Wenn Paul die Geschichte der Freundschaft von Steffi und Aischa erzählt, wird es mucksmäuschenstill in der Bücherei. Gebannt lauschen die Kinder, wie die beiden Mädchen voneinander lernen, aber doch nicht alles verstehen können, weil sie aus verschiedenen Kulturen kommen. Wie sie darüber sogar miteinander in Streit geraten und sich zwar versöhnen wollen, aber aus Sturheit beinahe nicht können - bis sie sich trennen müssen, weil Aischa mit ihrer Familie in ein Asylbewerberheim einer anderen Stadt ziehen muss. Und wie dadurch in den Herzen und Köpfen neue Freundschaften möglich werden.

Denn gleich neben der Bücherei, im Bürgersaal von Stegaurach, der seit Monaten eine Notunterkunft ist, werden am nächsten Tag wieder einmal viele neue Flüchtlinge erwartet. Meist sind es Familien aus Syrien. So hat es Cornelia Kempgen, die Leiterin der Bücherei, vorab berichtet. Darum hatte sie Paul Maar gebeten, bei seinem Auftritt im Rahmen des Bamberger Literaturfestivals in Stegaurach mal nicht das Sams zu lesen, sondern eine Geschichte aus der Region, aus der diese Flüchtlinge stammen - meist sind es Familien aus Syrien, so wie die von Aischa in der Maar-Geschichte.


Eine echte Premiere

Eigentlich sollte es "Der verborgene Schatz" sein, ein orientalisches Märchen. Und das war auch im Programm angekündigt. Doch Paul Maar fand eine Geschichte viel passender, die er noch nie öffentlich gelesen hat, und die in einem kleinen Taschenbüchlein erst in wenigen Tagen erscheinen wird. Er ließ sich auch nicht davon abbringen, obwohl den Festivalveranstaltern das Märchen lieber gewesen wäre, hätten sie doch von den mitgebrachten Büchern ein paar mehr verkaufen können.

So aber wurde es eine echte Vorab-Premiere für die rund 120 aufmerksamen Zuhörer in der Stegauracher Bücherei. Und es waren nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch einige unbegleitete volljährige Einheimische, die aufmerksam Paul Maar lauschten, als er die Geschichte "Neben mir ist noch Platz" las.

Nun ist die kurze Erzählung nicht vollkommen neu. Maar hat sie bereits vor über 20 Jahren geschrieben. Damals kamen Aischa und ihre Familie aus dem Libanon. Sie flüchteten schließlich vor der Gewalt in Deutschland zurück in das damalige Bürgerkriegsland. Paul Maar hat sie nun aktualisiert - und wie man an der Reaktion in Stegaurach spürte, die Situation genau erfasst und wie gewohnt den richtigen Ton getroffen. Und das, obwohl ihn gleich zum Beginn ein Hexenschuss traf, der ihn die ganze Lesung über schmerzhaft plagte.


Schmückendes Beiwerk

Von solchen Lesungen darf es im Falle einer Neuauflage des Literaturfestivals gerne mehr geben. Gegenüber den "großen" Autoren werden diejenigen, die für die Kleinen schreiben, doch etwas stiefmütterlich behandelt, fristen sie ihr Dasein in den frühen Vormittagsstunden an den Schulen und am unteren Rand des Programmheftes.

Dabei haben Autoren wie Kirsten Boie, Rolf-Bernhard Essig, Martin Klein, Ute Krause, Fabian Lenk und Sabine Ludewig sicher mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient. Die Lesung mit Paul Maar, die nicht zur Schulzeit, sondern um 17 Uhr stattfand, hat jedenfalls gezeigt, dass Kinder- und Jugendliteratur ein Familien- und Generationenerlebnis sein kann, das sich nicht hinter den "Großen" verstecken muss.


Zeichnungen und Reime

Bei Paul Maar in Stegaurach war es dann auch nicht nur der aktuelle gesellschaftliche Bezug. Mahr richtete sich natürlich in erster Linie an die Kinder, "aber Erwachsene dürfen auch zuhören". Er stellte sich als Illustrator vor, ließ beim Zeichnen die Kinder mitraten, und holte dann den unterhaltsamen Reimschmied heraus ("Affen fallen, wenn sie träumen manchmal schlafend von den Bäumen"). Und bei der abschließenden Fragerunde an den Autor, stand dann doch das Sams im Mittelpunkt.