Kurz bevor die junge Frau den Gerichtssaal betritt, raschelt es bei den Zuhörern. Sie wissen: Sachen zusammenpacken, gleich geht es vor die Tür. So war es am Vortag, und so ist es auch diesmal.

Die Begründung ist immer die gleiche: Da "schutzwürdige Interessen" wie die Krankheitsgeschichte und Sexualsphäre der jungen Frauen zur Sprache kämen, werde die Öffentlichkeit für die Dauer der Vernehmung ausgeschlossen, sagte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt.

Welche intimen Themen angesprochen werden, geht aus der Anklageschrift hervor. Im Fall von Sabine M. (Name geändert) soll der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg seine Patientin mit einem Beruhigungsmittel sediert und handlungsunfähig gemacht haben. Dann hat er laut Staatsanwaltschaft der damals 17-Jährigen die Unterhose herunter gezogen und Nahaufnahmen ihres Intimbereichs gemacht - vorne und hinten. Zudem soll der 50-jährige Mediziner sie dort unten berührt haben.

Sabine M. selbst, heute 18 Jahre alt, weiß von der "Nachuntersuchung" so gut wie nichts mehr. An jenem 24. Juli 2014 sei sie mit dem Bus zum Termin am frühen Abend bei Doktor W. gefahren. Da sie den Eindruck gehabt hätte, das Klinikum schließe, sei sie zurück zum Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) gefahren. Dort habe ihre Mutter auf dem Handy angerufen und ihr mitgeteilt, dass Doktor W. sich gemeldet habe und auf die Tochter warte, die zur Nachuntersuchung bestellt war. Also sei diese mit dem nächsten Bus zurück zur Sozialstiftung gefahren.

Es ist Gerichtssprecher Leander Brößler, der die Aussage der Zeugin wiedergibt - zumindest jene Teile, die nach der nicht-öffentlichen Sitzung in die Öffentlichkeit getragen werden dürfen. Details gibt es keine.
Laut Brößler erläuterte die Zeugin, dass Heinz W. ihr gegenüber angekündigt habe, er werde ihr ein Kontrastmittel spritzen. Danach sei ihre Erinnerung weg gewesen, habe Sabine M. ausgesagt. Auch den restlichen Tag habe sie nur sehr "schwammig" im Gedächtnis. Zwei Tage später sei die Sache "abgehakt" gewesen, es sei in einen mehrwöchigen Urlaub gegangen. Damals habe die junge Frau dann zufällig Artikel auf infranken.de entdeckt.


Zeugin vermutete, dass sie Opfer sein könnte

Sabine M. habe dort mehrere Texte zu einem Arzt am Klinikum gelesen, der verdächtigt werde, zwölf Frauen ein "Mittel" verabreicht und sich an ihnen "vergangen zu haben". "Da habe die Zeugin intuitiv gedacht, dass sie dabei sein könnte", gab Brößler die Aussage der 18-Jährigen wieder.

Die Frau aus dem Raum Bamberg wurde laut des Gerichtssprechers zudem befragt, ob der Begriff "Vergewaltigung" in der späteren Vernehmung durch einen Polizisten gefallen sei. Die Antwort: "ja". Das Wort sei nicht nur gefallen, sondern auch erklärt worden.

Die Nachfrage erklärt sich im Zusammenhang mit einem Antrag von Heinz W.s Anwälten. Sie forderten: Ein Gutachter solle prüfen, ob die Zeuginnen möglicherweise beeinflusst sind. Durch Medienberichte, eine Entschädigungszahlung des Klinikums oder die persönliche Kommunikation der Frauen untereinander. Diese soll möglich geworden sein, weil ein Polizeibeamter eine E-Mail-Adresse, die von der Hauptzeugin zur Verfügung gestellt wurde, an andere mutmaßliche Opfer weitergeleitet habe.

Doch das Landgericht widersprach dem Antrag mit einem Beschluss. Um die Glaubwürdigkeit festzustellen, "erfordert das allenfalls eine sehr sorgfältige Prüfung durch das Gericht", sagte Richter Schmidt.
Kommenden Dienstag geht es um neun Uhr weiter. Mit Opferzeugin Nummer vier.