Die Fäuste flogen, ein 29-Jähriger wurde mit einem Messer in den Hals gestochen, Nachbarn in der Oberen Königstraße riefen die Polizei: Des Angriffs mit einem Messer dringend verdächtig war Peter B. (Name geändert), 40 Jahre alt und Bruder des Opfers. Er musste sich an zwei Verhandlungstagen vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte den Angriff vom 13. Mai 2015 als versuchten Totschlag gewertet.


Der Bruder sagte nicht aus

Am zweiten Verhandlungstag, dem gestrigen Donnerstag, gab es dann eine Überraschung: Der Beweis, dass B. seinen jüngeren Bruder angegriffen und verletzt hat, konnte in der Hauptverhandlung nicht erbracht werden. Weder das Motiv noch den Ablauf noch die Personen, die das Geschehen beobachtet haben mussten, konnte die Kammer in Erfahrung bringen.

Der als Zeuge vernommene jüngere Bruder, das mögliche Opfer, hatte am ersten Verhandlungstag von seinem Aussage-Verweigerungsrecht Gebrauch gemacht, ebenso die Mutter der beiden Männer.
Vorsitzender Richter Manfred Schmidt hielt es in der Urteilsbegründung für nicht ausgeschlossen, dass Peter B. nicht der Angreifer war, sondern den Bruder nur abwehren wollte. Dafür spreche, dass er während der Rangelei unter seinem Bruder gelegen habe. Es gebe in diesem Fall zu viele Ungereimtheiten, weshalb der Mann nicht verurteilt werden könne.

Auch Staatsanwalt Christian Schar hatte zuvor ohne langes Plädoyer auf Freispruch plädiert. Die Verteidiger des Angeklagten, die Rechtsanwälte Oliver Teichmann und Peter Plischke, schlossen sich an. Trotzdem muss Peter B. für einige wenige Wochen ins Gefängnis gehen, weil er in einem anderen Fall im Vollrausch eine Gruppe junger Leute attackiert, geschlagen und getreten hat.

Es war wenige Wochen nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft, wo er wegen des Vorfalls in der Oberen Königstraße eingesessen war. Kurze Zeit nach der Entlassung hielt er sich am Abend des 17. Juli volltrunken auf dem Platz gegenüber dem Bahnhof auf. Dort pöbelte er drei junge Leute an. Als diese das Angebot, aus seiner Wodkaflasche zu trinken, ablehnten, wurde er ausfällig und fing an zu schlagen und zu treten. Eines der Opfer schubste er in ein Rosenbeet. Die Geschädigten erlitten Kratzer, Abschürfungen und eine Beule am Hinterkopf.


Gutachten gab den Ausschlag

Diese Tat hatte die Staatsanwaltschaft als gefährliche Körperverletzung eingestuft. In der Beweisaufnahme stellte sich heraus, dass auch dieser Vorwurf nicht haltbar ist. Vor allem das Gutachten des Nervenarztes Christoph Mattern vom Bezirksklinikum Obermain gab den Ausschlag. Dieser beschrieb den Angeklagten als psychisch unauffällig und mit durchschnittlicher Intelligenz ausgestattet. Peter B. weise allerdings Zeichen einer psychischen und physischen Abhängigkeit von Alkohol und Drogen auf.

Er sei heroinabhängig gewesen und außerdem spielsüchtig. Seine Persönlichkeit zeige dissoziale Züge: Er könne kaum Empathie empfinden und neige unter Alkoholeinfluss zu gesteigerter Aggressivität. Eine frühere Therapie sei "leider nicht sehr erfolgreich gewesen". Bei der Tat am 17. Juli sei Peter B. in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt gewesen. "Ein Vollrausch ist nicht ausgeschlossen." Die Zukunftsaussichten für B. sind nach Einschätzung von Mattern nicht sehr gut. Er müsste sich dringend einer Therapie unterziehen, lehne dies aber ab.

Für Staatsanwaltschaft, Verteidigung und schließlich auch für das Gericht stand damit fest, dass Peter B. nicht wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden kann, sondern nur wegen eines fahrlässigen Vollrausches. Für diesen allerdings muss er ins Gefängnis.

Die Kammer verurteilte ihn zu drei Monaten Haft. Dass ihm Bewährung versagt blieb, begründete Richter Schmidt mit der Tatsache, dass der Angeklagte in jüngster Vergangenheit mehrfach verurteilt worden sei für Delikte, die er ausnahmslos unter erheblichem Alkoholeinfluss begangen habe. Eine Geldstrafe sei damit ausgeschlossen. Die im Fall Königstraße zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft von 40 Tagen werde auf seine Haftstrafe angerechnet. Schmidt redete dem Angeklagten zum Abschluss ins Gewissen. Er solle sich ernsthaft überlegen, ob er sich nicht doch noch in Therapie begeben möchte.