Vor einem Jahr wog Matthias Schieber noch 130 Kilo. Dann nahm er 40 Kilo ab. "Das war im Sommer und dauerte so sechs oder sieben Monate." Jetzt fühlt sich der 17-Jährige "sensationell viel wohler" in seiner Haut. "Aber Abnehmen sollte nicht zum Hauptziel im Leben werden", findet er. "Es muss nebenbei laufen, man sollte sich keinen Stress machen und es langsam angehen." Er lacht. "Also das Gegenteil von dem, was ich gemacht habe." Ernst analysiert der Schüler seine Fehler: "Ich habe mir viel zu streng zum Ziel gesetzt, höchstens 1800 Kalorien zu essen. Wenn ich mal einen Tag mit 2000 Kalorien hatte, habe ich mich schlecht gefühlt." Dabei hätte er bei seinem Körpergewicht 3500 bis 3800 Kalorien essen können, ohne zuzunehmen. "Man muss aufpassen, dass man nicht in ein Schema rutscht, das einen so stresst."


Magische Bedeutung der Zahlen

Dieses Phänomen kennt auch der Bayreuther Sportwissenschaftler Wolfgang Buskies. "Durch tägliches Wiegen und Zählen messen Sie dem Zeiger der Waage und der Anzahl der Kalorien magische Bedeutung zu. Die Folge sind häufig Stress und Verlust an Motivation und Lebensfreude." Buskies empfiehlt sogar, die Waage in der Abnehmphase einige Wochen einzumotten. Die wichtigsten Schritte beim Abnehmen passieren im Kopf.
Matthias Schieber hatte bei seinem Bruder gesehen, wie leicht es sein kann. Das motivierte ihn. Der vier Jahre ältere Max hat 35 Kilo abgenommen. Er ist ein Vorbild in Sachen Disziplin, Hartnäckigkeit - und Radikalität. In der zehnten Klasse wog er 115 Kilo. Als er im Herbst 2011 auf eine neue Schule wechselte, wollte er einen Neuanfang. "Ich konnte mich so einfach selbst nicht mehr akzeptieren." In den Sommerferien nahm er die ersten zehn Kilo ab. "Bis zum Abi war ich bei 78 Kilo - mein Tiefststand. Zu dieser Zeit bestand Essen für mich nur noch aus Zahlen: Kalorien, Eiweiße, Fette. Der Spaß am Essen war ein bisschen verloren gegangen." Er lacht. "Für meine Eltern war das schrecklich."

Max hatte begonnen, alles aufzuschreiben, was er aß. "Dadurch behält man den Überblick", erklärt der 21-Jährige. Er sammelte Informationen und fand in der kostenlosen App FDDB eine Mischung aus Ernährungstagebuch, Kalorientabelle und Lebensmitteldatenbank, die für ihn richtig ist. "Das hilft, die Gesamtkalorienzahl und gute Verteilung der Mikronährstoffe im Blick zu behalten."


Der Clou am Vollkorn

Heute, nach fünf Jahren studiert er in Remagen Sportmedizinische Technik. Er weiß inzwischen sehr gut über Lebensmittel Bescheid und nimmt die Zahlen nicht mehr so genau: "Die Zeiten, wo ich alles genau wissen musste, sind vorbei." Und er achtet nicht nur auf die Kalorienmenge, sondern darauf, sich gesund und vollwertig zu ernähren. "Zum Frühstück gibt's immer Vollkornflocken mit Obst."
Sportwissenschaftler Buskies zufolge sollen Vollkornprodukte, Nudeln, Reis und Kartoffeln den Hauptanteil der Nahrung darstellen: "Man ist satt, wenn der Magen voll ist und die Menge der aufgenommenen Kohlenhydrate ausreichend ist." Max Schieber erklärt das seinem Bruder so: "Wenn man Vollkorn- statt Weißbrot isst, braucht der Körper viel länger, um die Kohlenhydrate aufzuspalten. Der Clou dabei ist, dass der Blutzuckerspiegel nicht so schnell wieder sinkt und man nicht gleich wieder Hunger hat. Du bleibst länger satt." Mittlerweile isst Max "vor allem viel": "Ich will Muskulatur aufbauen."


Sport muss sein

Sport ist wichtig beim Abnehmen - das haben die Schieber-Jungs von Anfang an richtig gemacht. Auch wenn Mediziner bei Übergewicht dazu raten, gelenkschonend schwimmen zu gehen statt zu joggen. "Ich bin so gut wie jeden Tag laufen gegangen", sagt Max. "Es hat mir Spaß gemacht - bei der Altenburg sind so schöne Strecken." Ins Schwimmbad zu gehen kam für keinen der Brüder infrage. "Mir war es ultrapeinlich, mich zu zeigen", sagt Max. Sein Selbstbewusstsein sei heute viel besser, aber er macht kein Geheimnis daraus, dass er immer noch ein schwieriges Verhältnis zu seinem Körper hat. Der 21-Jährige geht sehr offen, sehr reflektiert damit um, dass er nicht immer so schlank und gut trainiert war.


Spaß ist am Wichtigsten

Bereits im Herbst 2011 hatte er angefangen, ein Fitnessstudio zu besuchen. Heute geht er drei Mal wöchentlich. "Und für die Grundausdauer laufe ich am Wochenende." Diese Kombination empfiehlt auch Sportwissenschaftler Buskies. Beim Ausdauertraining macht er darauf aufmerksam, dass der Körper bereits in der ersten Minute sportlicher Betätigung Fett verbrennt. Dass dies erst nach 30 oder 40 Minuten der Fall sei, ist ein Mythos. Es ist wichtig, Bewegung in den Alltag einzubauen. Allerdings spielt der Kalorienverbrauch einzelner Tätigkeiten eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass durch regelmäßiges Training Muskulatur aufgebaut wird. Deshalb ist es Buskies zufolge am wichtigsten, einen Sport zu finden, der einem Spaß macht. Dann bleibt man am ehesten dran. Bei Max Schieber funktioniert das seit einigen Jahren sehr gut. Regelmäßig stellt er sich im Internet einen neuen Trainingsplan zusammen. Dafür nutzt er das Programm "Code Fitness", das in der Grundversion kostenlos ist. Am Anfang sei es immer wieder aufs Neue anstrengend. "Aber nach zwei, drei Wochen pendelt sich eine Routine ein und es fällt einem deutlich leichter. Es wird angenehm, Sport zur Gewohnheit zu machen." Zeitmangel lässt er nicht als Ausrede gelten: "Man hat immer Zeit, sich zu bewegen und wenn es nur eine halbe Stunde ist - allemal besser, als auf der Couch zu sitzen und Essen in sich reinzuschaufeln."

Max hält inzwischen konstant ein Gewicht von etwa 85 Kilo. Er hat den Spaß am Essen wiedergefunden. "Ich esse mal ein Stück Kuchen oder ein Eis" - er betont das Wort "mal", "aber deutlich weniger als früher." Heißhunger und Gelüste erwischen ihn immer noch ab und an. "Dann bediene ich das auch. Aber mit was Kleinem, nicht mit der ganzen Packung!" Und wenn der Student am Wochenende in Bamberg zu Besuch ist, sitzt er nicht mehr wie früher mit seinem Bruder auf der Couch - unterbrochen nur durch heimliche Ausflüge zum Naschschrank. Heute gehen die beiden gemeinsam ins Fitnessstudio.