Bunte Fäden schlingen sich über eine große Leinwand, eine Aneinanderreihung abstrakter, geometrischer Figuren verwandelt sich im Vorbeigehen plötzlich zu einem absurden Raumkonstrukt. Der Beobachter kommt nicht umhin, innezuhalten und diese Kunstwerke genauer ins Visier zu nehmen. Er wechselt die Perspektive, blickt ein drittes, fünftes und zehntes Mal hin. Doch die Verwirrung bleibt. Der menschliche Sehapparat gerät an seine Grenzen - zu ausgeklügelt die optischen Täuschungen, die das E.T.A.-Hoffmann-Theater seinen Besuchern im Dezember darbietet. Wo Wahrnehmungspsychologie, Optik und Kunst aufeinandertreffen, fand Bernd Lingelbach seine Passion. Der Professor für Augenoptik inspirierte Intendanten Rainer Lewandowski dazu, das Theater in eine Stätte optischer Phänomene zu verwandeln.

Die Kunst des verdrehten Blicks

Die Ausstellung im Foyer des Theaters ist in zwei Bereiche aufgeteilt. Der Bamberger Künstlerverband trieb eine Reihe sogenannter Op-Art-Künstler auf, deren Werke nun präsentiert werden. Die Wahrnehmung durch den menschlichen Sehapparat wurde schon im 19. Jahrhundert zu einem Faszinosum für etliche Künstler. In den 1960er Jahren entstand daraus das Op-Art-Genre, welches sich heute zu einer populären Stilrichtung ausgereift hat.

Doch mit der Op-Art nicht genug - auch die Theaterwerkstatt trug ihren Teil zur illusionären Erscheinung des Foyers bei. Die Mitarbeiter entwickelten einen Parcours, in dem die Besucher optische Phänomene am eigenen Leib erleben können - die gekrümmten Spiegel, ein verdrehtes Wohnzimmer und der Beuchet-Stuhl versetzen die Gäste immer wieder ins Staunen. Der Stuhl täuscht das Auge, weil seine Einzelteile im Raum verteilt werden. Erst wenn der Beobachter durch die zugehörige Holzvorrichtung blickt und somit die richtige Perspektive einnimmt, fügen sich die Einzelteile des Stuhls wieder zusammen. Entdeckt haben die Mitarbeiter der Werkstatt dieses außergewöhnliche Stück in der Scheune des Professors. Dieses Sammelsurium der optischen Phänomene ist das Herzstück von Lingelbachs Forschung und steht Neugierigen als Museum zur Besichtigung offen.
Seine Passion lebt der Professor aber nicht nur durch Stücke wie den Beuchet-Stuhl aus. Darüber hinaus wird er an diesem Wochenende höchstpersönlich im Theater erscheinen, um Interessierte an seinem Wissen teilhaben zu lassen.

Passionierte Vorträge

Am heutigen Samstag um 15 Uhr wird Lingelbach einen Vortrag für Kinder ab sechs Jahren halten, bei dem die Kleinen aktiv mitwirken können und sollen. Morgen um 19 Uhr folgt die Version für Erwachsene. Beide Vorträge sind kostenlos und wurden in Kooperation mit Claus-Christian Carbon entwickelt, der sich als Professor an der Bamberger Universität unter anderem mit Wahrnehmungs- und Gedächtsnispsychologie befasst.

Mit diesem Forschungsfeld setzte auch Intendant Lewandowski sich auseinander, als er das Stück "Sieh, was du nicht siehst" verfasste. Wie der Name bereits verrät, spielen optische Täuschungen auch in diesem Kindermärchen eine wichtige Rolle. Lewandowskis Stück erzählt die Geschichte des Prinzen Animus, der um die Hand der schönen Prinzessin Berivan anhält. Um den Segen ihres Vaters zu erhalten, muss der Prinz beweisen, dass er seine Angebetete nicht nur aufgrund ihrer Schönheit zur Frau nehmen möchte. Der König will herausfinden, ob sein Schwiegersohn in spe mit den Augen oder mit dem Herzen sieht. Er stellt ihn durch optische Täuschungen auf die Probe, Weil es dem Prinzen ein wenig an Raffinesse mangelt, ist er dringend auf die Hilfe des Publikums angewiesen.

Das strömt zum Glück reichlich ein. Jeden Tag besucht mindestens eine Schulklasse das Stück und hilft dem Prinzen lauthals dabei, die ihm gestellten Rätsel zu lösen. Erstmal für das Thema begeistert, behandeln die Klassen im Anschluss das menschliche Auge. "Man lernt und begreift die Welt am besten, wenn man selbst am Prozess beteiligt ist", erklärt Anja Simon.

Faszinierende Illusionen

Die Theaterpädagogin und Dramaturgin schildert begeistert, mit welchen Illusionen das Stück arbeitet. "Wir nutzen alle Möglichkeiten des Theaters", erklärt sie. "Sowohl Kindern, als auch Erwachsenen klappt der Mund immer wieder ganz schön auf."

Auch die Dramaturgin faszinieren jene Wahrnehmungsattrapen sehr. Dabei wird die Forschungsrichtung häufig als bloße Spielerei abgetan. "Die Augen sind unser Hauptzugang zur Realität", sagt sie. "Und dabei sind sie so leicht zu täuschen. Das finde ich faszinierend."