jahre alte und noch immer bewohnte Festung Kalaja - dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
In Albanien sollte man unbedingt mal in einem der kleinen, schnuckeligen Restaurants vorbeischauen, sich einen leckeren Vorspeisenteller gönnen und einen kleinen Schwatz mit dem Wirt halten. Dieser freut sich immer riesig, wenn Ausländer den Weg in seine vier Wände finden. Darauf wird dann auch mal ein hausgemachter Raki zusammen getrunken oder zwei oder drei... Eins kann ich sagen: Um das albanische Traditionsgetränk, einen klaren, starken Schnaps aus Weinbeeren, Pflaumen oder Maulbeeren, kommt man nicht herum.
Zum Abendessen werden in Albanien nacheinander mehrere Gänge serviert: eine Gemüsesuppe, ein Salat mit Tomaten, Gurken, Schafskäse und Oliven sowie Fisch oder Fleisch als Hauptspeise. Beim Service in einem Restaurant oder Hotel gilt: Nur ein schneller Service ist ein guter Service. Es kann durchaus vorkommen, dass man schon den nächsten Gang an seinem Platz stehen hat, obwohl man gerade noch den letzten Bissen von davor im Mund hat. Oder dass sogar der Teller weggezogen wird, wenn man gerade den letzten Bissen auf seiner Gabel hatte. Für uns Deutsche erzeugt das schnell eine gehetzte Atmosphäre. Aber die Albaner meinen es nur gut. Und die Preise in Albanien sind wirklich der Wahnsinn, für ein Bier zahlt man gerade einmal 100 Lek, das ist nicht einmal 1 Euro. Auch für ein Mittagessen mit Getränk zahlt man umgerechnet gerade einmal sechs Euro.
Vor unserer Reise hielten uns unsere Bekannten und Arbeitskollegen für verrückt: "Zwei Mädels alleine in Albanien. Habt ihr da keine Angst, entführt zu werden?" Diebstahl, Kriminalität und Blutrache - daran denken die meisten, wenn sie Albanien hören. Warum, das kann ich nach meiner Reise noch weniger verstehen. Mich hat gerade die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begeistert, mit der Fremde empfangen werden. Wir fühlten uns kein einziges Mal unwohl oder unsicher. Ganz im Gegenteil: Die Albaner freuten sich über uns, die extra aus Deutschland kommen, um sich ihr Land anzuschauen.

INFO:
Was ihr beachten solltet
Geld Die Landeswährung ist der Lek, den man im Ausland weder kaufen, noch verkaufen kann. In größeren Ortschaften in Albanien oder am Flughafen gibt es Wechselstuben und Geldautomaten, wo man sich Lek holen kannst.

Verkehrsmittel Die Straßenverhältnisse haben sich in den letzten Jahren wirklich verbessert, so dass man ruhig auf eigene Faust mit dem Auto das Land bereisen kann.

Internet Ich muss gestehen, dass ich mich vor meiner Reise schon damit abgefunden habe, in Albanien kein Internet zu haben. Doch das Gegenteil war der Fall: Jedes noch so kleine Café, Restaurant und auch jedes Hotel hatte WLAN, das wir kostenlos nutzen durften.

Trinkgeld Angesichts der niedrigen Löhne wird Trinkgeld erwartet. Üblich sind in etwa 10 Prozent. lk