Zwei Damen stülpen sich die Kopfhörer über, lauschen der Musik und singen dann lauthals mit: "Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe", schallt es durch die Ostkrypta des Domes. Die Frauen sind an der dritten Station des "Begehbaren Gottesdienstes" angelangt, beim "Gloria", dem Loblied. Sie schlendern weiter, bleiben stehen bei der fünften Station "Predigt". Hier liegt ein aufgeschlagenes Buch, in das Besucher ihre Gedanken niederschreiben. "Herr, gib mir Kraft", bittet Monika. "Danke für die Zeit am Beginn eines neuen Lebensabschnitts", formuliert Jutta.

Ein denkbar ungewöhnlicher Weg

In der Fastenzeit lädt dieser "Begehbarer Gottesdienst" dazu ein, die Eucharistiefeier einmal anders zu erleben und die einzelnen Bestandteile zu verinnerlichen. Hubertus Lieberth, Pastoralreferent der Dompfarrei und verantwortlich für die Besucherpastoral am Dom, hat diesen ungewöhnlichen Weg initiiert. Dieses Angebot im Vorfeld des 1000-jährigen Domjubiläums "will einen zeitgemäßen und positiven Eindruck vom christlichen Glauben vermitteln, eigene Gottesdiensterfahrungen wachrufen und die Eucharistiefeier neu erschließen helfen", erklärt Lieberth. Mit einem vierköpfigen Team hat der Pastoralreferent das Konzept entwickelt, das sich an einem "begehbaren Gottesdienst" am Ökumenischen Jugendkirchentag in Nürnberg im Jahr 2006 orientiert.

Die Installation besteht aus zwölf Stationen. An jeder Station wird beschrieben, was dieser Gottesdienstteil bedeutet, und was er mit dem eigenen Leben zu tun hat. Damit ist eine Einladung zum praktischen Tun verknüpft. So gibt es zum Beispiel an der ersten Station "Kreuzzeichen" die Aufforderung, sich mit dem Weihwasser aus der kleinen Schale ein Kreuz auf Stirn, Brust und Schultern zu machen. Bei der zweiten Station "Besinnung" prangt ein Spiegel: "Das sind Sie, jetzt und hier mit guten Seiten und all denen, was selbst nicht gefällt", steht auf der Tafel. Daneben eine Schale mit Glasscherben mit der Einladung, eine Scherbe als Symbol für die geweinten und ungeweinten Tränen, für alles Zerbrochene im Leben vor Gott in den bereitgestellten Krug zu legen.

In diversen Sprachen

Und all das tun auch die Besucher dieses begehbaren Gottesdienstes. Lange bleiben Armin und Susanne Seidl etwa vor der Weltkarte stehen, die die neunte Station "Vater unser" markiert. In verschiedenen Sprachen ist dieses Gebet darauf abgedruckt, so wie es Christen in der ganzen Welt kennen. "Klar, das Vater unser beten wir auch", sagen die Seidls, ein Touristenpaar aus Kassel. "Wir sind evangelisch", ergänzen sie. Doch dieser begehbare katholische Gottesdienst "gefällt uns super", zumal vieles in einem evangelischen Gottesdienst "ähnlich ist", meinen Armin und Susanne Seidl. An der siebten Station "Gabenbereitung" stehen etwa eine Karaffe mit Rotwein und ein frischer Brotlaib bereit. Oder auch die zwölfte Station "Segen und Sendung": Fußspuren auf dem Kryptaboden deuten an, dass der Gottesdienst mitten im Alltag weitergeht, hin zu den Menschen, zu denen der Christ gesandt ist.


"Wunderbar und tiefsinnig gelungen", "Ein sehr berührendes Erlebnis", "Tolle Demo des Katholischen", "Genial": So lauten lobende Einträge von Besuchern im Gästebuch. Etliche haben sich zuvor noch an anderer Stelle verewigt. An der sechsten Station "Fürbitten" liegen zahllose Zettel mit Anliegen und himmelstürmenden Bitten: "Behüte alle Menschen, die mir nahe sind und die mir am Herzen liegen..."


Während der Öffnungzeiten

Die Ostkrypta ist während der Öffnungszeiten des Domes durchgängig zugänglich, vor allem in der Zeit zwischen 9.30 und 16.45 Uhr, ab April (bis Weißen Sonntag) bis 17.45 Uhr. Die Installation wendet sich an alle, die den Dom besuchen. Sie ist besonders geeignet für Schulklassen der Mittel- und Oberstufe sowie Gruppen mit älteren Firmlingen, etwa ab der 8. Klasse. Wenn eine Gruppe früher kommen möchte, ist es sinnvoll, sich im Dompfarramt anzumelden (Telefon 0951 / 2995590) damit die Krypta früher geöffnet werden kann.