Martin Sonneborn ist nicht nur lustig. Der Vorsitzende der PARTEI und Europaabgeordnete entlarvt mit seinen Aktionen und Sprüchen einen zunehmend hohlen Politikbetrieb. Sich öffentlich zum "Abschaum des Parlaments" zu rechnen, ist für einen Abgeordneten eher ungewöhnlich. Auch sonst sticht Martin Sonneborn, der am Samstag mit seiner Ein-Mann-Politshow im voll besetzten Hegelsaal gastierte, aus der Menge der gesichtslosen und austauschbaren Politik-Charaktermasken heraus. Der Vorsitzende der PARTEI - Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative - plaudert munter über seinen Alltag im Straßburger Europaparlament, vornehmlich übers Geld.
Geld, das man als Abgeordneter abgreifen kann. Kilometer- und Sitzungsgeld, Tabuthemen sonst in Talkshows, die als Surrogat des Parlamentarismus dienen. Die PARTEI, 2004 als politischer Arm des Satiremagazins "Titanic" gegründet, dem der 50-Jährige fünf Jahre lang als Chefredakteur diente, ist keine Spaßpartei. Mit oft ätzender Satire legt sie Defizite des Politikbetriebs bloß, keineswegs nihilistisch, sondern hinter allem scheinbaren Klamauk schillert stets eine gut humanistisch-linke Grundierung auf. Gut vergleichbar ist die PARTEI mit der "Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze", 1911 gegründet vom Schriftsteller Jaroslav Hašek ("Schwejk"), die seinerzeit eine laue tschechische Sozialdemokratie parodierte.
Auf der Bühne saß am Samstag ein Profi, schlagfertig und mit allen satirischen Wassern gewaschen. Geboten wurde nach Publikumsbeleidigungen als Running Gag - "Kleinstadt hier in Dings", "ich weiß, Sie müssen morgen früh auf die Felder" - eine Dia- und Clipshow mit Erläuterungen. Ein Abriss der PARTEI-Historie anhand vieler Plakate war zu sehen, immer dem obersten Prinzip "Inhalte überwinden!" verpflichtet. So mancher Rechtsstreit war da unvermeidlich, etwa als die Aktivisten plakatierten "Merkel ist doof!" und darunter schrieben "Wählt die PARTEI - sie ist sehr gut!" Geradezu genial ist das Plakat mit vier attraktiven Damen überschrieben: "Bla bla, bla-blabla blabla blablab" und "Wenn Sie uns wählen, lassen wir die 100 reichsten Deutschen umnieten."
Gelungen auch der Slogan "Wir sind zwei Volk", wie die PARTEI ja auch von ihren Anfängen an für eine erneute räumliche Abtrennung der Beitrittsgebiete eintrat. Durch "Wahlplakat-Ergänzungsaufkleber" brachte sie die NPD zum Greinen, die der Sonneborn-Truppe "menschenverachtende Mordfantasien" vorwarf.
Schön sind auch Vorschläge wie ein atomares Endlager am Prenzlauer Berg zu errichten, schön sind die Erzählungen Sonneborns aus dem Europaparlament, wo er immer abwechselnd mit Ja oder Nein stimmt und zwischen einem polnischen Verrückten, einem "unrasierten AfD-Mann" und Marine Le Pen sitzt. Schön sind Intima wie der Sitzungsrhythmus der nach Sonneborns glaubhafter Einschätzung vollkommen machtlosen Parlamentarier. Am schönsten war das Gesicht Günther Oettingers in einem Einspieler, als Sonneborn - durchaus ernsthaft - den EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft nach seinem Führerscheinverlust fragte und schwäbischen Inkunabeln und ob das Internet dies vergessen sollte.
Ja, einer wie Sonneborn, der sich mit sonorer Stimme als "Herr Magister" oder "Eure Exzellenz" anreden lässt, ist ein bunter Hund in einer Horde grauer Schafe. Prophetisch war sein Bestechungsversuch im Jahr 2000 (Bild: "Böses Spiel gegen Franz"), als er die Fußball-WM vielleicht doch nach Deutschland holte. Abgedroschen ist der Satz, dass die Realität Satire übertrifft. Aber auch Phrasen sind bisweilen wahr.