Ein schon etwas älterer, in schwarz gewandeter Herr steht etwas ratlos am Kaulberg vor dem Haus mit der Nummer 36. Er suche das Nana-Theater, wendet er sich hilfesuchend an zwei zufällig vorbeikommende junge Damen, Eingeborene zwar, aber von einem Nana-Theater hatten sie noch niemals etwas gehört. Zum Glück für den Preußen,, denn nur um einen solchen kann es sich bei so viel Orientierungslosigkeit handeln, zaubert eins der beiden Mädchen einen jener kleinen High-Tech-Monster aus der Jackentasche, die ja heute fast jede Frage beantworten können. "Dies ist der Mittlere Kaulberg", wird der Zugereiste freundlich und recht charmant belehrt. "Sie müssen zum Unteren. Gehen Sie einfach mit. 400 Meter bergab. Da gibt's noch ein Haus Nummer 36." Das tut er, und findet so dann doch noch Arnd Rühlmanns Nana-Theater im Club Kaulberg. Gerade noch rechtzeitig zur Premiere der "Heimatstücke - Gedanken zum Thema Flucht und Asyl", das Rühlmann gemeinsam mit Gerti Baumgärtel, Ursula Gumbsch und prominenten Bamberger Autoren erarbeitet hat.

Man verabschiedet sich lachend. Eine flüchtige, aber schöne Begegnung. In einer von Rühlmann erdachten Szene des Stückes sind die Rollen vertauscht. Ein junges Mädchen, Studentin vermutlich, klettert in den Stadtbus und fordert augenblicklich den Zorn eines älteren Aborigines heraus, denn sie trägt eine Tasche mit der Aufschrift "I love Hamburg". Der Einheimische benutzt seinen Gehstock als Waffe, schlägt heftig gegen die Tasche und schickt seine Worte bedrohlich knurrend und bellend hinterher (zum besseren Verständnis ins Deutsche übersetzt): "Sowas geht hier gar nicht! I love Bamberg - ja, das geht! Aber doch nicht I love Hamburg!"

Eingebettet ist die Szene in das Lied der Franken (von Scheffel/Becker), wobei Mäc Härder in seinem Beitrag die quirlige, herrlich überdrehte Deutsch-Lehrerin Ursula Gumbsch bezweifeln lässt, dass die Franken überhaupt der germanischen Ethnie zugeordnet werden können. Auf den ständig maulenden, motzenden Asylbewerber Rühlmann geht die Lehrkraft zu keinem Zeitpunkt ein. Warum auch. "Ich fliehe, du fliehst, er sie es fliehen, wir fliehen ..." Fliehen sei dieser Tage en vogue, lässt uns der Regisseur wissen.

Das Lied der Franken als bitterböser Running Gag. Die Melodie umschlingt die gesamte Aufführung, taucht immer wieder auf, so hartnäckig wie der Refrain gewisser Volks- und Soldatenlieder, der auch da auftaucht wo es absolut nicht passt. Im Gegenteil. Die so überaus muntere Weise steht in krassem Widerspruch zu dem Grauen, dass sich mitunter unsichtbar, unhörbar, mit dem Schall von Katzentritten, in das Gewölbe des Theaters schleicht.

Rühlmanns Inszenierung der Gedanken von Martin Beyer, Marcus Everding, Nora Gomringer, Mäc Härder, Thomas Kastura, Tanja Kinkel, Paul Maar, Johanna Moll und Martin Neubauer nähert sich dem Thema Flucht und Asyl auf ungewöhnlichen Wegen, Lichtjahre entfernt von gängigen, ach so bequemen Klischees und Vorurteilen, vorgefertigten, fest verankerten Meinungen und Überzeugungen, die das gesamte Ensemble gleichwohl gierig aufsaugt und wiederkäut, um sie dann genüsslich wieder auszuspucken und dabei gnadenlos zu entlarven. Genau das geschieht. Mal in grellen Farben, mal in sanften Pastelltönen, aber immer mit einer deutlichen Aussage.

Nora Gomringers Beitrag "Der Gewinn" hört sich an, als würde ein harmloses Hündchen harmlose Löcher buddeln, Schenkelklopfer inklusive. Tatsächlich legt sie ein mit Worten brilliant geschliffenes Minenfeld an, in das sich die Gewinnerin Gerti Baumgärtel verirrt. Der Gewinn - eine professionell inszenierte Flucht. Gomringers sanft-zynische Stimme, so perfekt gestylt und kühl wie der perfekte Vortrag eines Versicherungsvertreters, der gerade einem 80-jährigen Rentner eine Berufsunfähigkeits-Police mit einer Laufzeit bis 65 verkauft - "Genießen Sie den Hunger, die Angst, die einmalige Erfahrung von Erniedrigung und Demütigungen ...", - bringt Baumgärtel wuchtig und erschreckend intensiv auf die Bühne. Ein Kaleidoskop lebendig gewordener Gefühle. Euphorie, Zuversicht, Angst, Ungewissheit, Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit. Die Realität - kalt, sperrig und grausam. Eine Wahrheit, der die Gewinnerin schließlich nackt gegenüber steht. Gomringer und Baumgärtel pur. Ein Erlebnis, das betroffen macht. Niemand lacht. Niemand spendet Beifall. Man kann die Stille hören.

Aber Rühlmann lässt sein Publikum nicht nur ausschließlich wie einen Stein durch alle Schichten der Hoffnungslosigkeit fallen, mal mit Kodderschnauze, mal böse-aggressiv, mal spitzbübisch, mal mit verhaltener Leidenschaft, aber immer unglaublich präsent, nein - es darf auch gelacht werden.

"Heimatstücke" ist ein Fehde-Handschuh, eine Herausforderung für jedes wache Gewissen. "Heimatstücke" berührt und ist ein Tritt in den Unterleib. Der Spannungsbogen zwischen der schönen, heilen, weil ja ganz eigenen kleinen Welt, und der unerbittlichen, weil wahr und wirklichen Veränderungen, ist meisterhaft inszeniert.

Bequem ist das alles nicht. Soll es wohl auch nicht sein. Wirklicher Fortschritt ist nur und ausschließlich daran zu erkennen, wie Menschen miteinander umgehen. So betrachtet befinden wir uns immer noch im tiefsten Mittelalter. Und damals wie heute ist es unbequem für ein Mehr an Menschlichkeit, für ein Mehr an Toleranz zu plädieren. Genau das tut das Nana-Theater. Eine Lanze brechen für alte Werte und Wahrheiten, die nicht veralten. Diesen Tjost haben die Macher der "Heimatstücke" für sich entschieden. Jene auf, und jene hinter der Bühne - Musik: Rolf Böhm und die Mozarteum Klezmer Band, Licht und Ton: Felix Gumbsch.

Weitere Vorstellungen finden am 19., 26. und 27. November jeweils ab 20 Uhr statt. Im Nana-Theater, Unterer Kaulberg 36.