Es ist die Frage, die sich wohl jeder WhatsApp-Nutzer schon mal gestellt hat: "Warum schreibt der nicht? Der war doch zwischenzeitlich schon mal online!"
Die App, ein Anwendungsprogramm für internetfähige Mobilgeräte, wird weltweit von rund 450 Millionen Mitgliedern verwendet. Einer von ihnen ist Thomas Sebald, 22, Abiturient am Theresianum in Bamberg. Warum ist die App so verbreitet? "Man kann Textnachrichten, Sprachnachrichten, Bilder, Videos und sogar seinen Standort senden. Und das alles zum Spottpreis von unter einem Euro - pro Jahr."

Aktuell ist der Kurznachrichtendienst Thema in den Medien, weil er von Online-Netzwerk-Konkurrent Facebook gekauft wurde. Nun reden Facebook- sowie WhatsApp-Nutzer vermehrt über das Thema Datenschutz und Privatsphäre. Thomas Sebald spricht über etwas anderes: Er steht am Whiteboard - dem elektronischen Nachfolger der Tafel - im Klassenzimmer und redet über "den Zwang der Antwort".




Es ist der Titel seiner Seminararbeit, die er im W-Seminar "Mathematik und Statistik" am Bamberger Theresianum geschrieben hat. In der Präsentation dazu zeigt der Reckendorfer Grafiken, Balkendiagramme, Tortendiagramme. Sie alle geben Auskunft darüber, ob sich WhatsApp-Nutzer tatsächlich unter Druck gesetzt fühlen - Druck, der durch die "zuletzt online"-Funktion der Anwendung entstehen kann.
"Das heißt, dass der Sender sieht, wann der Empfänger der Nachricht zuletzt online war", erklärt Abiturient Thomas. Seine These: Durch diese Funktion entsteht ein "Zwang zur Antwort".

Unsicherheit kann entstehen
"Wenn man sieht: Da war jemand schon ein paar Mal online, hat aber nicht auf meine Nachricht geantwortet, kann einen das verunsichern. Warum antwortet er nicht? Hat er das Interesse verloren? Findet sie mich jetzt doch doof?", spricht Thomas einige Fragen laut aus.
Aber auch die andere Seite kennt er gut: "Wenn man selbst nicht gleich auf eine Nachricht antwortet, kann es sein, dass man sich rechtfertigen muss. Da kann es zu unangenehmen Situationen kommen." Negative Erfahrungen habe er einige gemacht.

Deswegen war für ihn klar, als es um ein Thema für die Arbeit im W-Seminar ging: Dieses soll es sein. "Ich nutze WhatsApp seit 2012, relativ parallel zum Start des Seminars. Das Thema hat nicht nur mich, sondern auch meinen Freundeskreis beschäftigt. Ich dachte mir, das kann ich gut statistisch aufarbeiten."
Genau das hat er getan. So gut, dass er am Ende 30 von 30 Punkten erreicht hat. So gut, dass Freunde wissen wollten: Was ist denn raus gekommen als Untersuchungsergebnis? Hat sich der Eindruck bestätigt? Um das zu analysieren, hat der 22-jährige Abiturient einen Fragebogen mit elf Fragen erstellt und diese 32 Menschen im Alter von 15 bis 22 Jahren beantworten lassen. Bei der Auswertung hat er die statistischen Methoden angewendet, die er im Seminar gelernt hat. Zugute kam ihm außerdem sein Vorwissen: "Ich habe bereits eine Ausbildung zum Mediengestalter, mache am Theresianum mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach."

Mit der grafischen Darstellung von Tabellen und Diagrammen kennt er sich aus. Was sie zeigen, bestätige die These, die er aufgestellt hat, sagt er: Zwar empfinden 59 Prozent der Befragten die "zuletzt online"-Funktion als nicht störend. Doch gebe trotzdem einen stark negativen Effekt auf das Kommunikationsempfinden, wie der Reckendorfer erklärt: Denn 41 Prozent kreuzten an, dass sie die "zuletzt-online"-Funktion stört. Von diesen gaben wiederum 46 Prozent an, dass die Funktion für sie sehr unangenehm ist und sie sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen. Für 54 Prozent ist die Funktion zwar unangenehm, sie können aber damit leben.
In einer anderen Frage wollte Thomas Sebald wissen: "Führte die ,zuletzt online'-Funktion bei Ihnen durch späteres Antworten schon einmal zu einem ernsthaften Streit oder verstärkte einen?" 16 Prozent sagten "ja", 59 Prozent "nein" und 25 Prozent kreuzten "nein, aber es entstanden schon Diskussionen" an.

Diskussionen, die der Reckendorfer aus eigener Erfahrung kennt. "Warum antwortest du nicht?", "Hast du wohl keine Zeit zum Schreiben?" - Fragen, die einem nicht so schnell gestellt werden, wenn man die klassische SMS mit dem Handy schreibt, wie der Oberstufenschüler findet. "Da mache ich mir umgekehrt auch keine Gedanken, wenn ich zwei Stunden keine Antwort bekomme." - Wie bei seiner Freundin. "Ich genieße es, dass sie kein Whats App verwendet."

Der gläserne User
Von seinen Seminar-Kameraden dagegen haben alle bis auf einen die App. In seinem Freundeskreis auch - alle bis auf einen. Seit ein paar Tagen reden sie nicht mehr nur über den "Zwang der Antwort", der durch die "zuletzt online"-Funktion ausgeübt wird.
Sie reden auch darüber, was mit ihren Daten und ihrer Privatsphäre passiert, seit Facebook den Konkurrenten Whats App geschluckt hat. Vielleicht würden sich nun gerade Jüngere kritischer damit auseinander setzen, sagt Thomas Sebald.

"Nun ist der User komplett gläsern. Durch die Daten, auf die Facebook zugreifen kann. Und durch die Nutzung von Whats App selbst. Man sieht, wann der Empfänger kommuniziert und erhält dadurch Infos über ihn - obwohl er das vielleicht gar nicht will."