Aus der Heimat des Kreativteams, dem Bürgersaal, wurde über Nacht eine Notunterkunft für Flüchtlinge. 430 Tage Arbeit an der Inszenierung - und jetzt alles umsonst? Nein. Rot-Alarm und schlaflose Nächte für die Protagonisten, das ja. Und Gott sei Dank auch ein bisschen Glück. Praktisch in letzter Minute stellte das Bamberger Theresianum seine Turnhalle als Spielort zur Verfügung. Auch ein ständiges Auf- und Abbauen bleibt dem Team bis zur Derniere am 27. September erspart. Ginge vermutlich auch gar nicht.


Ein fast unmöglicher Kraftakt


Was folgte, war ein fast unmöglich erscheinender Kraftakt. Eine Energieleistung, die sich gelohnt hat. Die Werkstattkünstler verwandelten die schlichte Turnhalle in ein wahres Schmuckstück, eingebettet in ein ohnehin schon traumschönes, aber gleichwohl bedrohtes, Ambiente. Dies auch dank der tatkräftigen Unterstützung seitens der Schule, wie das Projektleiterduo Sebastian Burkard und Harald Wicht betont, das gemeinsam mit Georg Gräfe auch die opulent, fast verschwenderisch ausgestattete Bühne gestaltet hat.

Die Regie bei diesem Stück, das mit großer Berechtigung auch mit "Der Gott des Gemetzels" überschrieben werden könnte, führt Marlene Groh. Sie äußerte die Befürchtung, dass die Zuschauer, fasziniert von dem Blick auf das beleuchtete, noch nicht unbedingt schlafende Bamberg, zum zweiten Teil gar nicht wieder reinkommen könnten. Aber das wird nicht geschehen, denn sämtliche Darsteller brillieren bereits im ersten Teil, jeder auf seine ureigenste Weise, und lassen die Besucher hungrig zurück.


Große Lust am Spiel


Die Lust am Spiel war bei allen Beteiligten unübersehbar. Übrigens - Laura Waldmann als "Anna" ist nicht wirklich schwanger. Ihr Aussehen ist vielmehr ein Kompliment für die Kostüme (Marlene Groh mit den Darstellern) und die Maske (Larissa Wegert).

Zu den "Schwarzen" hinter der Bühne gehört neben Georg Gräfe (Licht) auch Roland Eichhorn (Ton). Und natürlich die Regieassistenz - Sabine Leicht.

Projektleitung und Regie inszenieren vornehmlich den scharf geschliffenen Text und verzichten auf klamaukige Beigaben. "Der Vorname" ist intelligent, sprachlich brillant, hat Tiefgang und erzählt viel über unsere Gesellschaft und die Menschen, die ausnahmslos zuerst Kreatur sind, und daher der Wahrheit feindlich gegenüberstehen. Denn die Wahrheit ist ja niemals so wie wir sie uns wünschen und wählen würden, aber immer ist sie unerbittlich.

Das erfahren auch Pierre (Sebastian Burkard) und Vincent (Harald Wicht), beide großmäulige Alphatiere, Elisabeth, Pierres vom Lebensmarathon gezeichnete Ehefrau, und außerdem Vincents Schwester (Daniela Burkhardt), die "schwangere" Anna, Vincents Partnerin, und der sensible, sich dezent zurückhaltende Claude (Christian Salomon), ein Jugendfreund Elisabeths.


Lügengebäude aus Ideologien


Ein geringer Anlass und ein nicht gerade klug gewählter Witz bringen ein Lügengebäude aus Ideologien, selbstgefälligem Liberalismus und egozentrischem Narzissmus donnernd zu Fall. Ein gemeinsames, entspanntes Diner sollte es werden, aber Elisabeths Abrechnung mit den sie umgebenden Menschen und den verlogenen Fassaden der Bürgerlichkeit gleicht einem Schlachtfest. Ebenso radikal stellt Waldmanns Anna ihren Vincent in Frage und raucht trotzig trotz Schwangerschaft noch eine Zigarette.

Der Künstlerwerkstatt ist dank eines wunderbaren Ensembles ein fulminantes Stück Theater gelungen, voller tiefer Einsichten, aber auch überbordender Heiterkeit. Ein bisschen Komödie ist der Vorname eben auch. Der Spaß jedenfalls ist unbestritten, denn am Ende zeigen sich die Protagonisten, nach allerlei überraschenden Wendungen, als durchaus liebenswerte Zeitgenossen. Sie sind einfach wir selbst. Keine der angesprochenen menschlichen Schwächen ist uns fremd, und wenn wir lachen, dann lachen wir über uns selbst.

Die bereits ausverkaufte Premiere war gestern Abend, weitere Aufführungen folgen heute und morgen sowie am 25., 26. und 27. September. Der Vorhang hebt sich jeweils um 20.15 Uhr, um auch jenen eine Chance zu geben, die erst nach Stegaurach fahren.