E in Veranstalter spricht von einer "Reise ins unbekannte Europa", ein Spötter von einem Ziel "für Touristen, die keine (anderen) Touristen mögen". Gemeint ist das postkommunistische Moldawien, das eingeklemmt ist von Rumänien und der Ukraine. Moldawien hat keine Berge, Strände oder weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Die einstige Sowjetrepublik verfügt aber über romantische Flusslandschaften, spektakulär gelegene (Höhlen-)Klöster, eine vielfältige Kultur, riesige Felder und Weingüter.

Der frühere Chefmechaniker Tudor Chioresku hat das Beste daraus gemacht, als sich die UdSSR 1990 auflöste. Damals implodierte Moldawiens Wirtschaft, die Industrie brach zusammen, die traditionellen Märkte fielen weg. Viele verloren ihre Jobs. So auch Chioresku. Er schlug sich zunächst als Fernfahrer durch, ging dann für fünf Jahre nach Israel. Dort arbeitete er auf dem Bau und als Hausmeister. Es sei eine sehr schwere Zeit gewesen, so lange getrennt von der Familie, erinnert sich der 64-Jährige. Aber es hat sich gelohnt. Das gesparte Geld reichte für einen Kleinbus. Chioresku machte sich rasch einen Namen. Heute hat er sechs Sprinter und einen Reisebus. Damit karrt er Besucher durchs Land oder auch mal Fussballfans nach Leeds. Wer sich das nicht leisten kann, nimmt einen der vielen Minibusse, mit denen fast jedes Kaff erreichbar ist.

Souverän lenkt Chioresku den gepflegten Benz über die Straßen. Einige sind gut, andere eher eine Herausforderung für Stoßdämpfer und Bandscheiben. Das gilt vor allem für die unbefestigten Pisten auf dem flachen Land. Bei Dauerregen verwandeln sich Ortsdurchfahrten schnell in tiefe Schlammkuhlen.


Noch nicht im Jetzt angekommen

Geschafft hat es auch Liuba Railean. In ihrem Gasthaus, der "Vila Roz" (Rosen-Villa) in dem Dorf Trebujeni bei Orheiul Vechi, beherbergt und bekocht sie die (wenigen) Besucher. Die bedanken sich in einem Internetportal mit erstklassigen "Noten".
Orheiul Vechi lohnt einen Besuch schon wegen der pittoresken Felsenklöster in einer wildromantischen Landschaft. Hier kann man prima wandern. Weitere besuchenswerte Klöster gibt es im Norden, in Retina. Sie sind in die Felsenwände gehauen und nur über einen recht mühsamen Fußweg erreichbar.
Ein Trip nach Moldawien ist auch eine Zeitreise. Die einst recht wohlhabende Sowjetrepublik ist im Hier und Heute noch nicht wirklich angekommen. Mächtige Wohnblöcke mit monumentaler Betontristesse bilden quasi das Stadttor der Hauptstadt Chisinau. Im Zentrum lockern mittlerweile bunte Neonreklame, Einkaufszentren aus Glas und Metall und reger Autoverkehr das Straßenbild auf. Plattenbauten wurden mit Farbe aufgehübscht. Busse fahren im Minutentakt. Geldwechsel in Leu ist überall leicht möglich. Das Angebot an Restaurants ist groß, in der Hotellerie gibt es jedoch qualitativ und quantitativ noch reichlich Luft nach oben. Freundliches Personal gleicht da manches Manko aus. Die politische Lage ist unübersichtlich, aber Sorgen um seine Sicherheit muss man sich nicht machen.

Moldawien war einst eine Kornkammer der Sowjetunion, war ihr Obst- und Gemüsegarten. Der Basar in der Hauptstadt punktet mit Bergen von frischen Früchten wie aus dem Bilderbuch. Zu haben ist hier und in den modernen Geschäften alles, was das Herz begehrt. Wenn man das Geld dazu hat - bei einem monatlichen Durchschnittsverdienst von rund 200 Euro. Daher müssen viele in Russland und Westeuropa arbeiten. Oma und Opa ziehen die Kinder groß. Man wurstelt sich so durch.

Zwar gibt es viele protzige Pkw und SUV made in Süddeutschland. Es gibt aber noch mehr Arme. Auf dem Platz um das Denkmal, das an die Opfer des Sowjetregimes erinnert, verkaufen Dorfbewohner ihre Habseligkeiten. Zyniker nennen das das "Denkmal der Opfer des Kapitalismus". Immerhin: Nur wenige müssen betteln.
Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist groß. Viele Dörfer mit ihren einstöckigen blauen und grünen Holzhäusern verfügen noch nicht über fließend Wasser. Die Menschen müssen Brunnen benutzen. Aber: Hungern muss niemand. Die Moldawier sind offen und freundlich, wer Rumänisch oder Russisch beherrscht, kommt schnell ins Gespräch. Auch mit Englisch, Händen und Füßen kann man sich behelfen, meistens.


Pompös und geschmacklos

Im Norden liegt Soroca. Die Stadt verfügt nicht nur über eine interessante Festung, sondern hat auch ein Viertel, in dem Sinti und Roma leben. Deren "Barone" habe sich Villen errichtet: groß, pompös, geschmacklos. Darunter befindet sich das "Kapitol". Als Vorlage soll die Darstellung auf einer Ein-Dollar-Note gedient haben. Allerdings scheint die Glanzzeit vorbei: Die monströsen Bauten sind meist noch nicht ganz fertig, verfallen aber schon wieder.

Ein weiteres Ziel ist Comrat, die "Hauptstadt" der autonomen Teilrepublik Gagausien (sprich: Gaga-usien) mit ihrer türkischstämmigen, aber christlichen Bevölkerung. Sie pflegt noch heute ihre eigenen Traditionen. Gagausien besteht aus einem vierteiligen, nicht zusammenhängenden Flickenteppich mit vier Städten und 29 Dörfern.


Isabella und der Fuchs-Urin

Angebaut wird auch hier die Traube Isabella. Der aus ihr hergestellte Rottwein ist halbtrocken und süffig. Ein Kritiker hat dem mehr oder weniger edlen Tropfen eine Note nach Fuchs-Urin (!) attestiert. Aha.
Überhaupt Wein: Es ist der wichtigste Exportartikel Moldawiens. Beliefert wird nicht mehr Russland, sondern China und auch, in bescheidenem Maße, Westeuropa. In Milestii Mici befindet sich die weltgrößte unterirdische Weinlagerstätte. Hier liegen in einem 60 Kilometer langen Tunnelsystem bei konstanter Temperatur und Luftfeuchte mehr als zwei Millionen Flaschen sowie 3700 Eichenfässer und Stahltanks mit bis zu 200 Tonnen.
Wein und der daraus gewonnene Weinbrand spielt auch eine wichtige Rolle in der abtrünnigen Provinz Transnistrien. Ein Bild der größten Destille in deren Hauptstadt Tiraspol ziert den Fünf-Rubel-Schein. Andere Besonderheiten sind wichtiger. Die Transnistrische Moldawische Volksrepublik (PMR) erklärte 1992 nach einem kurzen, heftigen Bürgerkrieg mit fast 2000 Toten ihre Unabhängigkeit. Russische Truppen sorgen seither für Ruhe und Frieden. Zu dem Streit war es gekommen, als Moldawien sich in Richtung Rumänien orientierte, während Transnistrien traditionell russlandfreundlich ist. Ein PMR-Antrag zwecks Aufnahme in die Russische Föderation wurde allerdings "nicht einmal ignoriert".
Die PMR wird von keinem einzigen Staat anerkannt, sie gilt auch als eine Domäne von Oligarchen. Allgegenwärtig ist der auf vielen Geschäftsfeldern tätige, angeblich etwas zwielichtige Konzern namens "Sheriff", den zwei frühere Polizisten "aus dem Nichts" geschaffen haben.

Heute haben sich die Gemüter beruhigt, die Situation zwischen Moldawien und PMR ist entspannt. Der Grenzübertritt, beäugt von russischen Friedenstruppen, funktioniert problemlos. In Retina gibt es für die Einheimischen - und nur für sie - eine Fähre ins Nachbarland. Der Fluss Dnister gilt als Grenze zwischen Okzident und Orient.




Zahlen, Daten, Infos


Moldawien in der heutigen Form gibt es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seit dem 27. August 1991. Das kleine Land hat es nicht in die Nato geschafft und auch nicht in die EU. Es blickt zurück auf eine wechselhafte Vergangenheit, war oft nur der Spielball der jeweils mächtigen Nationen. Die parlamentarische Republik ist 33 840 Quadratkilometer groß. 724 000 der insgesamt 3,1 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt Chisinau. Moldawien lebt von der Landwirtschaft, vor allem vom Weinbau. Tourismus spielt so gut wie noch keine Rolle.

Transnistrien spaltete sich 1990 von Moldawien ab. Der Konflikt schwelt immer noch. Der De-facto-Staat ist etwas größer als Luxemburg und hat 555.000 Einwohner. Die Hauptstadt ist Tiraspol mit 149.000 Menschen. In Gegensatz zu Moldawien ist die Industrialisierung - ein Relikt aus Sowjet-Zeiten - relativ hoch. Nach Transnistrien gibt es keine Passagierflüge.

Gagausien
- etwas kleiner als das Saarland, 162.000 Einwohner - ist ein 1994 begründetes autonomes Gebiet in Moldawien. Es hat das Recht, sich von Moldawien abzuspalten, falls es je zu einer Vereinigung mit Rumänien kommen sollte. 2014 sprachen sich über 97 Prozent der Bevölkerung für engere Beziehungen zu Russland und gegen eine Annäherung zur EU aus.

Problemlos und unbürokratisch sind Reisen nach Moldawien und Transnistrien. Der Reisepass genügt, Visa sind nicht notwendig. Von München aus ist man in zwei Flugstunden dort. Die Preise sind moderat. Es empfiehlt sich, Quartier in Chisinau zu nehmen und von hier aus Ausflüge zu machen. Einige wenige Veranstalter bieten Pauschalreisen an.

Quellen: Reisekataloge, Reiseführer Moldawien (Trescher-Verlag) u.a., Wikipedia     (ed)