Von wegen träge Behörde. Im Rathaus herrscht emsige Betriebsamkeit. Rein- und Rausschleppen im Begegnungsverkehr. Das Mobiliar des Sitzungssaales zieht aus, das Innenleben der Bücherei ein. Derweil warten oben in der Küche im ersten Stock drei Familien darauf, sich dem Bürgermeister vorzustellen - und sich über die Busanbindung nach Bamberg zu erkundigen. Die ersten Flüchtlinge sind in Gundelsheim angekommen. Neuland für alle.

Gespannt und geduldig wartet die Gruppe auf Jonas Merzbacher. Der schnappt sich noch schnell ein paar Süßigkeiten aus dem Gemeindevorrat, um sie an die Kinder zu verteilen. Die Verständigung darüber klappt wortlos. Für den Rest kramt Merzbacher sein Englisch hervor. Für die Familien übersetzt der junge Syrer Hussam. "Wir machen das zum ersten Mal", entschuldigt sich Merzbacher dafür, dass er bei etlichem einfach nachfragen muss. "No problem", für die Familien.

Das Wichtigste sei, die Sprache zu lernen legt Merzbacher den 16 Menschen ans Herz. "Gundelsheim". "Rathaus". Das sind die beiden Worte, die er ihnen zusammen mit ihrer Adresse als erste Begriffe beizubringen versucht. Auf der Gundelsheim-Karte zeigt er Hussam, wo genau man sich nun befindet.

23 Tage waren die drei Familien - Nachbarn in Damaskus - auf der Flucht. Mit dem Bus, mit dem Boot und vor allem dann zu Fuß. Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und zuletzt Schweinfurt, sind die Stationen die Hussam aufzählt. Ein Familienvater hat die Strapazen nicht überlebt, ein zweiter wollte erst gar nicht mit. So viel hat der Bürgermeister bei den ersten Begegnungen schon erfahren.


Auf Appell reagiert

Gundelsheim hat auf den Appell des Landrates und des Regierungspräsidenten reagiert und vier Häuser gemeldet, in denen man hier Flüchtlinge aufnehmen könnte: in einer privaten Immobilie, die anderen sind gemeindlich. Vor wenigen Tagen kam dann die Mitteilung, dass die ersten Menschen eintreffen. Der Landkreis hat die private Immobilie für sie ausgesucht. Das war der Zeitpunkt, an dem die Gemeinde das Gespräch mit den Nachbarn suchte. Bedenken wurden besprochen, größtenteils ausgeräumt, fasst der Bürgermeister zusammen. "Nach einem Monat werden wir uns in dieser Runde wieder austauschen."

Per Gemeindeausschuss-Beschluss stellt Gundelsheim nun kommunale Liegenschaften zur Verfügung: Die bisherige Bücherei und das Anwesen in der Bachgasse 12, das einmal zur neuen Bücherei werden soll. "Die Pläne dafür laufen weiter", erklärt Merzbacher. Auch wenn das Gebäude nun erst einmal für die aktuelle Nutzung ertüchtigt wird. Ebenso die bisherige Bücherei. Wo es beispielsweise keine Duschen gibt. Und die Bücher? Die finden jetzt erst einmal im Rathaus eine Bleibe. Dafür wird der Sitzungssaal geräumt. Schließlich wird der nur einmal im Monat gebraucht. Die Bücherei wesentlich öfter. Möglicherweise werde die Bücherei vom Publikumsverkehr hier profitieren.

Bücherei-Leiterin Gabriele Bleier und ihr Team schleppen jedenfalls mächtig, um den Medienbestand ins Rathaus zu schaffen. Kinderbücher kommen in ein bisheriges Büro, aus dem Merzbacher für eine Bürgerin noch schnell ein paar gelbe Säcke holt und ausgibt. "Der Betrieb geht ganz normal weiter", sagt er und: "Es ist wichtig, dass den Bürgern nichts weggenommen wird. Keinem Gundelsheimer wird es schlechter gehen." Damit begegnet der Bürgermeister Befürchtungen, die Ausbaupläne für die neue Bücherei würden eingestampft, das Baugebiet nicht weiter verfolgt, Veranstaltungen ausfallen, oder die Turnhalle für die Unterbringung von Flüchtlingen herangezogen. "Nichts von alledem."

"Integration kriegen wir nur hin, wenn es für uns etwas Selbstverständliches ist." Dazu gehöre eben auch, dass der Alltag und das Bisherige selbstverständlich weitergehe. "Man darf den Blickwinkel für die Gemeinde nicht verlieren, es darf nicht nur das Thema Flüchtlinge geben." Freilich ist das gerade für ihn eines, bei dem er wie der Rest der Gundelsheimer Neuland betritt. Fragen hilft. Zum Beispiel, was die Papiere anbelangt. Jeder der Menschen in der Teeküche hat ein Begleitpapier mit Foto oben drauf. Merzbacher braucht alles zum Kopieren. Dann fragt er wegen der Fahrscheine: Die gibt's im Rathaus, für die Menschen aus Syrien wie für die aus Gundelsheim.


Rund 50 Flüchtlinge

Insgesamt rund 50 Flüchtlinge werden in der nächsten Zeit hier leben - "bei 3500 Einwohnern". Ins Haus zu den 16 Syrern werden weitere zehn kommen. Bei den anderen handelt es sich um Jugendliche, die in bisheriger und künftiger Bücherei unterkommen. Den Flüchtlingen ist Betriebsamkeit im Rathaus geschuldet; aber auch den Bürgern, die nicht aufs Ausleihen von Medien aller Ar verzichten sollen. Nur der Gemeinderat verzichtet - auf seinen Saal. Hat er schon mal: zugunsten der Mittagsbetreuung, die sich nun prächtig entwickelt hat.