Sie verlassen ihre Heimat, um Krieg, Gewalt und Terror zu entfliehen: Schutz suchen zahllose Asylbewerber aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und diversen anderen Ländern in Deutschland. Und nun: Würzburg, München, Ansbach. Wie sind die blutigen Gewalttaten, die den Freistaat in den vergangenen Tagen erschütterten, zu begreifen? Was radikalisiert junge Männer, die die deutsche Willkommenskultur erlebten, ja sogar als gut integriert galten wie der Würzburger Attentäter? Wir sprachen mit Orlando Gally, der selbst aus dem Irak stammt und seit zwei Jahren mit Hunderten von Flüchtlingen als Koordinator der Arbeiterwohlfahrt für die Asylverwaltung in Stadt und Landkreis Bamberg arbeitet.

Eine Schreckensnachricht nach der anderen ereilte uns in den vergangenen Tagen: Welche Reaktionen gab es bei den Asylbewerbern, die Sie betreuen?
Orlando Gally: Die meisten sind fassungslos, entsetzt, verängstigt - und wütend. Sie haben alles riskiert und aufgegeben, um mit ihren Familien in einem freien Land zu leben. Und nun müssen diese Menschen zusehen, wie junge Männer ihre neu gewonnene Freiheit missbrauchen. "Diese Leute zerstören unsere Hoffnung, sie zerstören alles, wofür wir kämpfen", sagte ein Flüchtling zu mir - ähnlich wie viele, die auf mich zukamen. Sie fürchten, dass Einzeltaten ein verheerendes Bild von allen Asylbewerbern gerade aus muslimischen Ländern zeichnen.


Frust und Agressionen

Wie ist es überhaupt zu erklären, dass sich junge Männer radikalisieren, die in einem christlichen Land Zuflucht vor der Gewalt in ihrer muslimischen Heimat suchen?
Manche Flüchtlinge sind so traumatisiert, dass sie auf Frustrationen nur mehr mit Aggressionen reagieren: Frust, weil sie in Deutschland keine Perspektive für sich sehen. Frust, weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Frust, weil sie von ihren Familien getrennt leben müssen. Von allen fühlen sich solche Menschen im Stich gelassen. Nur darf man solche Einzelfälle nicht auf die Vielzahl völlig anders denkender Männer und Frauen übertragen.

Riaz A. galt als Vorzeigebeispiel für gelungene Integration. Er hatte eine Pflegefamilie, eine Perspektive. Und doch entwickelte der 17-Jährige einen namenlosen Hass, der ihn mit einer Axt auf "Ungläubige" losgehen ließ.
Näheres zu dem konkreten Fall kann ich nicht sagen. Generell aber denke ich, dass der Kulturschock, der Flüchtlinge aus Ländern wie Afghanistan in Europa erwartet, nicht zu unterschätzen ist. Wer sich radikalisiert, dem pflanzte man oft schon als Kind in den Kopf, dass es nur einen wahren Glauben gibt. Man trichterte ihm ein, welche Rolle Männern und welche Frauen zukommt, die sich selbstverständlich auch tief zu verschleiern haben. Dann die deutsche Realität, die das Weltbild solcher Menschen ins Wanken bringt. Die meisten finden sicher einen Weg, damit auf Dauer umzugehen. Aber es gibt eben auch andere Beispiele von Flüchtlingen, die sich nicht integrieren können. Vielleicht wahren sie nach außen hin noch das Bild wie der Würzburger Attentäter. Innerlich aber schotten sich diese jungen Leute gegenüber der Gesellschaft ab, die sie nicht verstehen und zu hassen beginnen. Sie wenden sich wieder den alten Werten zu, mit denen sie aufwuchsen, und vergessen ganz, was sie ursprünglich nach Deutschland brachte.



Keine Scheuklappen

Wie aber sind dann Amokläufe und andere Bluttaten zu verhindern?
Nicht durch Scheuklappen, sondern durch eine Sensibilisierung für derartige Probleme. Ohne Menschen unter Generalverdacht zu stellen, müssen wir alle wachsam sein: Das gilt für die vielen Helfer, die mit Asylbewerbern arbeiten, das gilt für die Flüchtlinge im Umgang miteinander. Ständige Aggressionen und Provokationen können Alarmsignale sein. Da heißt es dann, die Polizei zu informieren. Schließlich entwickelt sich dieser Hass, der Riaz A. zur Axt greifen ließ, nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach.

Wie versuchen Sie selbst, Flüchtlinge zu erreichen, die sich gegen eine Integration sperren?
Durch Gespräche. Ich versuche solchen Männern die Welt, in der sie nun leben, nahe zu bringen - Schritt für Schritt. Ihnen Chancen aufzuzeigen, aber auch Grenzen: Frauen nicht die Hand zu geben, Christen als Ungläubige abzustempeln, ist indiskutabel. Das alles sage ich diesen Menschen aus meinem besonderen Verständnis heraus: Schließlich kam ich selbst im Jahr 2000 als Asylbewerber nach Deutschland. Schließlich wuchs ich selbst im Irak in einem muslimischen - wenn auch toleranten - Umfeld auf und lernte später eine völlig andere Gesellschaft kennen. Ich lebe heute übrigens glücklich in einer gleichberechtigten Beziehung wie zahllose andere Muslime in Deutschland.