Hermann Hesse war bekanntlich ein großer Freund des häufigen Wohnungswechsels. Zumindest habe ich zu Schulzeiten sein Gedicht "Stufen" dahingehend interpretiert. Schließlich heißt es dort: "Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen". Felsenfest war ich aber schon damals nicht von meiner Interpretation überzeugt; deshalb gab ich zur Sicherheit im Internet "Hesse" und "Umzug" ein und fand sogar eine Möbelspedition. Ich fühlte mich in meiner Theorie bestätigt; bei näherer Betrachtung zeigte sich allerdings, dass das Unternehmen überhaupt nichts mit dem 1877 geborenen Nobelpreisträger aus Calw zu tun hat. Die Möbelspedition wurde 12 Jahre nach dessen Geburt in Düsseldorf gegründet.

So weit, so gut. Aber bei meinem Umzug halfen mir diese Informationen überhaupt nicht. Da ich kein Nobelpreisträger bin und nicht auf ein traditionsreiches Transportunternehmen zurückgreifen kann, musste ich meine Kartonagen nebst Bett und Schreibtisch auf andere Art in den nächstgelegenen Postleitzahlenbereich bewegen. Mein Vater riet mir zu einem Großraum-Taxi. Ich hielt das für eine gute Idee. Meine Freundin Zamira auch. Der Taxi-Fahrer nicht. Er wollte mein Geraffel zunächst gar nicht mitnehmen und machte Anstalten, gleich wieder weg zu fahren.

Schließlich erlag er aber meinem unwiderstehlichen Charme und half sogar beim Einladen. Meine Freundin Zamira hielt dagegen, er habe es aus Mitleid getan - aber sie irrt sich öfter.
Während der Taxifahrt ließen wir das vergangene Semester Revue passieren. Es ist ja einiges passiert.

Es ist einiges passiert

Unter anderem tauchte ein Alkoholverbot aus den 90er-Jahren auf, was im Sommer 2013 zur Räumung der Unteren Brücke führte. Kurz zuvor hatten gut 2000 Studenten und Nichtstudenten für eine Änderung der Sperrzeitregelung demonstriert (hin zu einer Verlängerung, versteht sich). Das Motto der Demonstration war: "Kultur braucht Zeit". Ich sagte zu Zamira, dass man die Sperrzeitregelung zwar durchaus kritisch betrachten könne, dass ich aber nicht fände, dass die Stadt dadurch an kulturellem Potenzial einbüßen würde. Zumindest habe ich in Bamberg nach 2 Uhr nachts noch nie etwas erlebt, was auch nur im Entferntesten mit Kulturkonsum zu tun hat - außer vielleicht mit dem der Bierkultur.

Ich erzählte weiter von einem Interview mit den Organisatoren der Berlinale, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte. Darin sagten sie, dass sie jede noch so gute Aftershow-Party früh verlassen würden, weil es nichts Wichtiges gäbe, das man nach 2 Uhr mit 24 Gläsern Sprudelwein intus noch besprechen müsste. Vielleicht sagten sie auch 24 Uhr und zwei Gläser, aber darum geht es ja nicht.

Zamira antwortete, ich solle aufhören, so altklug zu reden, und dann, dass es ganz normal sei, dass es bei der Sperrstunde gegensätzliche Meinungen gäbe. Ich stimmte zu, wies aber daraufhin, dass Hesse nicht umsonst im "Glasperlenspiel" schrieb: "Unsere Bestimmung ist es, die Gegensätze richtig zu erkennen, erstens nämlich als Gegensätze, dann aber als Pole einer Einheit".

Stadt ohne Sperrstunde wartet

Da schaltete sich der Taxi-Fahrer ein und drohte mir, mich sofort rauszuschmeißen, wenn ich nicht die Klappe halten würde. Zamira sagte, sie würde, sobald wir ausgeladen hätten, meine Hermann Hesse-Biografie in den Müll schmeißen. Tatsächlich fand ich diese nicht wieder, nachdem wir die Kartons ausgepackt hatten.
Wir kehrten noch einmal zur Schlüsselübergabe in mein altes Zimmer zurück. Es ist schon seltsam, in so einem leeren, abgelegten Zimmer zu stehen. Aber als junger Erwachsener muss man eben lernen, sich von den Dingen zu lösen.

Ich dachte auch daran, dass ich mich über die Semesterferien ebenfalls von Bamberg verabschieden würde. Zuhause warten meine Familie, eine Stadt ohne Sperrstunde und anstelle von Bamberger Bier gibt es dort Waibstadter Adler-Bräu.

Zamira riss mich aus meinen Gedanken und drängte zum Gehen. Diesmal war sie es, die Hermann Hesse zitierte. "Wohl an denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!", rief sie mir leicht genervt zu. Dann zog sie die Hesse-Biografie aus ihrer Handtasche und drückte sie mir lächelnd in die Hand. Vom Cover strahlte mir der Schriftzug entgegen: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". In diesem Sinne freue ich mich auf das kommende Semester.

Einen schönen Tag (und erholsame Stunden im Garten)
wünscht Ihnen Ihr

Tarek J. Schakib-Ekbatan