Dienstagabend, kurz nach 20 Uhr. Der Vorlesungssaal 105 auf dem Innenstadtcampus ist proppenvoll. Stühle sind Mangelware, die Besucher, hauptsächlich Studenten, sitzen auf den Fensterbrettern und drängen sich im Türrahmen, hundertfaches Stimmengewirr schwirrt durch den Raum. Sie alle sind gekommen zur Wahlparty, zur "American Election Night". Plakate kündigen das Programm des Abends an: Außer der Podiumsdiskussion wird es Vorträge geben, ein Quiz und eine Live-Übertragung der Wahlergebnisse.

"Die Idee zur Wahlparty hatten wir vor einigen Monaten", erklärt Christine Gerhardt. Sie ist Professorin für Amerikanische Literaturwissenschaft an der Uni Bamberg und hat die "Election Night" initiiert. "Als Amerikanistin interessiere ich mich natürlich für Politik und Zeitgeschehen in den USA. Da ist es eigentlich logisch, so eine Veranstaltung zu machen." Vorschläge zum Programm kamen von Studenten und Mitarbeitern des Fachbereichs, bei der Organisation halfen der Alumniclub des Verbands Deutsch-Amerikanischer Clubs und die Studierendenvertretung der Fakultät.

Erster Programmpunkt ist eine Podiumsdiskussion. Thomas Saalfeld, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bamberg, Mike Pilewski, amerikanischer Journalist, und Nora Gomringer, USA-erfahrene Schriftstellerin, stellen sich den Fragen von Christine Gerhardt und dem Publikum. Es geht unter anderem um die Rolle der Medien im Wahlkampf, um die Wahlkampagnen und Wahlkampfspenden, und um jüngste Ereignisse wie den Wirbelsturm Sandy.

Von Hoffnung und Angst

Die meisten Besucher der Wahlveranstaltung sind Studenten und Dozenten der Uni, und doch haben sie ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Wahl. Mike Pilewski etwa lebt seit über 20 Jahren in Deutschland, ist aber amerikanischer Staatsbürger und hat selbst auch seine Stimme in der Präsidentschaftswahl abgegeben. "Per Internet kann man ja auch von Deutschland aus bequem auf dem Laufenden bleiben", sagt er. Die Stimmung in den USA habe sich geändert im Vergleich zur letzten Wahl, meint er. "Damals haben die Menschen ‚Hope' gewählt, Hoffnung." Diesmal sei Angst das vorherrschende Thema gewesen. "Beide Parteien haben Angst vor der Politik der anderen geschürt."

Dominic Carcione ist ebenfalls Amerikaner, er ist für ein Jahr als Austauschstudent in Bamberg. Der 19-Jährige darf zum ersten Mal wählen. "Irgendwie lustig, dass ich da nicht in den USA bin, sondern hier", sagt er. Er hat per Briefwahl gewählt. Und wen? "Obama natürlich", grinst er.

Auch Judith Rauscher, die an der Uni Bamberg ihren Doktor macht und den Abend als Präsidentin des VDAC-Alumi-Clubs mitorganisiert hat, macht keinen Hehl aus ihrer politischen Einstellung. "Obama for America 2012" steht auf dem Anstecker, den sie an ihre Strickjacke gepinnt hat. "Die Wahl ist für mich sehr wichtig", sagt sie, "ich habe viele Freunde in den USA." Zwei Jahre hat sie dort gelebt und studiert - und bei der Wahl 2008 mitgefiebert.

Die Sympathien des Publikums gelten an diesem Abend ganz klar dem amtierenden Präsidenten. Auf das überraschend klare Ergebnis der Wahl hatten aber die wenigsten zu hoffen gewagt. "Ich glaube nicht, dass wir heute schon erfahren, wer der nächste Präsident wird", meint Christian Feser. Er ist Master-Anglistik-Student an der Uni Bamberg. Seine Kommilitonen und er, die sich in einem Seminar intensiv mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen beschäftigt haben, haben mehrere kurze Vorträge vorbereitet, die nach der Podiumsdiskussion Abläufe und Besonderheiten des amerikanischen Wahlsystems erklären.

Die Stimmung im Saal 105 verändert sich. Zunächst aufmerksam und konzentriert, werden die Besucher Stunde um Stunde ausgelassener. Beim Präsidentenquiz und der anschließenden Siegerehrung um Mitternacht wird geklatscht und ge jubelt. Je weiter die Nacht fort schreitet, desto mehr Besucher machen sich auf den Heimweg. Die, die durchhalten, kämpfen sichtlich mit der Müdigkeit. Um kurz nach fünf Uhr morgens, halten sich noch gut ein Dutzend Gäste wacker. Rings um sie wird aufgeräumt, Müll eingesammelt, Stühle zusammengestellt. Nebenher läuft weiterhin Nachrichten-Live-Stream auf der Großleinwand. Da verkündet der Nachrichtensprecher den neuesten Stand der Auszählung: Obama hat die Mehrheit der Stimmen. Es dauert einen Moment, bis die Erkenntnis die müden Geister erreicht. Obama bleibt Präsident! Das reißt alle aus dem Halbschlaf, es gibt Jubel und Applaus.

Es war eine lange Nacht im Vorlesungssaal 105 auf dem Innenstadtcampus der Uni Bamberg. Aber das Aufbleiben hat sich gelohnt. Da sind sich alle einig.