Vielleicht hat das Navi von Manfred Nüßlein den Spruch von der angeblichen Turbo-Konversion in Bamberg ja wörtlich genommen. Jedenfalls leitete es den 51-Jährigen Litzendorfer am 28. November, dem bislang einzigen Tag im Winter 2015 mit Schnee, völlig unbehelligt mitten in das bestbewachte Gebiet Bambergs.

Eine Fahrt, die eigentlich gar nicht hätte stattfinden dürfen. Denn der innere Teil der Birkenallee, der Lindenanger, die Ulmenstraße und andere Teile des Bamberger Ostens befinden sich seit vielen Jahren hinter einem eisernen Vorhang.

Der Abzug der Amerikaner im Sommer 2014 hat daran erst einmal nichts geändert, denn seit September 2015 wird die ehemalige Flynn-Wohnsiedlung wieder rund um die Uhr bewacht, nun von deutschen Kräften, voraussichtlich die nächsten zehn Jahre.

Die wenigsten Bürger waren schon da: Hinter einem grünen Rolltor und einem schießbudenähnlichen roten Wachcontainer beginnt die Sicherheitsszone der Ankunfts- und Rückführungseinrichtung, kurz ARE II. Nicht berechtigte Deutsche haben hier keinen Zutritt; dort zugeteilte Asylbewerber, die aus so genannten sicheren Ländern stammen, können sich frei bewegen.

Bis zum 28. November hatte sich Kaufhausleiter Manfred Nüßlein nur theoretisch mit den Risiken und Nebenwirkungen einer Großunterkunft für Flüchtlinge in seiner unmittelbaren Heimatregion befasst. Das änderte sich schlagartig, als eine Handvoll martialisch aussehender Männer auf seinen BMW zustürmte und ihn abrupt zum Halten zwang.

Zu diesem Zeitpunkt, muss hinzugefügt werden, war der Mann am Steuer der Limousine noch völlig arglos. Er glaubte sich auf dem kürzesten Weg in die Hauptsmoorstraße, wo eine stadteigene Gesellschaft ebenfalls auf Kasernengelände neue Wohnungen in der so genannten Pines-Siedlung präsentierte.


Sprengstoff nicht an Bord

Aus der geplanten Wohnungsbesichtigung wurde vorerst nichts. Nüßlein, der unbehelligt in die Flüchtlingseinrichtung eingefahren war, traf nach ca. 800 Metern die volle Härte einer Sicherheitsmaschinerie, die seit der Festnahme rechtradikaler Bombenbastler in Bamberg auf alle Fälle vorbereitet ist.

Sprengstoff hatte Nüßlein zwar nicht an Bord, aber die Männer, die per Funk über das Auftauchen eines verdächtigen Autos informiert worden waren, konnten auch nicht ahnen, dass es nur um eine 80-Quadratmeter-Wohnung in der Hauptsmoorstraße ging, die die Störfahrt ausgelöst hatte. Hatte der Mann vielleicht mehr im Schilde? Wie konnte er das Verbotsschild am Checkpoint übersehen? War das Zeichen tatsächlich verschneit und nicht zu erkennen, wie der Litzendorfer hinterher behauptet?

Noch am Ort der Irrfahrt wurde der Autofahrer mehrfach fotografiert und etwa eine Stunde lang festgehalten. Sein Hinweis auf die nicht vorhandenen Absperrungen und die aus seiner Sicht unbesetzte Kontrollstation ersparte ihm die "erniedrigende Prozedur" nicht. Die Polizei habe überreagiert, meint Nüßlein heute noch ziemlich sauer.

Oliver Hempfling von der Regierung von Oberfranken hatte bislang keine Kenntnis von dem Vorfall, versucht aber Verständnis für die Reaktion der Sicherheitskräfte zu wecken. "Es ist doch nachvollziehbar, dass nach der Aufdeckung der Anschlagspläne in Bamberg erhöhte Sensibilität besteht." Auch Georg Sennefelder vom gleichnamigen Sicherheitsdienst sieht kein Fehlverhalten seiner Leute, auch keine Versäumnisse bei der Zufahrtskontrolle.

War das Ganze also nur eine Verkettung von unglücklichen Umständen in Zeiten allgegenwärtiger Terrorwarnungen? Oder stimmt die These Nüßleins, das Flüchtlingslager sei nicht einmal so gut geschützt, dass es Irrfahrten navi-gläubiger Autofahrer verhindern könne?

Der bislang völlig unbescholtene Litzendorfer hat sich in seinem Ärger mittlerweile sogar an Bambergs OB gewandt. Der Sicherheitsdienst habe das nötige Augenmaß vermissen lassen. An Polizei und Staatsanwaltschaft appelliert er, die Ermittlungen gegen ihn wegen Hausfriedensbruchs einzustellen. "Ich wusste ja gar nicht, dass ich falsch fuhr."


Wird das Navi angezeigt?

Nüsslein schuldlos? Sein Navi zumindest hätte eine Anzeige verdient. Es lässt Fahrer, die sich in die Hauptsmoorstraße routen lassen, noch vier Wochen nach dem Vorfall mit stoischer Unbeirrtheit an der Pödeldorfer Straße in die Birkenallee abbiegen. Dort, wo sich in Bamberg die verbotene Stadt befindet. Mindestens noch zehn Jahre.