Spezialisten des Bamberger Gesundheitszentrums Mediteam helfen ihr mit modernster Technik.

Wunder geschehen. Manche sogar vor unseren Augen. Ein solches Wunder begann 1983. Mehrere tausend Kilometer von hier, in Tamilnadu, einem kleinen Dorf an der Südspitze Indiens. Beulah war gerade einmal zweieinhalb Jahre alt, als sie plötzlich hohes Fieber bekam. Weil sie bewusstlos wurde, brachte ihre Mutter sie ins Krankenhaus. Als es wieder nach Hause durfte, konnte das fröhliche Kind nicht mehr laufen. Nie mehr. Die Krankheit die Beulah knapp überlebt hatte heißt Polio - Kinderlähmung. Das Wunder war, dass sie keines ihrer Geschwister angesteckt hatte. Und: dass ihre gelähmten Beine gerade geblieben waren und nicht wie verkrampft in einem unmöglichen Winkel vom Rumpf herunterhingen.

Die Familie ließ sie nicht verhungern, kümmerte sich aber kaum um sie. Eine Schulbildung kam überhaupt nicht in Frage und wenn Besuch kam, wurde das behinderte Kind versteckt. Doch das Wunder nahm seinen Lauf: Vimala, die ältere Schwester Beulahs, wurde von Klaus und Christel Schimmelschmidt aus Würzburg als Patenkind angenommen. Die Patenschaft kam über eine christliche Organisation zustande und sollte bis zum Ende von Vimalas Ausbildung dauern.

Ein glücklicher Zufall


Eher zufällig besuchte Klaus Schimmelschmidt sein Patenkind während eines Indienaufenthaltes. So entdeckte der Maschinenbauingenieur Beulah. Sie war damals 16 Jahre alt und lebte mit ihren acht Geschwistern unter unvorstellbaren Bedingungen. Sie saß den ganzen Tag über auf einem Holzbrett. Nie war sie aus der Hütte der Eltern herausgekommen. Höchstens bis in den Hof. Wenn sie zur Toilette musste, wurde sie getragen. Sie war winzig - 1,50 Meter groß und 32 Kilo schwer - und wunderschön.

Die Schimmelschmidts waren entsetzt. So kann doch kein Leben sein! Sie erzählten einem Orthopäden von dem Mädchen und der machte den Pateneltern Mut. Beulah würde mit moderner Technik gehen können. Nicht schön, aber gehen. Die Schimmelschmids setzten Himmel und Erde in Bewegung und organisierten Beulah zwei "Orthesen" in Indien. "Das waren Schienen aus Metall, die beide Beine stabilisierten und in einem Metallkorsett endeten", erinnert sich Christel Schimmelschmidt. Ein wahres Folterinstrument. Damit schaffte Beulah an guten Tagen 13 Schritte, an schlechten gar keinen. Der Entschluss reifte, Beulah nach Deutschland zu holen. Sie war 18 Jahre alt, als sie in Würzburg ankam.

"Wartungsarmes" Material war wichtig


Der Arzt hatte inzwischen einen Kontakt zu Mediteam in Bamberg vermittelt. Er war überzeugt, nur das preisgekrönte Gesundheitszentrum in der Luisenstraße, zu dessen Spezialitäten Orthesen für Schwerstversehrte zählen, würde Beulah weiterhelfen können. "Der Auftrag war eine große Herausforderung. Es war überhaupt nicht sicher, ob wir sie auf die Beine stellen könnten", erinnert sich Udo Gründl. Der jetzige Leiter des Orthetikteams betreut Beulah von Anfang an. Aber es ging besser, als alle zu hoffen gewagt hatten. Das war nur möglich, weil alle zusammen halfen. Die orthopädische Werkstatt von Mediteam baute die ersten Orthesen. Aus einem verhältnismäßig günstigen und "wartungsarmen" Material, das tauglich war für den indischen Alltag und dort mit einfachem Werkzeug schnell reparierbar war.

Beulah hatte freilich den größten Part zu tragen: Sie musste wieder laufen lernen. Jahr für Jahr kam sie für je acht Wochen nach Deutschland, nennt die Schimmelschmidts längst "Mummy and Daddy". Hier sind die Tage stets ausgefüllt mit Terminen: Arztbesuche, Physiotherapie, immer wieder auch Anpassung neuer Orthesen und Unterwassergymnastik. "Manchmal kam sie vor Erschöpfung kaum noch aus dem Wasser", erzählt Christel Schimmelschmidt. Aber ihr eiserner Wille ist heute noch ungebrochen. Mit einer unendlichen Selbstdisziplin stürzte sie sich auf ihr neues Leben. Sie lernte stehen und gehen. Und außerdem nicht nur lesen, schreiben und englisch, sondern auch nähen und sticken und absolvierte sogar eine Universität. Hier lernte sie einen jungen Mann kennen und lieben. Und das Wunder wirkte fort: Auch er verliebte sich und ging keine arrangierte Ehe ein - wie in Indien heute noch üblich -, sondern heiratete das gelähmte Mädchen aus ärmlichsten Verhältnissen.

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