Junge Senegalesen sehen ihre Heimat unter verschiedenen Blickwinkeln. Unsere Mitarbeiterin Marion Krüger-Hundrup ist in die Stadt Thiès gereist, die mit Bamberg eng verbandelt ist, und hat jungen Menschen zugehört, die über Sinn und Unsinn der mörderischen Flucht übers Meer sprachen.

F ür die vielen Senegal-Reisenden aus dem Erzbistum Bamberg ist das ein vertrautes Bild: Unter dem gewaltigen Gummibaum im offenen Restaurant "Rex" in Thiès plaudern Weiße wie Schwarze angeregt - miteinander oder übereinander. Hier festigt sich die "Lern- und Solidargemeinschaft", die die vertraglich zementierte Partnerschaft zwischen den Bistümern Bamberg und Thiès ausmacht. So manches "Flag", das gute senegalesische Bier, ist darauf in durstige Kehlen geschüttet worden. Doch heute steht dem 22-jährigen Fodé T. und seinem doppelt so alten Freund Dieudonné nicht der Sinn nach Bierseligkeit. Im Gegenteil.


Fodé, der seit einigen Monaten das Abitur in der Tasche hat, ist verzweifelt:

"Ich bekomme es nicht mehr aus dem Kopf!", bricht es aus ihm heraus. Nämlich den Plan, die Flucht mit dem Boot über das Mittelmeer nach Europa zu wagen - "ins Paradies!". Also dorthin, wo nach seiner Vorstellung Geld und Arbeitsplätze schon auf den Bäumen wachsen und es obendrein einen "Männermangel" gibt. Europäische Frauen würden nur auf junge, kräftige Afrikaner warten.

Der besonnene Dieudonné schüttelt heftig den Kopf. "Du bist verrückt, Fodé! Europa ist nicht das Paradies!", hält er seinem Freund entgegen. "Du wärst dort illegal, ohne Familie, ohne Wohnung, Leben im Elend!", wirft der Ältere in die Waagschale. Obwohl er selbst noch nie in Europa, geschweige denn in Deutschland, war - und auch gar nicht dorthin möchte. Vielleicht einmal "nur um zu schauen, und um meinen Kindern zu erzählen". Aber den Senegal für immer verlassen? "Niemals!"


Der schon leicht ergraute Dieudonné weiß nur zu gut, dass Tausende Landsleute versuchen, aus dem Senegal zu fliehen.

Sorgfältig erstellte Statistiken gibt es natürlich nicht, die konkrete Auskunft darüber geben, wie viele es tatsächlich aus diesem etwa 14 Millionen Einwohner zählenden westafrikanischen Land sind, die die mörderische Reise über das Meer antreten. Oder nach Ablauf eines Touristenvisums untertauchen. Es kursiert die Zahl von rund 14.000 Senegalesen, die 2015 ihrer Heimat fluchtartig den Rücken gekehrt haben sollen. Häufigste Aufnahmeländer waren Italien, Deutschland und Brasilien.
94 Prozent der Asylanträge wurden abgelehnt. Der Senegal zählt zu den sogenannten "sicheren Herkunftsländern".

Fodé schnaubt da nur verächtlich. Sicher, im Senegal herrscht kein Krieg, die Regierung ist demokratisch gewählt, und Hungerbäuche sieht man auf den ersten Blick auch nicht. "Aber ich habe keine Zukunft, keine Perspektiven hier!", stößt Fodé hervor.


Jeder fünfte Senegalese ist zwischen 15 und 24 Jahre alt, drängt auf den Arbeitsmarkt, auf dem es keine Arbeit gibt.

"Ich finde nichts", klagt Fodé, der am liebsten Agrarwissenschaften in Dakar studieren möchte. Doch um in der Hauptstadt leben, wohnen und lernen zu können, braucht er monatlich etwa 300 000 CFA (rund 360 Euro). Eine utopische Summe für den jungen Mann, dessen Eltern sich als Bauern vor den Toren von Thiès mühsam übers Wasser halten. Der Überlebenskampf ist von Dürre, Wassermangel, Klimawandel, ausgelaugten Böden gekennzeichnet. So will Fodé nur weg.
"Du stirbst auf dem Meer!" startet Dieudonné noch einen Versuch. Fodé zuckt nur die Schultern: "Egal!"

Einige Meter vom "Rex" entfernt ragt die Kathedrale St. Anne in den blauen Himmel. Das vom Papst ausgerufene "Jahr der Barmherzigkeit" geht zu Ende, zum letzten Mal ist die "Pforte der Barmherzigkeit" an der Bischofskirche geöffnet. Hunderte Gläubige betreten durch sie das Gotteshaus. In einer Sternwallfahrt sind sie zu diesem Herzen des Bistums Thiès geströmt. Barmherzigkeit bekommt hier einen noch viel tieferen Klang als im vergleichsweise sorgenfreien Bamberg.

Auch der 17-jährige Babacar H. lauscht dem Klang des Wortes "miséricorde" nach. Es ist ihm auch als Muslim durchaus vertraut: "Allah ist barmherzig", bekundet Babacar.
Und so legt der überaus begabte Schüler seine Zukunft in die Hände Gottes und des Propheten: "Ich liebe mein Land und die senegalesische Kultur, den Frieden zwischen Islam und Christentum im Senegal", sagt Babacar. Es übersteigt sein Vorstellungsvermögen, seine Heimat womöglich zu verlassen: "Es ist manchmal schwer hier", räumt er ein. Es gebe keine Arbeit, dafür viel Müll auf den Straßen, wenig Wasser und Strom. Aber "ich will dem Senegal helfen, sich zu entwickeln, und jungen Leuten helfen, eine Familie zu gründen und sie zu ernähren".


Aus dem Radio und aus Zeitungen wisse er, dass Europa eben nicht das Paradies sei.

Europa könne jedoch dazu beitragen, dass die Jugend bessere Chancen auf Bildung bekomme: "Die ist das Wichtigste für die Zukunft des Senegals!", weiß Babacar. Und Europa könne helfen, Frauen zu fördern: "Frauen im Senegal sind stark, sie sorgen für die Familie, für den Garten, für den Verkauf auf dem Markt."

Billigen wir Babacar seine Träume zu. Seinen heißen Wunsch, eine Ausbildung zum Piloten machen zu können. Der 17-Jährige ist jedoch Realist genug, um zu wissen, dass er diesen Beruf ohne Unterstützung europäischer Kräfte wohl niemals ergreifen kann. Seine Eltern sind bitterarm. "Dann werde ich als Alternative Krankenpfleger, um den Menschen im Senegal zu helfen", lächelt Babacar.

Und dann formuliert er seine Botschaft an die Deutschen. "Salut! Besucht den Senegal und knüpft Kontakte. Es gibt schon gute Partnerschaften zwischen Senegalesen und Deutschen. Helft unseren Schülern mit Schulpatenschaften und mit einem Heft und einem Stift..."