Reges Treiben und Stimmengewirr lagen am Samstagmittag in der Bamberger Fußgängerzone in der Luft, am Boden dagegen entstand - wie schon einige Mal zuvor - ein ungewöhnliches Bild: 30 Pflegekräfte aus verschiedenen Bereichen legten sich für zehn Minuten zu Füßen des "Gabelmo" nieder, um über die schlechten Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen aufmerksam zu machen. Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es die Initiative "Pflege am Boden". Die Pflegekräfte vieler deutscher Städte legen sich zweimal im Monat für zehn Minuten auf den Boden belebter Orte, um auf die miserablen Bedingungen im Pflegesektor aufmerksam zu machen.

"Unsere täglichen Herausforderungen werden erschwert durch Arbeitskräftemangel, zu niedrige Bezahlung und eine geringe Wertschätzung der Tätigkeit. Unter diesen Voraussetzungen wird unsere Arbeit physisch und psychisch immer belastender. Wir liegen am Boden. Auch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen wird der Pflegeberuf für Berufseinsteiger immer unattraktiver - und das in Zeiten des Pflegenotstands. Wir haben immer weniger Zeit für immer mehr zu pflegende Menschen. Der erhöhte Aufwand für die Dokumentation der Pflege stiehlt uns wertvolle Zeit am Patienten. Die Pflege - die Fürsorge und Betreuung des bedürftigen Menschen - kommt dabei zu kurz." - so heißt es auf der Internetseite der Rahmenaktion "Pflege am Boden" - ein von Parteien, Gewerkschaften und Berufsverbänden unabhängiger Zusammenschluss von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten oder Pflegenden Angehörigen und Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt.

Die Gruppe "Pflegende" beinhaltet dabei Gesundheits- und Krankenpfleger/innen, Altenpfleger/innen, Fachpflegehelfer/innen und weitere Betreuungskräfte. Während ihrer Arbeit haben sie nur wenig Zeit für ihre Schützlinge.
"Haare eines Patienten zu kämmen wird zum Beispiel mit zwei Minuten veranschlagt. Für das Ankleiden oder Waschen sind auch nur einige Minuten vorgesehen. Bei manchen Menschen geht das schnell, aber bei anderen dauert es eben etwas länger", weiß Christine Tietz vom Bamberger Pflegedienstleister Visit. "Es kann nicht sein, dass der Toilettengang für einen Menschen mit Zeit in Form von drei Minuten bezahlt wird", sagt Petra Hemmerlein vom Wilhelm-Löhe-Heim Alten- und Pflegeheim.

Aber ist die Problematik neu?

Warum hat sich die Situation der Pflegenden gerade in den letzten Jahren verschlechtert? Petra Hemmerlein vom Wilhelm-Löhe-Heim Alten- und Pflegeheim erklärt: "Vor zehn Jahren hatten wir noch viel mehr Zeit für die Bewohner und Patienten, weil die Öffnung der Bürokratie noch nicht so weit vorangeschritten war. Die Dokumentation der Arbeiten ist ein Segen, wir müssen das tun, aber es ist meiner Meinung nach so, dass die Regierung gedacht hat, sie könne durch Controlling und Weiteres Missstände in der Altenpflege beheben und die Situation verbessern. Wir aber haben trotzdem unser Zeitkontingent, das heißt: Auf irgendeine Weise muss etwas wegfallen und das nimmt man meist den Menschen weg. Für uns ist das unbefriedigend."

Personalmangel und Wertfrage

Auf der anderen Seite komme erschwerend hinzu, dass immer weniger Menschen in unserem Beruf arbeiten wollen. "Eine Krankenschwester hat zum Beispiel immernoch eine andere Wertstellung als eine Altenpflegerin, die auch Begleiterin ihrer Schützlinge ist. Dennoch ist es eine sehr fachliche Geschichte. Pflegen kann eben nicht jeder und das missverstehen auch viele Leute."

Prognose: Eine halbe Million Pflegekräfte werden 2050 fehlen

Dabei lässt ein Blick auf die Zukunft den Bedarf an Pflegekräften bereits erahnen: Bereits heute fehlen laut Statistischem Bundesamt und pflegewissenschaftlichen Studien im Krankenhaussektor 140.000 Stellen, nach Angaben der Pflegeverbände und der Bertelsmannstiftung werden es 2050 rund 500.000 Vollzeitstellen sein. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt von 2011 von 2,5 Mio. bis 2030 auf 3,4 Mio. (Statisches Bundesamt).

Die Zahl der über 80-Jährigen wird von 4,1 Mio. im Jahre 2009 auf 6,4 Mio. im Jahr 2030 steigen. Die Sozialstiftung Bamberg hat die ihre letztjährigen Ausbildungsplätze daher auch von 260 auf 310 aufgestockt, so Brigitte Dippold. Im Klinikum Bamberg leisten bei einer Bettenzahl von 1013 derzeit rund 1013 Pflegekräfte "Arbeit am Menschen". Sie sind auch qualifiziert: "Über 800 Pflegekräfte haben Zusatzqualifikationen erworben, z.B. im Bereich Anästhesie- Intensivpflege, Hygiene, Operationsdienst, Onkologie, Palliativ, Stomaberatung, Führung und Management, Inkontinenzbehandlung, Ernährungstherapie, Still- und Laktationsberatung, Brustkrebsbehandlung oder Berufspädagogik."

Reaktionen von Politik und Bürgern bleiben dürftig

Die Reaktionen der Politik seien bisher dürftig: Es habe zwar eine Diskussionsrunde beispielsweise mit Staatsministerin Melanie Hummel stattgefunden, aber bis jetzt seien noch keine Ansätze für ein Umdenken zu spüren. Die Situation wird immernoch als grenzwertig empfunden, das Verfahren als schleppend.

Auch mit die Wirkung auf die Passanten sei nach Einschätzung der Aktionisten eher dürftig ausgefallen: "Ich bin zum einen entsetzt, dass uns so wenige Kollegen - diejenigen, die gerade arbeiten ausgenommen - unterstützt haben. Zum anderen reagierten Passanten mit Unverständnis. Viele denken wohl, nie selbst krank zu werden, dabei betrifft das Thema ja jeden einmal", so Manuela Krappmann von Homecaremanagement.
Dennoch wollen die Pflegenden weiter kämpfen.

Das Ziel der Aktion ist klar und andererseits nicht greifbar. Die Aktionisten wollen noch mehr mit den Passanten ins Gespräch kommen, um Aufklärung zu betreiben. Sie versuchen die Leute mitzureißen und sie müssen in die Öffentlichkeit gehen. Dass manche Pflegenden hierfür die wenige, wertvolle Zeit zwischen Schichtdienst und Überstunden nochmals ihrem beruflichen Anliegen widmen, muss hoch geschätzt werden: "Aber wir haben eben keine andere Möglichkeit!", so Petra Hemmerlein.

So wünscht sich auch Jutta Weigand (Leiterin des Seniorenzentrums der Sozialstiftung Bamberg), dass die Aktion eine Wellenbewegung in Deutschland auslöst und an vielen Orten an jedem zweiten Samstag im Monat auf die Situation aufmerksam gemacht wird, um Veränderungen herbeizuführen. "Das Thema Pflege wurde schon vielfach zerredet, Thesen wurden an die Wand geworfen, etc. Neben der tollen Idee an sich wollen wir gerade auch die neuen Medien nutzen. An einigen Facebook-Kommentaren ist mit zum Beispiel aufgefallen, dass viele Pflegende verbittert und frustriert sind. Dieser stumme Protest ist genau der richtige Weg."


Stimmen

"Ich finde die Aktion der Pflegekräfte hier natürlich gerechtfertigt. Es gibt viel zu wenig Pflegende, die auch noch im Verhältnis zur Verantwortung, die sie tragen, zu schlecht bezahlt werden. Angst vor dem eigenen Alter hat man auch ein wenig, wenn man an die wenigen Pflegekräfte denkt, deren womöglich noch weniger folgen werden, oder die nicht gut genug ausgebildet sind." Elke Zimmermann, Bamberg

"Ich spiele als Musiker oft in verschiedenen Altenheimen und mir geht immer das Herz auf, wenn ich die Freude der Bewohner spüre. Pflege hat natürlich etwas mit Geld zu tun, aber die Politik sollte, denke ich, da mehr an das eigene Land denken. Angst, auch einmal auf Pflege angewiesen zu sein, habe ich schon." Edgar Thomann, Bamberg