Manche finden es übertrieben. Manche auch ein bisschen lächerlich. Andere fragen: "Müssen Sie das anziehen?" Es ist vor allem ein Haus, das in der Bamberger Innenstadt ins Auge sticht, bei internationalen Turnieren. Vor beinahe jedem Fenster des Personaldienstleisters in der Hauptwachstraße flattern schwarz-rot-gelbe Fahnen - und es sind einige Scheiben. Dem Betrachter fällt erst einmal nicht direkt auf, zu wem dieses Bekenntnis gehört.

Die Bank darunter stört das nicht. "Wir hoffen, dass es Glück bringt", sagt Jasmin Matatko. Ihr gefällt die Dekoration, die alle zwei Jahre ausgepackt wird. An Spieltagen ziehen sie und ihre Kollegen ein Deutschland-Shirt an. Müssen, nein, müssen tun sie das nicht. Sie wollen. In den vergangenen Jahren ist Matatko rund um dieses Thema schon öfters ins Gespräch mit Kunden gekommen. Ihre Meinung dazu: "Es ist doch eigentlich egal für was oder wen - es ist einfach schön, endlich mal wieder die Gemeinschaft zu stärken."

Mit den ersten Bildern von Fanmeilen zur Fußball-EM hat sich die Grüne Jugend des Landesverbandes Rheinland-Pfalz in diesem Jahr eine Kampagne einfallen lassen: "Patriotismus ist gleich Nationalismus". Unter der Schlagzeile liegt eine verknitterte Fahne. Um nationalistisches Gedankengut im Keim zu ersticken, so ihre Intention, fordern sie auf Facebook: "Fußballfans, Fahnen runter!" Die Folge: Der Beitrag wird beinahe 10 000 mal geteilt und 28 353 mal kommentiert. Sätze wie "sowas Bescheuertes" gehören zu den harmlosen Äußerungen. Beleidigungen, sogar Drohungen und volksverhetzende Äußerungen fallen.


Vom Party-Patriotismus

Doch die Jugendorganisation von den Grünen in Rheinland-Pfalz rudert nach dem vielmals als Eigentor deklarierten Beitrag nicht zurück. Es folgen jedoch ausführlichere Erklärungsversuche, was hinter ihrer Idee steht. "Freude am Fußball, statt an der Nation", ist die Devise, von Party-Patriotismus die Rede. "Nationalismus als Event" ist auch Marc Helbling bekannt. Der Politikwissenschaftler der Universität Bamberg beschäftigt sich ausgiebig mit Nationalismus. Pauschal lasse sich die Gleichung zwischen dem emotionalen Patriotismus und dem Nationalismus als politische Bewegung nicht aufstellen. "Es gibt verschiedene Formen", sagt er und weist darauf hin, dass beide Begriffe erst einmal dafür stehen, "sich stark zu identifizieren". In der Politikwissenschaft unterscheidet man - unter anderem - zwischen inklusivem und exklusivem Nationalismus. Beim Nationalismus könnten auch Werte akzeptiert werden, die nicht die eigenen sind, sprich: "Man kann auch eher multikulturelle Vorstellungen haben", so Helbling.

Häufiger jedoch werde die Verbindung mit der negativen Komponente - alles andere abzulehnen - gezogen. Helbling macht aus wissenschaftlicher Sicht deutlich: "Man kann stolz sein, ohne dass man andere ausschließt." Zumal nicht immer eindeutig auszumachen sei, mit was oder wem sich die Menschen direkt identifizieren. Ob es für ein Land an sich wichtig sei, dass sich Italiener mit Italien oder Isländer mit Island identifizieren, könne er so nicht beantworten. Doch: "Für das Individuum ist es wichtig, sich mit einer Gruppe zu identifizieren."


Studie bei der WM 2006

Wenn es um eine Gruppe stolzer Fußballfans geht, warnt Sozialpsychologin Julia Becker vor dem Phänomen Party-Patriotismus. Wenn beim Public Viewing viele schwarz-rot-goldene Fahnen im Spiel seien, könne die Vaterlandsliebe bei manchen in Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit umschlagen, sagte die Professorin der Universität Osnabrück dem evangelischen Pressedienst. Becker forscht bereits seit der Fußball-WM 2006 in Deutschland über den Zusammenhang von Fahnen, Nationalstolz und Vorurteilen. "Beim Sommermärchen wurde erstmals Flagge gezeigt." Bei einer Befragung habe sich 2006 gezeigt, dass Menschen mit einem ausgeprägten Nationalstolz eher Vorurteile gegen Ausländer hätten. Dieser Effekt sei nach der WM ausgeprägter gewesen als vorher.

Einerseits sei es durchaus in anderen Ländern einfacher, auf sein Land stolz zu sein, als in Deutschland, sagt Helbling. Andererseits könne man behaupten, dass die nationalsozialistische Vergangenheit für einige an Bedeutung verliere. Dass wehende Fahnen allerdings bei Pegida-Demonstrationen eine ausgrenzende Botschaft verbreiten, bringe einige eben zu dem Entschluss, dass sie sich damit dann gar nicht mehr identifizieren wollen. Bei einem Thema, das viel Raum für einer- und andererseits lässt, sei es wichtig: Jemand, der sich patriotisch - und mit Fahne - zeigt, ist laut Helbling nicht automatisch "besser oder schlechter" als andere.

Kommentar von Sarah Dann: Parolen sind keine Lösung
Patriotismus = Nationalismus, Fußballfans Fahnen runter! " - Solche Aussagen , die Fahnen schwenkenden Fußballfans unterstellen, andere auszugrenzen, treiben Unbeteiligte und Politikmüde in die Richtung irgendwelcher Alternativen, die solche Kampagnen wie die der Nachwuchspolitiker der Grünen als Futter für Gegenparolen missbrauchen. Aufklärungsarbeit ist zwar oft dröge, schwieriger und im ersten Moment nicht so eingängig wie kurze Feststellungen. Sie hat aber das Potenzial, einen Zustand zu hinterfragen.

Zur Verantwortung gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit zählt auch, dass man sie nicht jedem aufdrückt und sie nicht als Ausrede benutzt, sondern Phänomene - wie das Fahneschwenken - wachsen lässt. Geschehen, und als Märchen bezeichnet, bei der WM 2006. Ein schwarz-rot-gelbes Fahnenmeer kann auch dieses Zeichen setzen: Die, die bei Pegida-Demos Flagge zeigen, sind nicht "das Volk". Stolz auf das Deutschland im Hier und Heute, das sind sie nicht. Wir sollten nicht zulassen, dass Sprücheklopfer und Rechtssympathisanten die einzigen sind, die Fahnen schwenken. Schließlich steht schwarz-rot-gold für Demokratie, für Freiheit, für Friede. Wer diese Werte schätzt, ist auch Patriot - Verfassungspatriot.



So reagieren Politiker auf die Anti-Fahnen-Kampagne der jungen Grünen

Peter Altmaier (CDU) twitterte: "#GrüneJugend kapiert's nicht: Fahnen der Fans Gegenteil der Fahnen von einst: Symbol für weltoffenes, sympathisches Deutschland." Später setzte der Kanzleramtschef diesen Tweet ab: "Wir werden gegen Island unsere französischen Freunde rächen!!!" Viele Nutzer stießen sich an dem Begriff "rächen".

Hans-Peter Friedrich (CSU) schilderte in seinem Twitter-Beitrag nicht nur, dass er nicht viel von dem Vorschlag der Grünen Jugend halte. Er setzte sogar noch eins drauf: "Freue mich besonders, schwarz-rot-gold zu schwenken. Und nach jedem Tor die Nationalhymne!"

Markus Söder (CSU) selbst hat nach seinem Tweet beim Viertelfinale gegen Italien gezweifelt. Er schrieb: "Nie mehr Elfer für Özil. Künftig Elfer nur noch durch junge Spieler." Kurze Zeit später war der Beitrag verschwunden und ersetzt: "Tolle Leistung. Nur: Lasst künftig die Elfer nur von den Jungen schießen. Müller, Schweinsteiger, Özil haben verschossen." Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs weiß, dass gefühlsduselige Äußerungen die Gefahr bergen, sich zu verrennen: "Wenn es um Emotionen geht, ist schnell mal ein falsches Wort dabei, das einen falschen Zungenschlag gibt." Zum Finanzminister sagt er: "Söder hat mit dem Özil-Bashing eine Stimmung aufgegriffen. Zum Skandal ist es erst später geworden. Der Fehler war es, den Tweet zu vertuschen."

Allgemein Unverfänglich seien Tweets oder das Mitfiebern während des Elfmeterschießens, so Fuchs. "Wenn ein Tor fällt, auch online mitzujubeln, ist nie verkehrt." Nahezu ekstatisch tun das etwa die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär ("Ich flipp aus. #Thooooomasss #Warum? #GERITA") und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ("Jaaaaaaaaaa. Ein Saarländer schießt unser Team ins Halbfinale. #JonasHectorFußballgott #ger #euro2016 #gerita"). dpa