Die zwei Herren sind schon vorbei, abgebogen aus der Unterführung des Bamberger Bahnhofes und hinauf auf die Treppe zu den Gleisen. Eine Treppe, die genau zwischen den Nummern 6 und 8 nach oben führt. Auf halber Höhe mutmaßt einer der Reisenden: "Und Gleis 7 ist für Harry Potter."

Jenen Zauberlehrling, von dessen Abenteuern die englische Schriftstellerin Joanne K. Rowling in ihrer Fantasy-Romanreihe erzählt: Jedes Jahr fahren die Zauberschüler vom Londoner Bahnhof King's Cross in Richtung der "Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei". Der Zug wartet auf dem verborgenen Gleis 9 ¾, das über einen magischen Zugang erreichbar ist: Um zu der altertümlichen Eisenbahn zu gelangen, schieben die Zauberer ihre Gepäckwagen mit Schwung direkt durch die Wand zwischen den Bahnsteigen 9 und 10.

Eine solche Wand gibt es am Bamberger Bahnhof nicht. Doch wer weiß, vielleicht ist es hier der Süßigkeitenautomat?

Eine ganz andere Vermutung hat ein junger Mann, den wir an Gleis 6 ansprechen. "Vielleicht hat das irgendwas mit der Vergangenheit zu tun? Möglicherweise haben in der Zeit des Nationalsozialismus Züge in Richtung Konzentrationslager Gleis 7 befahren und deswegen hat man es später weggelassen?"


Ein Gleis mit Unglückszahl?

Ein Herr um die 40, der ebenfalls anonym bleiben möchte, meint ein paar Meter weiter pragmatisch: "Mir ist schon länger aufgefallen, dass es das Gleis nicht gibt. Warum, interessiert mich aber ehrlich gesagt nicht."
Eine wartende Frau dagegen überlegt. Es ist Angelika Vogel, die ihren Sohn abholt - an Bahnsteig Nummer 8. "Dass man die 13 als Unglückszahl auslässt, könnte ich mir schon vorstellen. Aber die 7?" Sie sei jedenfalls froh, dass der Sohn nicht an Gleis 7 ankomme, sonst hätte sie es suchen müssen, wie sie glaubt. "Da stellt man sich schon die Frage: Wo haben die Bahnsteig 7 versteckt?"

Des Rätsels Lösung kommt von der Deutschen Bahn. Eine Sprecherin erklärt, dass es sich weder um ein Bamberger Mysterium handelt, noch dass Frau Vogel das versteckte Gleis 7 suchen muss - denn das existiert gar nicht und wird damit auch nicht angefahren.

Aber, so die Vermutung eines der beiden Berufspendler mit dem Harry-Potter-Verdacht, "vielleicht gab's das Gleis ja mal und dann wurde irgendwas umgebaut." Richtig.

Wer das Geheimnis lüften will, kommt um den sogenannten Spurplan der Deutschen Bahn Netz AG nicht herum. "Darin sind alle Gleise, ob Durchfahrts- oder Abstellgleise, hinterlegt", wie eine Bahnsprecherin auf Anfrage erklärt. Name, Verlauf, eben "die komplette Schieneninfrastruktur" - und zwar deutschlandweit.

Diesen zu ändern wäre extrem aufwendig, da er an den kompletten Fahrplan in der Bundesrepublik gekoppelt ist. "Anfang 2000 baute die Bahn in Bamberg genau dort einen neuen Bahnsteig, wo zuvor das Gleis 7 lag. Um den Spurplan nicht ändern zu müssen, wurde das alte Gleis sozusagen still gelegt", führt die Bahnsprecherin aus.

Gleis 7 gibt es seitdem nicht mehr, "da liegt sozusagen der Bahnsteig drauf". Statt Spur- und Fahrplan umzuschreiben, sei es wesentlich einfacher, neue Gleise einzuarbeiten - in diesem Fall die Nummer 8.


Keine Irritationen bei Fahrgästen

Die Sprecherin merkt an: "Das ist absolut keine Besonderheit oder gar ein Mysterium. So etwas kommt regelmäßig vor." Ihres Wissens nach sorge diese Praxis bei den Fahrgästen nicht für Irritationen - "sie suchen ja nach den Gleisen, die sie brauchen." Gleis 7 gebe es in Bamberg einfach nicht mehr und damit existiere es auch nicht im Fahrplan - und niemand sucht vergebens. "Jeder findet zu seinem Gleis."

Übrigens: Bamberg ist nicht der einzige Ort in Oberfranken mit einem Harry-Potter-Gleis. Den nächsten Zustieg in den Hogwarts-Express in Richtung Zauberschule gibt es wenige Kilometer weiter: in Lichtenfels.