"Spitzenfingergefühl". Der lustige Versprecher des Geschäftsführers Nello Salemmi trifft es sogar noch präziser als das korrekte Wort, was den Erfolg der kleinen Firma in Eltmann ausmacht. Hier entsteht mit viel Fingerspitzengefühl in alten Hallen auf betagten Maschinen ein High-Tech-Produkt, ohne das der Airbus A380 sich nicht in die Luft erheben würde.

Am blauen Himmel über Eltmann kreuzen sich die Kondensstreifen. Die Flugzeuge in 10 000 Metern Höhe haben ganz unterschiedliche Ziele, aber eines ist ihnen gemeinsam: In ihren Triebwerken sorgen Kugellager für einen reibungslosen Flug. Und selbst im größten Vogel ist spielt eines der kleinsten Bauteile eine wichtige Rolle: die Kugel, die das Lager rund laufen lässt.


Ein Geniestreich aus Schweinfurt

Erfunden haben diese Technik schon die alten Römer, aber erst in Franken wurde sie perfektioniert - und zwar so gründlich, dass sich an der der Methode der Kugelherstellung seit 1883 praktisch nichts geändert hat. In jenem Jahr konstruierte Friedrich Fischer ("Kugelfischer") in Schweinfurt eine Kugelschleifmaschine. Sie machte es möglich, die bis dahin einzeln in Handarbeit gefertigten Kugeln massenweise zu produzieren - und mit bis dahin nicht gekannter Präzision. Diese Erfindung ließ zunächst die Fahrräder rollen, später die Autos, sie lässt Maschinen laufen und Flugzeuge fliegen - und sie ist bis heute das Rückgrat der fränkischen Industrie.

Natürlich werden Kugeln auch anderswo produziert, und die Globalisierung macht auch der fränkischen Industrie zu schaffen. Dass es hierzulande trotzdem meist rund läuft, ist dem Bekenntnis zur Qualität zu verdanken. "Die Komponenten, ja, vor ein paar Jahren hat man die nicht so wichtig genommen", sagt Salemmi. Da lautete das Motto: billig kaufen im Ausland.


Phönix aus der Krise

Deswegen stand auch die Kugelfertigung auf der Kippe, die 2000 bei der Kugelfischer-Krise (FAG, heute Schaeffler), aus dem Unternehmen herausgelöst worden war. Der vorletzte Hausherr in Eltmann war die NN-Group (USA), die die Kugelfertigung an die Wand fuhr, vor allem Interesse am Know-How und den Maschinen hatte. 2011 musste die Kugelfertigung Insolvenz anmelden. Die Rettung kam aus Italien: Die Umbra Group, bis dahin Stammkunde, entschied sich, die Eltmanner Kugelfertigung ins eigene Haus zu holen.

Der damalige Umbra-Chef Valter Baldacchini, 2014 verstorben, hatte eine "Vision" für Eltmann, wie er sagte: Kein großes Verkehrsflugzeug auf dieser Welt soll künftig abheben ohne Bauteile von Umbra und Kugeln aus Eltmann.

Diesem Ziel ist man in Eltmann sehr nahe. "Es gibt nicht so viele Hersteller auf dieser Welt, die solche Kugeln liefern können", sagt der kaufmännische Leiter Wolfgang Werner. Bei sensiblen Anwendungen - in Flugzeugmotoren etwa oder in Windrädern - gibt es keine Massenprodukte. Jede Komponente ist ein entscheidender Baustein, wird auf Herz und Nieren geprüft. Hier werden höchste Qualität und Präzision gefordert, alle Produktionsschritte müssen akribisch dokumentiert werden. Versagt ein Bauteil, ist der Schaden immens.
Nello Salemmi gerät ins Schwärmen: "Es ist ja eigentlich simpel, was ist eine Kugel - ein rundes Stück Metall.


Mensch-Maschine-Beziehung

Aber was für Unterschiede!" Den feinen Unterschied macht in Eltmann die Mensch-Maschine-Beziehung aus. Es gibt viele neue Geräte in den Werkhallen, aber auch Maschinen, die sich in einem Kugel-Museum gut machen würden. Nur auf ihnen lässt sich die geforderte Präzision erreichen, weil für das letzte bisschen Genauigkeit der Mann an der Maschine eben genau das braucht, was kein Computer hat und Salemmi so nett formuliert hat: Spitzenfingergefühl.

In der nächsten Folge besuchen wir den Musikinstrumente-Hersteller Meinl in Gutenstetten bei Neustadt an der Aisch