Die Einladung war auch eine Reaktion auf Vorwürfe, die der ehemalige Betreuer der Unterkunft gegen die Kommune erhebt.

Es ist zufällig einer der kältesten Tage dieses Winters, an dem wir mit dem Sachbearbeiter Obdachlosigkeit vom städtischen Amt für Soziale Angelegenheiten, Hermann Werner, in der Theresienstraße 2 (Th 2) verabredet sind. Eiskalt zieht es durch das Fenster im Büro von Sozialpädagoge Thorsten Übel, wo wir uns treffen. "Sie können überall klopfen und mit den Männern reden", schlagen uns Übel und Werner vor. 24 wohnen zur Zeit da. Bis zu 80 könnten notfalls untergebracht werden, wenn die Zimmer doppelt belegt werden, berichtet Werner. Mehr als 34 seien es aber nie gewesen.

Auch wenn es nicht ausdrücklich erwähnt wird, auch nicht vom ebenfalls anwesenden Pressesprecher Franz Eibl, scheint klar: Die Einladung in die städtische Notunterkunft an der Geisfelder Unterführung kommt nicht von ungefähr.

Vor knapp 14 Tagen berichtete der FT über die massiven Vorwürfe, die der frühere Sozialarbeiter in der Th 2, Roland Kirchner (54), öffentlich gegen die kommunale Obdachlosenpolitik und namentlich gegen Hermann Werner erhebt. Von einem menschenunwürdigen Umgang und einem Klima der Angst spricht Kirchner. Auch seinen eigenen Abstieg in Krankheit, Arbeitslosigkeit und Frühverrentung lastet er der Stadt und den Umständen an.

Bewohner, die bis Ende 2008 noch mit Kirchner als Ansprechpartner zu tun hatten, treffen wir keine an, als wir kurz vor Mittag an mehreren Zimmertüren klopfen. Das Haus wirkt wie ausgestorben. Irgendwo wird gekocht: Essensgeruch zieht durch das offene Treppenhaus in die langen Flure. Es könnte aus der Hausmeister-Wohnung kommen, meint Übel. In der Gemeinschaftsküche ist jedenfalls niemand.

Mit der Belegungsliste in der Hand begleitet Übel uns durch die Stockwerke. Die Männer wüssten nicht, dass die Presse kommt, wird uns versichert.

Wir klopfen an Zimmer 25 im zweiten Stock. Es öffnet ein junger Mann mit Mütze. Er stellt sich als Achim Stäblein vor und lässt sich befragen, auch nach dem Klima im Haus. Ob der Umgangston menschenunwürdig sei, fragen wir. "Sicher nicht" lautet seine Antwort. Seit einem Monat wohnt der 33-Jährige, der nach eigenen Angaben gelernter Metzger und Bürokaufmann ist, in der Th 2. Er wolle baldmöglichst wieder weg, sucht eine Wohnung. Vorerst sei er aber froh, da untergekommen zu sein. Halb im Scherz meint er: "Bei der Kälte wäre ich sicher schon erfroren!" Zwei Nächte in einem Gartenhaus hätten ihm gereicht. Da sei es hier besser. Kein Traum, aber ein Dach über dem Kopf und ein beheizbares Zimmer. Wie er in die missliche Lage kam? Durch die Trennung von seiner Freundin, antwortet Stäblein.

Den gleichen Grund nennt Dietrich Patberg (34) aus Zimmer 4. Durch das Ende einer Beziehung ist er seit einem Dreivierteljahr obdachlos und auf die Th 2 angewiesen. Das Haus sei für solche Umstände "vollkommen o.k.", findet er. Auch Stäblein sagt, für jemanden in seiner Lage sei es ein Segen, dass es so ein Haus gibt.
Zu den Vorwürfen, die der frühere Sozialarbeiter Kirchner erhebt, will sich der junge Mann nicht äußern.

Der von Roland Kirchner kritisierte Beamte selbst zeigt sich im Gespräch mit dem FT verwundert, dass ihm der ehemalige Mitarbeiter Mobbing vorwirft.

Er behauptet von sich: "Ich kann mit jedem zusammen arbeiten." Wenn er und der frühere Sozialarbeiter unterschiedlicher Meinung gewesen seien, habe die seinerzeitige Amtsleiterin entschieden. Den Vorwurf, er würde mit seinem Auftreten in der Th 2 ein Klima der Angst erzeugen, findet Werner abwegig: "Ich bin ja am seltensten hier!" Freilich sei er derjenige, der auf den Plan tritt, wenn etwas durchgesetzt werden muss.

Richtschnur seines Handelns bildet die so genannte Obdachlosenunterkunftssatzung von 1980. Sie regle, "warum wir einige Dinge so machen, wie wir es machen". Kirchners öffentlich geäußerte Kritik an der städtischen Sozialpolitik hat Pressesprecher Eibl schon einmal als "Privatkrieg" bezeichnet.

Einen Zusammenhang zwischen den freien Kapazitäten in der Unterkunft trotz Winterwetters und den Vorwürfen des ehemaligen Mitarbeiters besteht aus Werners Sicht nicht.

Die Kälte spiele gar nicht die wesentliche Rolle, wenn jemand kommt, behauptet der Mann, der seit 2001 in der Verwaltung als Sachbearbeiter Obdachlosigkeit fungiert: "Sie glauben gar nicht, wie viele Leute es gibt, die draußen leben wollen." Diese Personen seien auch ausgerüstet, um den Winter zu überstehen, versichert er. Angeblich überzeugt sich der Beamte selbst immer wieder vor Ort davon, gemeinsam mit jemandem vom Vinzenzverein.
Ein volles Haus sei auch nicht das Ziel der kommunalen Sozialpolitik. Vielmehr wolle man Obdachlosigkeit erst gar nicht entstehen lassen und sei da auf einem guten Weg. Nach Werners Statistik waren 1996, als noch Notunterkünfte An der Breitenau existierten, 186 Menschen obdachlos gemeldet. Ende 2011 lag ihre Zahl bei 31.
Neben der Männer-Unterkunft Th 2 hat die Stadt zehn Plätze für Frauen und Familien.