Die Burgebracher haben ihr eigenes Bambi. In Franken heißt es aber Franzi. Halt, das klingt zwar niedlich, ist so aber nicht richtig. Erstens: Ein Bambi wäre das Kalb einer Hirschkuh, Franzi gehört aber zum Rehwild. Zweitens: Mittlerweile ist Franzi ausgewachsen und hat bald selbst ein Kitz.

Wie dem auch sei: Dass ein Reh einen Namen hat - und noch dazu ein Halsband trägt - ist für einige Burgebracher nichts Neues. Seit fast zwei Jahren ist das Tier immer wieder rund um die Waldgrenze oder bei Familie Walter zu sehen. Der Einwohner auf vier Stackselbeinchen kommt gebürtig aus der Umgebung von Ebrach.

Bei einem Verkehrsunfall im Sommer 2015 ist das Muttertier von Reh Franzi tödlich von einem Auto erfasst worden. Der zuständige Revierjäger machte sich nahe der Unfallstelle auf die Suche nach dem Kitz - erfolgreich.

Einige Tage später ist das Jungtier über Umwege bei den Walters gelandet. Von da an hieß es: Alle zwei bis drei Stunden füttern, das Kitz musste aufgepäppelt werden, um zu überleben. "Mein Flaschenkind", scherzt Bianca Walter mittlerweile liebevoll über diese ermüdende Anfangszeit. Alle zwei bis drei Stunden ist sie in den ersten Wochen aufgestanden. Letztlich hat das Kitz ihr mehr Schlaf geraubt, als ihre Tochter in den ersten Lebenswochen.


Ein Reh ist kein Haustier

In einem umzäunten Bereich im Garten hat das Kitz einige Wochen verbracht. Frei durch Garten und Flur konnte sich das Kitz nach einem viertel Jahr bewegen - der Abstecher in den Wald war von da an rund um die Uhr möglich. Und ist es noch immer. Wiesen, Felder, den Wald in der Nähe - das Tier hat sich sozusagen selbst ausgewildert. Doch immer wieder packt Franzi das Heimweh. "Es war nie geplant, dass sie ständig wieder heimkommt", sagt Bianca Walter. Traurig ist sie über den ungewöhnlichen Gast - das tierische Familienmitglied - nicht.

Doch: Wer sich denkt, so ein Haus- äh... Gartentier, das wäre doch was, der sei gewarnt: Ein Reh ist ein Wildtier, es fordert Zeit, Platz und Geld. Zudem gelten Gesetze. Das wissen die Walters als Jäger. Jedes Reh ist laut des Bundesjagdgesetzes Eigentum des Revierjägers und darf somit nicht von einem Fremden mit nach Hause genommen werden, wenn man sich nicht wegen Wilderei schuldig machen möchte. Nur wenn das Tier in Not wäre, greift das Tierschutzgesetz, wodurch die Gesundheit vorrangig ist. Spätestens nach der Ersten Hilfe sollte der Jäger informiert werden.


Kitze nicht anfassen oder wegtragen

Ein vermeintlich verlassenes Kitz mit nach Hause nehmen, sollte ein ahnungsloser Spaziergänger nie. "Jungtiere sollen nicht angefasst oder weggetragen werden", erklärt Hans Schmid, Forstdirektor vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Im Ernstfall gilt: Jagdpächter verständigen. "Ist dieser nicht bekannt, können gegebenenfalls die Untere Jagdbehörde am Landratsamt oder die Förster weiterhelfen", so Schmid.

Manchmal lassen die Muttertiere ihre Kleinen nur ein paar Stunden zurück - kommen aber wieder. Wer im Wald oder auf dem freien Feld einem Reh - vielleicht sogar Franzi - begegnet, sollte auch nicht versuchen, dem Tier hinterherzulaufen. "Ein Reh ist ein Fluchttier", erklärt die Jägerin.

Das veranlasst sie zur Sorge: Gerät ein Tier in Panik, verliert es in Extremfällen das Kitz, stößt es ab, auch aus Selbstschutz, erklärt Walter. Das zierliche Tier ist jetzt nicht mehr so beweglich, springt nicht mehr ganz so flink über die Felder, die Ausbeulungen und Tritte sind immer wieder durch das braun-graue Fell zu beobachten. Doch noch sind es einige Wochen, bis Rehe setzen, also Kitze geboren werden. Oft in einer Wiese oder im Getreidefeld, Franzi möglicherweise sogar in einem stillen Eckchen im Garten der Walters. Denn: "Wir sind für Franzi Sicherheit."


Nachwuchs in Gefahr

Als Jägerin beobachtet die 36-Jährige seit Jahren Rehwild und weiß, dass jetzt eine besondere Zeit - die Brut- und Setzzeit - anbricht und appelliert deshalb an Hundehalter. "Freilaufende Hunde sind jetzt die größte Gefahr für Rehe." Auch Forstdirektor Schmid kennt das Problem: "Hundehalter sollten in dieser kritischen Zeit ihre Hunde nicht in Wiesen und ohne Aufsicht im Wald frei laufen lassen."


Trächtige Tiere könne nicht mehr so schnell flüchten

Momentan können die Muttertiere nicht mehr so schnell flüchten, ab Mai sind es die Jungtiere, die Hunden zum Opfer fallen könnten - auch andere Tiere wie brütende Vögel sind gefährdet. Hundehalter sollten daher immer dran denken, dass dort junges Wild wehrlos liegen könnte, so Schmid.

In Thüringen ist die Leinenpflicht sogar im Waldgesetz verankert - Verstöße werden hier laut Forst mit bis zu 2500 Euro geahndet. Schmid ist für Bayern keine amtliche Regelung in dieser Art bekannt. Er weiß aber, dass Jäger vereinzelt vor Ort - beispielsweise mit Schildern - Aufklärungsarbeit leisten.

Ob mit oder ohne Hund in der Natur unterwegs, für Spaziergänger rund um Burgebrach gilt: Auch mit Namen und orangefarbenem Halsband, Franzi ist ein Wildtier, eben eines, mit einem etwas ungewöhnlich menschennahem Revier.