D er Gesang der Vögel setzte an wie ein Chor, als die mittäglichen Sonnenstrahlen über ihr Antlitz streichelten. Sanft drang das Licht in das schlohweiße Haar und ließ es für einige Augenblicke so aussehen, als trage die alte Frau eine Krone aus gewobenem Gold. Ihr Lächeln war so warm wie das Licht, das sie umgab, und sprach wortlos von gefundenem Frieden. Bevor die fremden Männer das Bett seiner Großmutter für immer verdunkelten, wandte sich der Enkel wortlos ab, nur das schlagende Geräusch von Holz auf Holz verriet ihm, dass der Sargdeckel geschlossen wurde.
Mittlerweile ist diese Erinnerung schon fast ein halbes Jahrhundert alt, der Junge von damals ist heute 56, hat gemeinsam mit seiner Frau drei Söhne und eine Tochter, und geht seit 30 Jahren einer Arbeit nach, die ihn täglich den Tod und das Sterben sehen lässt. Dennoch ist es noch heute ebendiese Erinnerung, die Johannes Kraft, Chefarzt der Coburger Palliativmedizin, sein Berufsbild beschreiben lässt: Friedlich und in Würde sollen seine Patienten gehen können, lächelnd auf den letzten Metern Lebensweg.

In seinem Arbeitszimmer, im vierten Stock des Coburger Klinikums, stapeln sich zu diesem Thema unzählige Bücher in zwei Holzregalen. Titel wie "In Würde gehen" mischen sich mit Sachbüchern zu Religion und Glauben, aber auch moderner klassischer und alternativer Medizin. Vor dieser Wand an Wissen sitzt Johannes Kraft auf seinem Bürostuhl und nippt an einer Tasse Kaffee. "Sterben" sagt er, "das ist, als ob jemand beschließt, den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Das kann man alleine angehen oder mit Hilfe von Sherpas, von Helfern, die einen auf dem Weg begleiten."

Kraft sieht sich und sein Team gerne als solche Helfer, bescheiden, im Hintergrund, niemals aufdringlich, aber immer da, wenn sie gebraucht werden, um die nächsten Meter Weg zum Gipfel zu überwinden oder den Kletterer vor einem Sturz zu bewahren. Worte, menschliche Begegnung und praktische Unterstützung, davon ist er überzeugt, sind dabei die Sicherungsseile der Palliativmedizin.

In der alltäglichen Arbeit gebe es aber auch Situationen wie Sturzbäche, die selbst einen erfahrenen Gehilfen fordern. Man kann mir doch noch helfen? Ich bin doch noch zu retten? Irgendwie kann man das doch behandeln? Wie soll man auf solche Fragen antworten, die von verzweifelten Patienten, oft auch von weinenden Angehörigen gestellt werden, die doch auch nichts anderes suchen, als ein letztes Rettungsseil?

Die grün-blauen Augen von Johannes Kraft verändern sich bei dieser Frage, wie eine warme Meeresoberfläche, die plötzlich gefriert. "Egal wie eindeutig der Befund, wie deutlich die Diagnose sein mag, es ist niemals richtig und auch medizinisch nicht zu rechtfertigen, Hoffnung zu zerstören", sagt er. Stattdessen hat der Arzt ein drei Punkte umfassendes System entwickelt, an dem er sich orientiert.

Nach diesem Plan sind zunächst Kompetenz und Fachlichkeit besonders wichtig, also die Orientierung an allgemein- und palliativmedizinischen Standards und Leitlinien. Dazu gehört auch, sein Handeln nach bestem Wissen und Gewissen auszurichten, um das größtmögliche Wohl für den Patienten zu erreichen. Dafür findet Kraft es besonders wichtig, den individuellen Menschen kennenzulernen, mit seinen Wünschen und Ängsten, auch jenseits medizinischer Fakten.

Ein zweiter Punkt ist Ehrlichkeit. Dem Patienten alle Hoffnung zu nehmen und zu sagen, dass nichts mehr getan werden könne, dass der Kranke nun unweigerlich sterben werde, nur weil er, Johannes Kraft, als Arzt, als Gott in weißem Kittel, nun ein unabwendbares Urteil gesprochen hat? "Das zu behaupten, wäre falsch und reine Selbstüberschätzung", sagt der Mediziner. "Es gibt überraschende Besserungen, gerade in der Palliativmedizin. Es gibt tatsächlich auch Spontanheilungen, die wir uns nicht erklären können. Ich habe so etwas schon erlebt", sagt er, ergänzt aber, dass solche Wendungen leider sehr selten und unwahrscheinlich seien. Zu der von ihm geforderten Ehrlichkeit gehört es daher auch, Patienten und Angehörige auf den wahrscheinlichen Krankheitsverlauf einzustellen.

Der dritte und letzte Punkt umfasst nur ein einziges Wort: Unterstützung. Dabei, die Wahrheit anzunehmen, den Krankheitsverlauf zu akzeptieren, aber auch die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen und die Schmerzen zu lindern. Unterstützung bei einem Sterben in Würde. Palliativmedizin, das bedeutet für Johannes Kraft nicht nur eine Linderung der Schmerzen, sondern auch das Erhalten der Lebensqualität. Wenn eine Patientin beispielsweise auf den Mond fliegen wolle, vielleicht freue es sie dann schon, einen Besuch der deutschen Raumfahrtausstellung ermöglicht zu bekommen.

Kraft denkt diesbezüglich zum Beispiel an eine junge Patientin, die ein Mal in ihrem Leben in der VIP-Lounge des Samba-Festivals in Coburg sitzen wollte. "Ich kann mich noch deutlich an ihr helles Lachen erinnern, als zwei Pfleger sie mitsamt Ihres Rollstuhls über die Absperrung gehoben haben", erzählt er.

Sterben, das ist für Johannes Kraft nicht nur Trauer, nicht nur Verzweiflung, nicht nur Angst. Die letzte Lebensphase könne vielmehr zu einer besonderen Lebensintensität führen. Oder wie der Lyriker Friedrich Hebbel schreibt: "Du siehst eine Sternschnuppe am hellsten leuchten, kurz bevor sie vergeht."

Johannes Kraft und sein Team begleiten ihre Patienten auf dem Flug durch die Sphäre des Lebensabends, sie sind dabei, wenn aus dem bleichen Streifen ein kräftiges Leuchten wird. Nur bei der letzten Etappe, kurz vor dem Verglühen, kurz vor Erreichen des Gipfels, muss der Sterbende seinen eigenen Weg finden. "Es ist wie bei der Ersteigung des Gipfels. Die letzten Meter geht der Sherpa nicht mit, nur bis ganz kurz vor dem Ziel bleibt er dabei", erzählt er.

Anders als bei der Besteigung des Mount Everests, sind er und sein Team oft auch in den letzten Momenten noch physisch anwesend, stehen manchmal direkt neben dem Bett und betten die Hand des Sterbenden in ihre eigenen, oder halten sich im Nebenraum bereit, während ein Paar die letzten gemeinsamen Minuten, ein Kind die letzten Momente mit Vater oder Mutter verbringt.

Den Tod anzunehmen, diese letzte Last kann niemand ganz abnehmen, niemand ganz teilen. Sobald aber das letzte Licht verglüht, die letzten Meter des Berges genommen sind, wartet auf den Wanderer ein Gefühl von Freiheit.